Jürgen Mayer H.: Eine architektonische Eurovision

Europäische Perspektiven

Eine architektonische Eurovision

Warum müssen Häuser und Städte in Europa wie sentimentale Retro-Gefährten in einer Welt des Umbruchs wirken? Die gebaute Realität scheint sich auf gerasterte Gebäude zu reduzieren. Der Architekt Jürgen Mayer H. setzt dem seine Vision entgegen: in Vielfalt vereint.

Von Jürgen Mayer H.

Mitten in Berlin liegt China in Russland. Sowas schafft nur der Berliner Volksmund, dem wir auch die Waschmaschine, den Telespargel, die Nuttenbrosche, das Bikini-Haus und die Schwangere Auster zu verdanken haben. Dieser Volksmund jedenfalls nennt aufgrund der großen Zahl gut betuchter russischer Konsumenten auf dem Ku’damm den Stadtteil Charlottenburg inzwischen nur noch Charlottograd. Und etwas nördlich vom Ku’damm und ebenfalls quer durch Charlottograd läuft die Kantstraße, die ihrerseits wegen der großen Zahl erfolgreicher Asia-Restaurants Kantonstraße genannt wird. Also: China in Russland in Berlin.

alt Architekt Jürgen Mayer H.

Zur Person

Jürgen Mayer H. ist ein international erfolgreicher Architekt, dessen Arbeit bereits mit zahlreichen Preisen wie dem EU-Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Aktuell beschäftigt sich das von ihm gegründete Architekturbüro J. MAYER H. mit Projekten in Spanien, Deutschland, Georgien und China.

Spitznamen sind schneller als Gesetzesänderungen

Was hat das nun mit Europas Architektur zu tun? Gebäude sind - vereinfacht gesagt - Stein gewordener Ausdruck der Zeit, in der wir leben. Eine Architektur, die zeitgenössisch ist, zeigt, in welcher Gesellschaft sie entsteht. Es ist der Volksmund, der für Veränderungen die feinsten Antennen und die größte Schlagfertigkeit besitzt. Spitznamen sind schneller als Gesetzesänderungen. Auch woanders geht es so zu. Unser Projekt Metropol Parasol in Sevilla nennt man vor Ort bereits "Setas de Sevilla" - die Pilze von Sevilla.

Nicht, dass Berlin jetzt chinesisch oder russisch würde. Der Volksmund verweist mit seinem Berolinismus auf ein paar Veränderungen in der Stadt, in der ich seit 1994 lebe, in Charlottenburg übrigens - also in Russland, direkt neben Kanton. An anderen Stellen wird Berlin spanisch, italienisch und polnisch, ein paar Meter weiter ist Berlin sehr deutsch, eine Straße weiter türkisch. Es ist eine dynamische, lebendige Stadt, jedenfalls der "informelle" Teil, der Teil, der sich weitgehend ungeplant entwickelt. Viele offizielle Entscheider, Bauherren und Projektentwickler hängen hingegen noch immer am verklärten Bild einer sogenannten "europäischen Stadt" des 19. Jahrhunderts. Auch das hat Berlin mit vielen Städten in Europa gemein.

Europäische Realität aus Glaskisten und gerasterten Gebäuden

Während uns der Volksmund längst die internationale Mischung zeigt, die unsere Gesellschaften in Europa ausmacht, scheint sich die gebaute europäische Realität auf schlichte Glaskisten und gerasterte Gebäude mit beigen Steinfassaden zu reduzieren, in Berlin, Kopenhagen, Warschau, Madrid. In der Gastronomie lebt Fusion, da werden Cronuts, Bruffins und Cragels erfunden und in New York stehen die Menschen deswegen Schlange. Und im eigenen Zuhause haben wir völlig selbstverständlich die ganze Welt versammelt, mit Souvenirs und Fotos, die wir von unseren Reisen mitbringen, oder einfach im Gewürzregal. Als ich jung war, war Pizza Hawaii etwas Exotisches. Heute ist "Kantonesische Hausmannskost" bei Good Friends in der Kantonstraße ein Klassiker.

Warum verweigern wir unseren Häusern und Städten das Fernweh und die Vielfalt, diese Reise- und Experimentierlust. Warum müssen sie äußerlich erscheinen wie vor 100 Jahren; verlässliche und sentimentale Retro-Gefährten in einer Welt des permanenten Umbruchs. Unser Alltag lässt sich längst nicht mehr auf eine nationale oder europäische Ebene begrenzen. Der Volksmund ist auch hier gewitzter, er weiß, dass Städte immer Mischungen und Projektionen von Sehnsüchten sind und nennt sie gleich dutzendweise "Venedig des Nordens", "Paris des Ostens", "Mainhattan", "Elb-Florenz" oder "Spree-Athen". Städte wandeln sich ständig, genau wie Gesellschaften.

Das normierte Gute

Da sind wir wieder bei Europa: Genau wie Gurken und Kartoffeln von der Europäischen Union begutachtet, genormt und klassifiziert werden, so unterliegen auch die Gebäude strengen Richtlinien. An wenigen Orten auf der Welt spielen Fragen der Nachhaltigkeit und Ökologie, Sicherheit, Energieeffizienz und Partizipation bei der Gebäude- und Stadtgestaltung eine größere Rolle als in Europa. Auf diese demokratisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit unserer gebauten Umwelt können wir einerseits stolz sein.

Die Schattenseite ist jedoch, dass die Bestimmungen, mit denen das Gute allgemeingültig festgeschrieben werden soll, zu Überregulierungen führt, in denen die ursprünglich gut gemeinten Intentionen oft bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. So führt das Gute zur Normgurke, denn diese Normen schließen die Mischungen aus, das Ungewöhnliche, das Gewachsene, das Markante, das Würzige.

Ständige Transformation

Einige Ansätze für Fusion und Innovation in der Architektur könnten darin liegen, dass Gebäude nicht mehr als statische Gebilde gesehen werden, die, einmal fertiggestellt, so als Idealzustand festgeschrieben sind, sondern als ständigen Transformationen durch Umbauen und Weiterbauen entstehende Raumgebilde. Das sind auch neue Herausforderungen für unser Verständnis von Denkmalschutz. So wie die nachfolgenden Generationen den Diokletianspalast in Split immer wieder überbaut und verändert haben, der aber bis heute im Stadtgefüge gut erkennbar geblieben ist. Römische Arenen gingen in neuen urbanen Anlagen auf, wie man am zentralen Stadtplatz in Lucca oder bei der Piazza Navona in Rom.

Solche Phänomene des Cross-Atmosphering kann man auch planen, wenn zum Beispiel das Raumgefühl eines Schwimmbads als spannungsreiche Irritation für die Gestaltung und Atmosphäre bei einem Bibliotheksneubau eingesetzt wird. Oder wir wohnen in den Showrooms von Modelabels, wie es "Bless" in Berlin erprobt: Erleben, Kaufen und Schlafen liegen direkt aufeinander.

Architektur als Kombination unterschiedlicher Komponenten und Zeitschichten erlöst unser Bauen von der Idee einer fixen Erscheinung. Aneignung, Ergänzung, Kombination und Dialog sind auch räumlich-temporale Begriffe für eine Architektur der Veränderung und Modifizierung. Beim Spiel "Cadavre Exquis" fängt eine Person an, den Kopf zu zeichnen, und danach kommt der Nächste und ergänzt ohne zu wissen, was der Vorgänger gezeichnet hat, und so weiter, mit überraschendem Gesamtergebnis. Zusammen mit anderen Architekten arbeiten wir derzeit bei einem Kulturzentrum in Shenzhen und bei einer Parkgarage in Miami an ähnlichen Konzepten.

Was sind die Regeln für die Stadt?

In der Architektur sind immer viele Köche beteiligt, insbesondere bei öffentlichen Gebäuden einer demokratischen Kultur. Damit der Brei trotzdem nicht verdirbt, braucht es Gestaltungsfreiheiten und eine gemeinsame Neugier, um neuen Einflüssen Gestalt geben zu können. Die große Frage bleibt jedoch: Wenn es eine offenere, spielerische Freiheit mit den Referenzen und Kombinationen gibt, was ist dann das Korrektiv?

Ist es die Bewährung im "Alltag", die Gewöhnung, der Gebrauch? So dass das, was zu unserem Leben passt, auch in Zukunft festbesteht und das Andere verschwindet oder nur in einer (sprichwörtlichen) Nische überlebt. Was sind die Regeln für die Stadt - oder besser noch, wie reguliert sich unsere Freiheit immer wieder selber?

Das werden wir - in Europa und überall - immer wieder neu diskutieren und definieren müssen. Ein Rezept gibt es dafür nicht. Aber gerade Berlin ist ein Beispiel dafür, dass die Experimentierfreude zu einer sehr lebenswerten Mischung geführt hat. Die korrekte Stadt ist wohl das schlimmste Ergebnis - wenn die Berliner Schnauze sprachlos bleibt.

P.S.: Gratulation an Conchita Wurst!

Stand: 12.05.2014 19:00 Uhr

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