David McAllister - Optimismus als Programm

CDU-Spitzenkandidat David McAllister (Bildquelle: dpa)

CDU-Spitzenkandidat McAllister

Europa als Chance

CDU-Spitzenkandidat McAllister präsentiert Europa als Erfolgsgeschichte. Er setzt aus Prinzip auf das Positive und will die Menschen von einem "Weiter so" überzeugen. Doch hinter der Wahlkampflokomotive Angela Merkel wirkt er blass.

Von Simone von Stosch, tagesschau.de

"Wer ist denn das?", tuschelt es auf einigen Bierbänken. Der Marktplatz von Güstrow ist an diesem Abend gut besucht: Europa-Wahlkampfauftakt der CDU. Von der Bühne herunter spricht CDU-Spitzenkandidat David McAllister über ein "starkes, ein stabiles und sicheres Europa". Eine blasse Rede, verhaltener Applaus. Begeisterung sieht anders aus.

Kaum einer kennt hier den Spitzenkandidaten der CDU. Wie denn auch? Die CDU versteckt ihn regelrecht. Auf den meisten Plakaten zur Europawahl und in den TV-Werbespots fehlt sein Gesicht. Wie soll McAllister da Zugpferd für den Wahlkampf sein? Ausgerechnet hier in Mecklenburg: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Werften mussten schließen, Fischereirechte wurden eingeschränkt. Die EU gilt vielen als lästiger bürokratischer Apparat. Zweifel und Frust sind groß. Die Lobpreisung Europas als Hort von Frieden und Freiheit verfängt da nicht. Den Spitzenkandidaten auf der Bühne und sein Publikum trennen an diesem Abend Welten.

"Wir treten als Team an"

CDU-Spitzenkandidat David McAllister mit CDU-Chefin Angela Merkel (Bildquelle: dpa)
galerie

Im Europawahlkampf setzt die CDU mehr auf Bundeskanzlerin Angela Merkel als auf ihren Spitzenkandidaten David McAllister.

Aber da ist ja noch "die Angela". Auch hier in Güstrow ist die Kanzlerin an der Seite von McAllister - wie bei allen Großveranstaltungen. Europa hin oder her, für Angela Merkel ist der Auftritt ein Heimspiel: Lang anhaltender Applaus und frenetischer Jubel sind ihr in der alten Heimat sicher. McAllister steht derweil ein wenig unbeholfen auf der Bühne herum und klatscht mit. So geht es ihm oft dieser Tage. Wie kommt der Spitzenkandidat damit klar, dass die CDU vor allem auf Merkel setzt? "Sehr gut. Wir treten als CDU im Wahlkampf als Team an." Das klingt regelrecht tapfer. 

Dabei könnte der charismatische 43-Jährige aus Niedersachsen wohl mehr. Lange galt er als die Nachwuchshoffnung der CDU. Eine glänzende Karriere wurde ihm vorausgesagt. "Der kann mehr. Sogar Kanzler", so hieß es. Fast drei Jahre war McAllister sehr erfolgreich niedersächsischer Ministerpräsident. Er bewies Führungsstärke, zeigte sich unideologisch und offen für Ideen, konnte Brücken bauen zum politischen Gegner, war angesehen in seiner Partei und beliebt als junger dynamischer Landesvater.

Trauma Wahlniederlage

Dann kam der 20. Januar 2013: seine heftigste, schmerzlichste Niederlage bisher. Bei den Landtagswahlen in Niedersachsen gaben viele CDU-Wähler der FDP ihre Stimme. Die Leihstimmen-Kampagne, die doch die Fortführung von Schwarz-Gelb garantieren sollte, ging gründlich schief. McAllister musste sich dem SPD-Mann Stephan Weil geschlagen geben - für den smarten erfolgsverwöhnten CDU-Nachwuchspolitiker war das, so sagen Parteifreunde aus Niedersachsen, ein traumatisches Erlebnis.

McAllister (Bildquelle: dpa)
galerie

McAllister vor der Porträtgalerie seiner Vorgänger Wulff, Gabriel, Glogowski und Schröder. Die verlorene Landtagswahl in Niedersachsen war für ihn ein traumatisches Erlebnis.

Nach dieser Niederlage war McAllister weitgehend arbeitslos. Gerüchte, er wolle in die Wirtschaft wechseln, dementierte er mehrfach. Im Herbst dann wurde über seinen Wechsel ins politische Berlin spekuliert. Ein hohes Amt in der Partei oder einen Platz im Bundeskabinett - wieder einmal sagte man ihm eine große Zukunft voraus. Ja, es habe Gespräche gegeben, so McAllister. Am Ende wurden andere Namen genannt. Für den CDU-Mann, der bekannt ist für seine absolute Loyalität zur Kanzlerin, war dies keine ganz glückliche Erfahrung.

Selbstverständnis eines überzeugten Europäers

CDU-Spitzenkandidat David McAllister (Bildquelle: dpa)
galerie

Auf seine Aufgabe als Spitzenkandidat bereitete sich McAllister intensiv vor.

Nun also ist er Spitzenkandidat für Europa. Obwohl die CDU gar keinen Spitzenkandidaten für Europa kennt, denn gewählt wird die Union über Landeslisten. McAllister nimmt seine Aufgabe dennoch ungeheuer ernst. Er ist keiner, der unvorbereitet einen neuen Job antritt. Der Niedersachse hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv auf die Kandidatur vorbereitet, reiste mehrmals nach Brüssel, um Kontakte zu knüpfen, verfolgte als Gast die Sitzungswochen des EU-Parlaments in Straßburg, wälzte sich durch Verordnungen und Besonderheiten der Brüsseler Bürokratie. "Ich hatte ja auch viel Zeit - unfreiwillig", fügte er neulich selbstironisch hinzu.

McAllister nennt sich selbst einen überzeugten Europäer. Man nimmt ihm das wirklich ab - auch wegen seiner europäischen Biografie. Sein Vater ist Schotte, kam nach dem Krieg als Angehöriger der Rheinarmee nach Berlin, heiratete eine Deutsche und schlug im einstigen Feindesland Wurzeln. Sohn David sprach Englisch schon vor dem Deutschen. Er verbrachte seine Kindheit in Berlin, bis die Familie nach der Pensionierung des Vaters ins niedersächsische Bad Bederkesa zog. Hier wohnt McAllister bis heute, war lange Bürgermeister und Schützenkönig - die bodenständige Seite des weltgewandten Europäers.

McAllister gehört zu einem neuen Typ von Politiker: höflich, optimistisch und ein bisschen zu glatt. Provokante Zuspitzungen und Eigensinn sucht man bei ihm vergeblich. McAllister ist einer, der gern mit dem Strom schwimmt statt gegen ihn. Der den Fokus lieber auf Positives legt als auf Probleme.

McAllister wertet Europa als Erfolgsmodell

Wahlplakate des CDU-Spitzenkandidaten David McAllister (Bildquelle: picture alliance / dpa)
galerie

Und es gibt doch Wahlplakate von ihm: McAllister und die CDU wollen im Wahlkampf Optimismus und eine positive Sicht von Europa verbreiten.

So auch beim Thema Europa. "Die 500 Millionen Einwohner des größten Binnenmarktes der Welt leben heute in Sicherheit und genießen überwiegend einen hohen Lebensstandard. Die Europäische Union strahlt weit über ihre Grenzen hinaus Stabilität und Wohlstand aus", so McAllister. Die Krise sei überwunden, der Reformkurs sei richtig, Europa: ein tolles Erfolgsmodell. Das alles wiederholt der Spitzenkandidat unverdrossen - in jeder Rede, auf jedem Marktplatz.

Damit bewegt sich der junge Niedersachse exakt auf Parteilinie. Die CDU hat sich vorgenommen, Europa in schönsten Farben zu malen: glückliche alte und junge Menschen lachen von den Plakaten. Statt Eurokrise, Schulden und Bürokratie geht es den Christdemokraten um Aufschwung, Arbeitsplätze, Stabilität und Wohlstand. Verantwortlich dafür ist - natürlich - die CDU von Helmut Kohl bis Kanzlerin Merkel.

Ob McAllister und seine Christdemokraten damit die Menschen wirklich erreichen? Manchmal, so scheint es, hat der Spitzenkandidat selbst Zweifel daran. Er, der so locker, smart und witzig sein kann, wirkt in diesem Europawahlkampf ein wenig hölzern und verkrampft. Die Textbausteine seiner Reden sind stets die gleichen. Er warnt vor dem Erstarken der europakritischen Ressentiments und den Erfolgen der AfD - und kann die Menschen mit ihren Sorgen in Bezug auf Europa doch nicht recht abholen. Die Sicht des Optimisten McAllister auf das Unbehagen vieler Menschen: "Die große Mehrheit der Deutschen schätzt die Vorzüge der europäischen Einigung. Wir sollten deutlich machen, wie wichtig und positiv die europäische Zusammenarbeit ist."

"Weiter so"

"Weiter so!" lautet die zentrale Botschaft von McAllister und seiner CDU. "Es ist nicht die Zeit für sozialistische Experimente." Deshalb müssten die Menschen am 25. Mai den Christdemokraten ihre Stimme geben. Ob das die Wähler mobilisiert? Immer wieder führt McAllister auch die Krise in der Ukraine ins Feld. Sie zeige, wie wichtig die europäische Einigung und ein friedliches Europa seien. Die Ukraine-Krise hilft, die hehre europäische Idee zu verkaufen. Am Ende hilft die Ukraine-Krise vielleicht auch seiner eigenen Karriere.

Spitzenkandidat, das klingt nach großen Aufgaben. McAllister wird zunächst wohl normaler Abgeordneter sein. Er selbst will sich erst einmal auf die Wahl konzentrieren: "Alles Weitere wird man dann sehen. Ich möchte deutsche Interessen in Brüssel und Straßburg engagiert vertreten und ebenso mit neuen Ideen die Zukunft der Europäischen Union mitgestalten."

Wenn alles gut läuft, dann wird er vielleicht so eine Art Martin Schulz der CDU. Er ist eben ein Mann, dem viele vieles zutrauen. "Der kann noch mehr", heißt es in der CDU mal wieder. Eine Zukunftshoffnung - für die Partei. Und für sich selbst.

Stand: 05.05.2014 13:26 Uhr

Darstellung: