Renate Dürr: Eine EU muss gewollt sein
Europäische Perspektiven
Eine EU muss gewollt sein
Auf der Suche nach der gemeinsamen europäischen Identität verlieren gängige Argumente schnell an Wert. An klaren geographischen Grenzen fehlt es ebenso wie an eindeutigen Wurzeln. Trotzdem könne man eine EU gestalten, sagt die Philosophin Renate Dürr.
Von Renate Dürr
Mitte des 19. Jahrhunderts besuchte der Schulrat eine kleine Gemeinde am Rande der schwäbischen Alb. Er war sehr enttäuscht über das, was er vorfand. Insbesondere bemängelte er, dass für den Geographieunterricht keine Karte von Europa vorhanden war. Der Bürgermeister: "A Kard von Eiropa? Mit Verlaub, des braucha mr it. Vo eire Kender kommd jo doch nia oas nah dem Eiropa.[*]
Nun, in der Zwischenzeit sind wohl einige in Europa angekommen. Oder Europa bei ihnen? Oder: Wo bzw. in was ist wer angekommen? Nun, jedenfalls in der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist groß und reichlich unübersichtlich. Und das wird keinen Deut besser, wenn man Europa auf die EU reduziert. Und wie ich bei einer, nicht repräsentativen, Umfrage im Wartezimmer eines Arztes und im Friseursalon feststellen musste, wird Europa mit der EU gleichgesetzt - Schweizern und Norwegern passiert das nicht.
Es ist zwar nicht ganz klar, ob die EU eine echte Teilmenge von Europa ist oder nur eine Teilmenge schlechthin, aber Mengen sind ja dadurch definiert, dass ihre Elemente gemeinsame Eigenschaften haben. Aber was haben Europäer gemeinsam? Noch nicht einmal, dass sie alle in Europa wohnen.
Erstes Fazit: Mengentheoretisch kommen wir nicht weiter.
Dass "Europa" kein anständiger geographischer Begriff ist, weiß man: Einfach wegen der sehr "unklaren" Grenze im Osten und letztlich auch im Südosten. Aber auch die übliche Auffassung, dass Europa durch historische, kulturelle und politische Kriterien von Nicht-Europa abzugrenzen sei, bringt uns keinen Deut weiter.
Keine kulturelle Kluft zwischen Europa und Asien
Beginnen wir bei jenen, die den ersten uns bekannten Unterschied zwischen Europa und Asien machten: Bei den Griechen, auf die man sich ja gern und nicht ganz zu Unrecht beruft, wenn es um die so genannten europäischen "Wurzeln" geht.[**] Das ernüchternde Ergebnis einer tieferen Beschäftigung mit der Zeit von, sagen wir, 600 bis 100 v. Chr. ist: Es gibt keine kulturelle Grenze zwischen Europa und Asien.
Schauen wir also, ob wir im Bereich des Politischen, der ja doch fassbarer erscheint, kennzeichnende Merkmale des Europäischen finden. Die "Eckpunkte" seien das Römische Imperium und das Karolingerreich. Beiden gemeinsam ist, dass sie sich über "ziemlich viel" Europa erstreckten, aber doch einige Gebiete außen vor blieben, dass Ersteres auch auf Asien und Afrika ausgriff, dass es zur Zeit des Zweiten sowohl Beziehungen zu Moslems gab, aber den Arabern ein hübsches Stück Europa gehörte, und dass Hauen und Stechen die Regel war (und blieb).
Zweites Fazit: Auch im Politischen ist eine Berufung auf "Wurzeln" nicht zielführend.
Für eine Kurzbetrachtung des 19. Jahrhunderts bemühen wir eine Analogie. Zwar gab es Vor- und Frühformen, aber man kann zu Recht sagen, dass der Nationalismus eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts ist. Das war das Semaphor, der optische Telegraf auch. Aufbauend auf Rauch- und Feuersignale, mit denen die alten Griechen, im Prinzip verschlüsselte, Daten transportierten, wurde es über die Jahrhunderte weiterentwickelt, war im 19. Jahrhundert optimal ausgebaut und wurde intensiv genutzt, und dann kam das "Victorian Internet" …
Drittes Fazit: Europa kann man so oder so sehen.
Eine EU kann man gestalten
Eine Europäische Union kann man gestalten. Dazu ist kein Rekurs auf "Wurzeln" nötig und auf die Geschichte nur insofern, als man die Leiderfahrung der Europäer im 20. Jahrhundert ins Kalkül zieht. Eine EU muss, zumindest von einer Mehrheit (auch wenn eine Minderheit sich gerade als "kritisch" geriert) GEWOLLT sein.
Hier ist keine Volonté générale zu bemühen, wohl aber Rousseau: "Wenn wir eine dauerhafte Einrichtung schaffen wollen, sollten wir nicht davon träumen, sie ewig zu machen. Die politische Körperschaft beginnt so gut wie der menschliche Körper von Geburt an zu sterben … Aber die eine wie der andere können eine mehr oder weniger widerstandsfähige Verfassung haben, die geeignet ist, sie kürzer oder länger zu erhalten… Es hängt nicht von den Menschen ab, ihr Leben zu verlängern, es hängt aber von ihnen ab, die des Staates so weit zu verlängern wie möglich, indem sie ihm die denkbar beste Verfassung geben"[***] bzw. bezogen auf die EU: überhaupt eine!
Ach Europa, die europäische Integration könnte wirklich gelingen, wäre der Mensch nicht aus krummen Holze und mithin die nationalen Wälder nicht gar so verwachsen und undurchdringlich …
[*] Für des Schwäbischen Unkundige: Eine Karte von Europa. Mit Verlaub, eine solche brauchen wir nicht. Von unseren Kindern kommt ja doch nie eines nach Europa '(vgl. Troll, Th., Preisend mit viel schönen Reden, 1975)
[**] die Autorin wundert sich gelegentlich, dass die alten Griechen immer als "Erfinder" der Demokratie, aber nie der Tyrannis genannt werden …
[***] Rousseau, Jean-Jacques, Gesellschaftsvertrag
Stand: 05.05.2014 13:27 Uhr

