Grünen-Kandidatin Keller: Präsidentin statt Praktikantin

Grünen-Politikerin Ska Keller (Bildquelle: dpa)

Grünen-Spitzenkandidatin Ska Keller

Präsidentin statt Praktikantin

Im Europaparlament halten sie manche noch für eine Praktikantin. Doch die junge Deutsche Ska Keller bildet mit José Bové das Spitzenduo der europäischen Grünen. Sie brennt für ihr Ziel, als Präsidentin der EU-Kommission die Politik zu verändern - und überrascht einige.

Von Bettina Meier, HR-Hörfunkstudio Brüssel

Wie lernt man eine Spitzenkandidatin für die Europawahlen kennen? Bei Debatten, auf Wahlkampfveranstaltungen, im Büro - oder beim Joggen. Ich treffe Ska Keller, Spitzenkandidatin der europäischen Grünen, im Park hinter dem Brüsseler EU-Parlament - wir drehen einige Runden.

Die zierliche junge Frau mit kurzgeschnittenen Haaren und schwarzem Joggingoutfit wirkt, als würde sie sich auf einen Marathon vorbereiten - und irgendwie ist es auch einer. Keller ist im Wahlkampfstress. "Das heißt viel Zugfahren, auch Hin- und Herfliegen, auf Veranstaltungen sitzen, Pressekonferenzen machen, Straßenwahlkampf, alles mögliche", erzählt sie. "Mein Kalender weiß, wo ich hin muss." Auch das Joggen ist dort eingetragen, alles ist penibel durchorganisiert.

Portrait: Ska Keller
B. Meier, WDR Brüssel
08.05.2014 15:24 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Ziel: EU-Kommissionspräsidentin

Am Ende steht ein Ziel: möglichst viele Stimmen in der Europawahl zu holen und Präsidentin der EU-Kommission zu werden. Ambitioniert für die 32-jährige Brandenburgerin, die seit 2009 im Europaparlament sitzt. Dort zählt sie zu den jüngsten Abgeordneten. "Vom Personal wird man öfter mal für die Praktikantin gehalten, aber daran gewöhnt man sich auch irgendwann", erzählt sie.

Das passiert Keller jetzt nicht mehr so oft. Spätestens nach dem ersten europäischen Fernsehduell auf Euronews. Dabei musste sie sich gegen ihre Konkurrenten - die Spitzenkandidaten der anderen großen europäischen Parteien wie Martin Schulz, Guy Verhofstadt und Jean-Claude Juncker durchsetzen. Allesamt gestandene Größen in der EU-Landschaft mit jahrelanger Erfahrung - und laut Wahlbeobachtern mit deutlich besseren Chancen auf das Amt des EU-Kommissionspräsidenten.

Spitzenpolitiker der Grünen in Europa: Rebecca Harms (v.l.), José Bové, Monica Frassoni und Ska Keller. (Bildquelle: dpa)
galerie

Ska Keller (r.) setzte sich bei der Urwahl der Grünen gemeinsam mit José Bové auch gegen Rebecca Harms (l.) und Monika Frassoni (2.v.r.) durch.

"Ich brenne dafür, was ich verändern will"

Das stört Keller aber nicht: "Ich bin schon immer politisch aktiv, seit ich 13 bin - auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich brenne dafür, was ich verändern will", sagt sie. "Und wenn man sich Barroso oder Juncker anguckt: Was für einen Schwung, was für einen Elan bringen die eigentlich mit? Wollen die eigentlich nur den Posten haben oder geht es ihnen um die Sache?"

Ihre Sache sei es nicht, Politik im Anzug zu machen, sagt sie: Bekommt sie den Posten, will sie sich für die Rechte von Frauen einsetzen, für eine offenere Flüchtlingspolitik, und die Jugendarbeitslosigkeit reduzieren mit mehr Jobs im grünen Bereich. Da könne man auch gleich die erneuerbaren Energien wieder stärker fördern, sagt Keller, und geht dann die Wahlkampfagenda ihrer Partei durch: "Die Frage: Wie kommen wir aus der Krise? Wie schaffen wir grüne, nachhaltige Jobs? Die Frage von sozialer Gerechtigkeit ist uns sehr wichtig, die Frage von Demokratie", sagt Keller. "Und natürlich: Wie bringen wir das in Einklang mit der Umwelt?".

Festlegen, welches Thema ihr besonders am Herzen liegt, kann sie sich aber nicht. Auch bei der Frage nach ihren Hobbys bleibt sie vage: "Sonst wird mir da nicht so viel einfallen - so viel Zeit ist nicht für Freizeit."

Eine Frau, die austeilen kann

So bleibt der Eindruck dass Keller doch nicht so einfach zu fassen ist, wie sie auf den ersten Blick wirkt: dynamisch, aber sie legt sich nicht gern fest. Sie weiß, wie man Fragen ausweicht. Immerhin: Austeilen kann sie, was sie beim Fernsehduell bewiesen hat. Als Schulz die männlichen Podiumsteilnehmer als Kandidaten für den EU-Kommissionspräsidenten anspricht, weist Keller darauf hin, dass auch eine Frau es schaffen kann. Sie bringt Schulz aus dem Konzept, bis seine Redezeit zu Ende ist.

Große Hoffnungen auf das Amt des Kommissionspräsidenten hat sie dennoch nicht. Wird sie aber im Wahlkampf unterschätzt, kann sie das als Stärke nutzen - und sie könnte noch für so manche Überraschung sorgen.

Stand: 15.05.2014 10:35 Uhr

Darstellung: