Linkspartei-Spitzenkandidatin Zimmer: Gabi, die Gradlinige

Linkspartei-Spitzenkandidatin Gabriele Zimmer mit Helfern des Wahl-O-Maten (Bildquelle: dpa)

Spitzenkandidatin der Linkspartei

Gabi, die Gradlinige

Eher klare Kante statt großer Geste: Im Europawahlkampf der Linkspartei setzt Spitzenkandidatin Gabi Zimmer eigene Akzente. Sie sucht das Gespräch und will Klischees ausräumen. Mit der Kritik an der EU und an ihrer Partei hat sie umzugehen gelernt.

Von Ute Welty, tagesschau.de

Wer wissen will, wie es Gabi Zimmer geht, schaut ihr am besten in die Augen. Die sind zwar an diesem Nachmittag in Erfurt dem Europawahlkampf geschuldet ein wenig müde, aber ansonsten sehr blau und sehr klar. Überhaupt macht Zimmer einen überaus gradlinigen Eindruck. Seit 2004 vertritt sie die Linkspartei im Europaparlament. Sie kennt ihre "Pappenheimer", die Themen und Klischees, die jetzt auch im Wahlkampf an sie heran getragen werden.

"Die EU ist da!"

Zimmer reagiert dann gelassen: "Meist ist die Barriere schon nach zwei, drei Minuten überwunden, die die Leute im Kopf haben. Die von der EU als Wasserkopf, als bürokratischem Monster, wo es nur um die Krümmung der Bananen und der Gurken geht." Zimmer sieht sich als Mittlerin. Sie sei nicht dazu da, Fragen vom Tisch zu wischen. "Die EU ist nichts an sich Schlechtes und nichts an sich Gutes", meint sie, "die EU ist da. Jetzt müssen wir gucken, was wir daraus machen".

Linkspartei-Spitzenkandidatin Gabriele Zimmer (Bildquelle: dpa)
galerie

Linkspartei-Spitzenkandidatin Gabi Zimmer kämpft ihren eigenen Wahlkampf auch abseits der großen Bühne.

Das klingt emotionsloser als es tatsächlich gemeint ist. Europa spielt in Zimmers Biografie eine herausragende Rolle. 1955 kam sie in Ost-Berlin zur Welt, wuchs in Thüringen auf und studierte Sprachen in Leipzig. Schon damals wählte sie bewusst mit Russisch und Französisch eine osteuropäische und eine westeuropäische Sprache, um das Gefühl für Sprache und Kultur in beide Richtungen weiterzuentwickeln.

"Ich war Europäerin, bevor die DDR-Bürgerin Deutsche wurde", sagt sie und erklärt mit Nachdruck weiter. "Mit dem Untergang der DDR war für mich klar: Jetzt habe ich die Möglichkeit, ganz Europa kennen zu lernen. Auf meinen Postkarten - die gab es damals noch - stand nie 'Deutschland', sondern immer 'Germany' oder 'Allemagne'. Das fiel mir leichter. Irgendwann bin ich dann über die europäische Normalität auch in der Bundesrepublik angekommen."

"Ich muss mich nicht an jedem Konflikt beteiligen"

Überhaupt die Wende. Zimmer lässt keinen Zweifel daran, dass seitdem nichts mehr so ist wie vorher. Dass sich Maßstäbe verschoben haben. Und dass sie seitdem wenig erschüttern kann. "Wenn Sie einmal an dem Punkt sind, wo sich alles umkehrt, wo Sie alle Werte hinterfragen, lernen Sie auch, dass das seine Zeit braucht."

Diese Erfahrung nimmt Zimmer in alle ihre Auseinandersetzungen mit, sei es in der Partei oder in der Fraktion. "Ich muss mich nicht mehr an jedem Konflikt beteiligen", meint Zimmer und wirkt dabei weder arrogant noch resigniert. Schließlich ist hinlänglich bekannt, dass die Linkspartei gerne streitet.

Wahlprogramm der Partei Die Linke zur Europawahl 2014
galerie

Über das Wahlprogramm der Partei Die Linke zur Europawahl wurde intensiv diskutiert, besonders über den Text der Präambel.

Die "konföderale Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordischen Grünen Linken" im Europaparlament, der Zimmer seit 2012 vorsitzt, gilt als bunt gemischter Haufen und würde in jedem Trickfilm über die Eiszeit als krasse Herde durchgehen. Bislang gehören dieser Fraktion 34 Abgeordnete aus zwölf Staaten an, die 17 Parteien vertreten. Durch Veränderungen im Wahlrecht müssen die Linken bei der Europawahl mehr Stimmen als bei früheren Wahlen gewinnen, um die Zahl der Mandate zu halten.

"Menschenrechte ohne Abstriche gewährleisten"

Dafür kämpft Zimmer als Spitzenkandidatin der Linkspartei und beobachtet genau, wie auf der anderen Seite, am rechten Rand, die Kräfte erstarken. Das Gegenkonzept steht: "Die Europäische Union muss der Raum sein, in dem für jeden einzelnen und ohne Abstriche oder doppelten Boden die Menschenrechte in ihrer Einheit von sozialen Rechten und Freiheitsrechten gewährleistet sein müssen." Die Rechten würden genau diese Angst der Menschen vor dem Verlust ihrer Rechte ausnutzen. Es gelte, dem den Boden zu entziehen und Menschenrechte zu stärken.

Eu-Parlament in Straßburg (Bildquelle: AFP)
galerie

Seit 2004 ist Zimmer Mitglied des Europäischen Parlaments und engagiert sich unter anderem in Menschenrechtsfragen und für soziale Themen.

Was wie eine theoretische Selbstverständlichkeit klingt, hat in Zimmers Sinne massive praktische Auswirkungen. Ein Krisenmanagement wie in Griechenland oder Spanien sei schlichtweg nicht durchführbar. "Es ist mit den Menschenrechten nicht vereinbar, die griechische Gesundheitsversorgung regelrecht zu zertrümmern", so Zimmer, "das ist eine humanitäre Katastrophe." Wer die Menschenrechte beachte, könne weder in Mindestlöhne eingreifen noch Flüchtlinge in Lager sperren.

"Zonen-Gabi" oder "Merkels kleine Schwester"?

Linkspartei-Spitzenkandidatin Gabriele Zimmer (Bildquelle: picture alliance / dpa)
galerie

Gabi Zimmer war von 2000 bis 2003 Vorsitzende der PDS.

Zimmer schafft es immer wieder in wenigen Sätzen, die Prinzipien europäischer Politik nach zu zeichnen. Dafür braucht sie weder blumige Worte noch farbige Bilder. Die angewandte Schlichtheit wie Präzision gereichte ihr nicht immer zu Ehre. Als Zimmer zwischen 2000 und 2003 den Vorsitz der Vorgängerpartei PDS übernahm, ging die Presse nicht gerade zimperlich mit ihr um. Blass wirke sie, spröde, wenig geeignet für die erste Reihe. Als "Zonen-Gabi" wurde sie bezeichnet und auch als "Merkels kleine Schwester". Was sie heute mehr verletzt? Nur kurz denkt Zimmer nach. "Zonen-Gabi", sagt sie, "weil das nicht nur mir galt."

Natürlich erinnert auch sie sich an jene "Gabi" getaufte Figur auf dem Titel des Satiremagazins "Titanic", die eine Gurke für die erste Banane hält. Über deren Krümmung wurde damals nicht öffentlich diskutiert. "Merkels kleine Schwester" lässt Zimmer auflachen. Sicher gebe es Parallelen im Lebenslauf, vor allem in der Jugend, und ja - es gebe auch eine gemeinsame Tendenz, die Dinge vor allem sachlich anzugehen. Aber: "Ich kritisiere ihre Politik wegen dem, was sie macht. Und nicht, weil sie als ostdeutsche Frau da steht. Warum sollte sie auch nicht als ostdeutsche Frau da stehen?"

Stand: 05.05.2014 13:26 Uhr

Darstellung: