Rebecca Harms: "Ich will noch immer die Welt verändern"
Grünen-Spitzenkandidatin Harms
"Ich will noch immer die Welt verändern"
Lange galt die Gorleben-Aktivistin Rebecca Harms als "Ein-Themen-Frau". Doch auf dem Europa-Parteitag der Grünen bewies sie, dass Europapolitik für sie tatsächlich eine Herzensangelegenheit ist - für die sie noch immer zu kämpfen weiß.
Von Jan Ehlert, tagesschau.de
Selbst langjährige Weggefährten waren überrascht: So emotional, so mitreißend wie auf dem Nominierungsparteitag der Grünen in Dresden hatten sie Rebecca Harms selten am Rednerpult erlebt. "Ich bin immer noch die Gorleben-Aktivistin. Ich will immer noch die Welt verändern", rief sie - und ihre letzten Worte gingen beinahe im Jubel der Delegierten unter.
Da war sie wieder, ihre Kämpfernatur, die sie in den vergangenen Jahren verloren zu haben schien. Mit der braven Frisur und der strengen Brille wirkte sie blass gegen die aufbegehrende Parteijugend. Gegen eine Ska Keller, die in einer inoffiziellen Wahl bereits von der Internetgemeinde zur Europäischen Spitzenkandidatin der Grünen gekürt worden war. Jene Ska Keller, die ihr nun auch den Spitzenplatz im deutschen Europa-Wahlkampf streitig machen wollte. Doch am Ende gab es eine deutliche Mehrheit: 65 Prozent der Delegierten gaben Harms ihre Stimme, Keller erhielt nur 33 Prozent.
"Heilige Johanna des Wendlands"
Angriffe, auch aus der eigenen Partei, ist die gelernte Gärtnerin gewohnt. Ihre kompromisslose Unterstützung der Demonstranten in der Ukraine brachte ihr Kritik ein. Sie verbrachte den Jahreswechsel auf dem Maidan, stieß dort mit Wladimir Klitschko auf ein baldiges Gelingen des Systemwechsels an. Und besonders in Fragen des Atomausstiegs gilt sie vielen als zu radikal. Als die rot-grüne Regierung im Jahr 2000 den Atomkompromiss aushandelte, protestierte Harms energisch gegen die aus ihrer Sicht zu großen Zugeständnisse an die Energieunternehmen - und wurde vom damaligen Umweltminister Jürgen Trittin als "Heilige Johanna des Wendlands" verspottet.
Dort, im Wendland, lebt Harms, wenn sie nicht gerade in Brüssel oder Straßburg ist. Sie hat ihren eigenen Hof, züchtet Kräuter im Garten, die sie gern fürs Kochen verwendet. Und auch politisch ist das Wendland ihre Heimat: Hier gründete sie 1977, damals noch parteilos, eine Bürgerinitiative gegen das atomare Endlager Gorleben, nahm an Sitzblockaden teil und wurde bei der Besetzung der Bohrstelle IV in Gorleben von der Polizei vom Gelände getragen.
"Ein-Themen-Frau" als Prädikat
Lange vor ihrem Eintritt in die Partei wurde sie so zu einer der bekanntesten Sprecherinnen der Anti-Atomkraftbewegung - und für den Realo-Flügel der Grünen zu einer Symbolfigur. Oft wurde sie deshalb als "Ein-Themen-Frau" wahrgenommen. Und dieser einstige Makel ist längst zu ihrer Stärke geworden. Anders als andere ehemalige Identifikationsfiguren der Grünen, wie Trittin oder Renate Künast, ist Harms für die Basis immer glaubhaft geblieben, ging weiterhin auf fast jede Anti-Castor-Demonstration und fordert nach dem deutschen Atomausstieg nun unermüdlich das europäische Ende des Kernkraftzeitalters. Klimaschutz hört schließlich nicht an den Grenzen Deutschlands auf.
Der Reiz Europas
"Ich will Europa!", wird Harms daher im Wahlkampf nicht müde zu betonen. Und wer sie darüber reden hört, spürt auch hier ihre Begeisterung. Seit zehn Jahren sitzt sie bereits für die Grünen im Europaparlament. Sie ging damals nicht aus Alternativlosigkeit: 2004, zur Zeit ihres Wechsels nach Brüssel, war Harms Fraktionsvorsitzende der Grünen im niedersächsischen Landtag. Nein, Europa hatte sie schon länger gereizt.
Bereits 20 Jahre vorher, von 1984 bis 1988, war sie als Referentin der damaligen Regenbogenfraktion für das Europaparlament tätig. Und dort will sie weiterhin bleiben, auch wenn sie der innerparteiliche Wahlkampf mit Ska Keller getroffen hat. "Ich habe noch nie so lange über eine Kandidatur nachgedacht, wie über diese", gab sie in ihrer Rede in Dresden zu. Am Ende aber siegte der Wunsch, weiterzumachen - gegen Atomkraft und für Europa.
Stand: 05.05.2014 13:26 Uhr

