Werner Schaub: Kultur als Kitt für Europa

Europäische Perspektiven

Kultur als Kitt für Europa

Wie kann die europäische Idee gestärkt werden? Die Geschichte zeigt, dass Kunststile und Epochen in Europa nie an staatlichen Grenzen Halt machten. Kultur war das Bindeglied eines allgemeinen Bewusstseins. Darauf solle sich die EU besinnen, sagt der Künstler Werner Schaub.

Von Werner Schaub

Dass die Europäische Union hierzulande von Vielen vorrangig als Instrument der Regulierung des erlaubten Krümmungsgrades von Gurken oder anderer, bisweilen tatsächlich bizarr anmutender Bestimmungen wahrgenommen wird, ist zwar bedauerlich, jedoch leider die Realität.

Dass aber im laufenden Wahlkampf zur Wahl des Europäischen Parlaments solche landläufigen Befindlichkeiten oder Empfindlichkeiten von etlichen Parteien auch noch bedient werden, zeugt von unglaublicher politischer Kurzsichtigkeit. Schließlich gibt es ja auch hierzulande Verordnungen, die absurd erscheinen; aber niemand würde deshalb unseren Staat in Frage stellen.

alt Werner Schaub (Foto: BBK-Bundesvorstand)

Zur Person

Werner Schaub ist Vorsitzender des Bundesverbands bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK).

Stärkung der europäischen Idee

Die Politik sollte daher eher darstellen, welche positiven Auswirkungen die EU bisher auf die Lebenswirklichkeit der Menschen in Europa hatte. Und das kann sich, trotz aller Fehlentscheidungen, die es ja immer auch gibt und weiterhin geben wird, durchaus sehen lassen.

Das Europäische Parlament hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen, und es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Trend fortsetzen lässt. Und sowohl das Parlament wie die Verwaltungsebene der EU sollten sich mehr als bisher darüber Gedanken machen, mit welchen Maßnahmen die Akzeptanz der europäischen Idee gestärkt werden könnte.

Kultur über Grenzen hinweg

Einer dieser denkbaren Faktoren ist zweifelsfrei die Kultur. Die europäische Kulturgeschichte ist voll von Beispielen, dass sich Epochen und Kunststile immer verbreitet haben unter Ignorierung aller staatlichen Grenzen. Zur Zeit der Gotik etwa hatten die Mitglieder aller Bauhütten der Dome und Münster freies Geleit über fast alle europäischen Grenzen hinweg, und sie unterstanden nur der Gerichtsbarkeit der obersten Bauhütte in Straßburg.

Kultur war das wesentliche Bindeglied eines allgemeinen Bewusstseins. Darauf könnte sich die Europäische Union besinnen und mehr als bisher die Kultur in den Dienst stellen für das Ziel, dass mehr Menschen als bisher eine europäische Identität zu fühlen beginnen. Und dafür sollte die Union etwas mehr als die 0,5 Prozent ihres Haushaltes zur Verfügung stellen.

Ein langer Weg wird es schon sein, bis tatsächlich eine nachhaltige Identifikation der Menschen mit Europa entsteht. Aber am Ende wird es niemanden mehr interessieren, wie die Gurken aussehen - nur noch, ob sie schmackhaft sind.

Stand: 05.05.2014 13:27 Uhr

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