Alexander Graf Lambsdorff: Diplomat in schwieriger Mission
FDP-Spitzenkandidat Lambsdorff
Diplomat in schwieriger Mission
Nach dem Dauertief der FDP soll Spitzenkandidat Alexander Graf Lambsdorff der Partei wieder zum Erfolg verhelfen. Doch das wird schwer - und nicht alle in der Partei trauen dem bescheidenen, sachorientierten Politiker diese Aufgabe zu.
Von Sandra Stalinski, tagesschau.de
Ohne Krawatte und in blauen Jeans sitzt Alexander Graf Lambsdorff auf einem Stuhl in einem sonst leeren Raum und erklärt seine Europapolitik. Gleich bei Sekunde vier des FDP-Wahlwerbespots sind Bilder seines verstorbenen Onkels, dem früheren FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, zu sehen. "Bei uns liegt eines in der Familie - und das ist vernünftige Politik mit gesundem Menschenverstand", sagt Lambsdorff Junior in die Kamera, während er auf dem iPad über Fotos seines Onkels wischt.
Eine überzeugende, neue FDP ist kurz vor der Europawahl noch nicht in Sicht, da versucht die Partei auf Nummer Sicher zu gehen und setzt bei ihrem Spitzenkandidaten vor allem auf seinen Namen. Mit dem berühmten Onkel - Flick-Affäre hin oder her - soll das Bild der alten FDP heraufbeschworen werden, die noch etwas galt.
Dynastie von Politikern und Diplomaten
Der Neffe, Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff, entstammt einer ganzen Dynastie von Politikern und Diplomaten. Sein Urgroßonkel war russischer Außenminister, Vater und Cousin waren Botschafter. Und auch er wurde zunächst Diplomat im Auswärtigen Amt: als Büroleiter des früheren FDP-Außenministers Klaus Kinkel, an der Botschaft in Washington und als Länderbeauftragter für Russland. 2004 wurde er ins Europaparlament gewählt, wo er Mitglied im Auswärtigen Ausschuss ist und seit dem Rücktritt Silvana Koch-Mehrins die FDP-Delegation leitet.
Fleißig, fachkundig, bescheiden
Lambsdorff steht in erster Linie für kompetente Außenpolitik und hat sich in Brüssel hohes Ansehen erworben. Über Parteigrenzen hinweg gilt er als fleißiger, fachkundiger Politiker, der bescheiden auftritt und mit dem man gut zusammenarbeiten kann. Mehrfach bewährte er sich als Leiter von EU-Wahlbeobachtungsmissionen in Kenia, Guinea und Libyen. 2007 in Bangladesch hatte er gar den Mut, die Mission kurz vor der Wahl abzubrechen, weil er merkte, dass es keine Chance mehr für eine faire Abstimmung gab. So etwas hatte es in der Geschichte der EU noch nicht gegeben; Lambsdorff erntete Respekt.
"Europa braucht eine gemeinsame Außenpolitik"
"Die gemeinsame Außenpolitik der EU soll ausgebaut werden", gibt der Computer vor: Auf einer Pressekonferenz wird der "Wahl-O-Mat" vorgestellt, ein Online-Fragebogen für Leute, die wissen wollen, welche Partei ihre Auffassungen vertritt. Lambsdorff, der wie die anderen Spitzenkandidaten an einem Bistrotisch steht und die Wahl-O-Mat-Thesen durchspielt, klickt ohne zu zögern auf "stimme zu" und fängt an von der liberalen Europapolitik zu schwärmen: "Das ist genau das, was Europa braucht und was wir wollen, eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik."
Die drei Wahl-O-Mat-Jugendredakteure, die ihm bei der Veranstaltung assistieren sollen, versucht er immer wieder ins Gespräch zu verwickeln. Als es um den EU-Betritt der Türkei geht, gibt er die Frage kurzerhand an eine von ihnen weiter: "Was meinen denn Sie? Sollte Deutschland sich dafür einsetzen?" - "Unter bestimmten Umständen vielleicht", versucht sich die junge Frau im gelben T-Shirt aus der Affäre zu ziehen. Lambsdorff: "Sie wollen wohl mal Politikerin werden?"
"Ich bin kein Apparatschik"
Nein, den Türkei-Beitritt will die FDP natürlich nicht. Genauso wenig wie die Verstaatlichung von Banken, nach der der Wahl-O-Mat fragt. "Ja klar, super Idee. Und am besten verstaatlichen wir dann Mercedes und Volkswagen gleich noch mit." Die FDP will den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Arbeit, mehr Wettbewerb im Strommarkt und ist gegen zu starke Eingriffe aus Brüssel auf das Privatleben der Bürger.
94,7 Prozent Übereinstimmung hat Spitzenkandidat Lambsdorff am Ende der Veranstaltung mit den Forderungen seiner Partei. Dass es keine 100 Prozent sind, darüber freut er sich: "Da sind wir liberal. Ich bin ja kein Apparatschik."
Mann der leisen Töne
In seiner Partei gilt er als unabhängiger Kopf, der seine Meinung auch mal gegen die Parteilinie kundtut. Als Deutschland sich 2011 unter Außenminister Westerwelle im UN-Sicherheitsrat bei der Libyen-Resolution enthielt, kritisierte Lambsdorff das öffentlich.
Ansonsten ist er eher ein Mann der leisen Töne. Seinem Wahlspruch "Halte Maß" versucht er auch im politischen Leben gerecht zu werden. "Kritik ist im politischen Wettbewerb angebracht, aber maßloses Eindreschen auf den Gegner wird der Sache nicht gerecht", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Auch marktschreierische Parolen liegen ihm nicht. Mit der FDP der vergangenen Jahre hat das wenig zu tun. Das sehen manche in der Partei kritisch: Lambsdorff sei zu zahm und polarisiere zu wenig.
Durch und durch Europapolitiker
"Fünf plus x" hat FDP-Vize Wolfgang Kubicki als Wahlziel ausgerufen. Lambsdorff will sich da nicht festlegen. Er weiß, dass es eine wichtige Wahl ist, doch er weiß auch, dass es schwer wird: "Es ist erst wenige Monate her, dass wir aus dem Bundestag rausgeflogen sind, und es ist unmöglich in dieser kurzen Zeit die ganze Glaubwürdigkeit zurückzuholen."
Schwer wird es auch deshalb, weil den jungen Grafen kaum jemand kennt. Zwar wurde er immer wieder für Spitzenämter in der FDP gehandelt - als Guido Westerwelle 2011 in seiner Partei immer umstrittener wurde, spekulierten manche über einen neuen Außenminister Lambsdorff. Doch gereicht hat es am Ende nie. Zum einen, weil ihm die Befürworter in der Partei fehlten, zum anderen, weil er nun mal durch und durch Europapolitiker ist. Und Europa ist weit weg von Berlin.
Dass Lambsdorff bei einem guten Wahlergebnis auch in der Bundespolitik eine größere Rolle spielen könnte, bezweifelt niemand. Was sagt er selbst dazu? "Ich bin gern in Brüssel, mir macht Europapolitik wirklich Spaß." Er ist ein Politiker.
Stand: 05.05.2014 13:26 Uhr

