Ulrich Walter: Europa in zehn Minuten
Europäische Perspektiven
Europa in zehn Minuten
Als Astronaut hat Ulrich Walter aus dem All auf Europa geblickt. Diese Perspektive änderte auch seine persönliche Sicht. Europas gemeinsame Tradition sei wichtiger als nationale Grenzen in den Köpfen, sagt er. Und letztendlich säßen alle in einem Raumschiff Erde.
Von Ulrich Walter
Europa dauert etwa zehn Minuten und Deutschland nur eineinhalb Minuten. Ich benutze diese Zahlen gerne, um die Bedeutung Europas und Deutschlands im internationalen Vergleich zu veranschaulichen. Die Internationale Raumstation fliegt mit 28.000 km/h um die Erde und umrundet sie in ziemlich genau 90 Minuten. Dabei überfliegt man Europa in zehn Minuten und Deutschland hat man in 90 Sekunden durch. Deutschland alleine ist also ein Nichts.
Noch deutlicher werden die Verhältnisse, wenn man sich die Kontinente nachts aus dem All anschaut. Sehen Sie den hellen Bereich am oberen Bildrand des linken Bildes? Das ist Europa bei Nacht. Vergleichen Sie das mit Afrika oder Asien auf dem anderen Bild. David gegen Goliath. David ist kleiner aber heller, weil es sich die Menschen hier leisten können, viel Geld für nächtliche Beleuchtung auszugeben. Aber die Größe und zukünftige Macht von China und Indien, neben den USA die Goliaths dieser Welt, ist unübersehbar.
Außerdem: Sehen Sie irgendwo nationale Grenzen? Nein? Stimmt, die gibt es nur in unserem Kopf. All das, was man in Atlanten so sieht, jede Nation anders eingefärbt und damit schön abgegrenzt gegen die anderen, so was gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Es ist wie mit den Zäunen, die die Menschen gerne um ihre Grundstücke herum bauen und glauben, ihre heile Welt darin mit Klauen und Zähnen verteidigen zu müssen.
Genauso ist für uns Deutsche Deutschland der Nabel der Welt und Europa nur das Drumherum. Ist es nicht so? Tatsächlich sind wir alleine nichts. Aber um das zu verstehen, braucht man Abstand. Es tut solch egozentrischem Denken gut, wenn man einige Jahre in einer anderen Kultur im Ausland gewohnt hat. Oder man fliegt ins All und sieht so die eigene Welt mit anderen Augen.
Diese Änderung der Selbsterkenntnis durch Raumfahrt nennt man Overview-Effekt. Mit äußerem Abstand geht ganz automatisch auch innerer Abstand einher: Man sieht die Welt in anderen Zusammenhängen und denkt einfach ganz anders über sie. Keiner hat dies schöner ausgedrückt als Sultan Bin Salman al-Saud von Saudi Arabien, der im Juni 1985 als erster Weltraumtourist auf dem fünften Shuttleflug teilnahm. Überwältigt vom Anblick der Erde schrieb er in sein Tagebuch: "Am ersten Tag deutete jeder von uns auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag gab es für uns nur noch eine Erde."
Wir alle sitzen in einem Raumschiff. Raumschiff Erde. Dies zu wissen und mit eigenen Augen zu sehen, verändert den Menschen. Dinge, die wir miteinander teilen, werden wertvoller als jene, die uns trennen. Die gemeinsame kulturelle und religiöse europäische Tradition ist wichtiger als die nationalen Grenzen in unserem Kopf. Die anderen sind wir! Und letztendlich sind die anderen alle Erdenbürger. Ein gemeinsames Europa, das nationale Eigenheiten respektiert, ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.
Stand: 05.05.2014 13:27 Uhr

