Unterricht am Friedrich-Schiller Gymnasium in Marbach. | Bildquelle: picture alliance / dpa

EU in deutschen Lehrplänen Europa im Klassenzimmer

Stand: 16.05.2014 15:59 Uhr

Vorurteile prägen das Bild der EU. Die Wählergeneration von morgen solle daher mehr über Europa erfahren, finden die Kultusminister. Welches Europabild vermitteln deutsche Schulen - und welchen Effekt hat die nun beginnende Juniorwahl?

Von Sophia Liebig für tagesschau.de

Grenzenloses Reisen, EU-weit anerkannte Bildungsabschlüsse, Arbeitnehmerfreizügigkeit - Entscheidungen auf EU-Ebene werden zwar in Brüssel gefällt, ihre Auswirkungen beeinflussen jedoch auf vielfältige Weise das Leben der Bürger. Laut dem aktuellen DeutschlandTrend interessieren sich aber gerade mal zwei von fünf Bundesbürgern für die anstehende Europawahl - und damit für die Frage, wer in der EU die Fäden in der Hand halten soll. Für viele ist Brüssel der Inbegriff von Bürokratie und bürgerfernen Entscheidungen. Tragen bereits die Schulen zu diesem Bild bei?

In kleinen Schritten zum EU-Verständnis

1978 forderte die Kultusministerkonferenz, dass der Europäischen Union und Europa ein fester Platz in den Lehrplänen aller Schulformen eingeräumt werden müsse. Wie wird diese Forderung heutzutage umgesetzt?

Schulleiter Ulrich Cain
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Schulleiter Cain ist sich sicher: Besonders der Sprachunterricht kann das Interesse der Schüler an Europa wecken.

Am bilingualen Gymnasium Osterbek in Hamburg werden Europa und die EU in den Fächern Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Geschichte und Geografie behandelt. Je nach Fach und Klasse liegt der Schwerpunkt der Vermittlung auf den EU-Institutionen, der historischen Entstehung oder den sozialen Verhältnissen in einzelnen Regionen Europas.

Zusätzlich nimmt der Französischunterricht eine besondere Rolle ein. Schulleiter Ulrich Cain ist davon überzeugt, dass das Erlernen einer Sprache die Schüler neugierig darauf mache, mehr über das Land und seine Beziehungen zu Deutschland zu erfahren. Besonders wertvoll sei in diesem Rahmen auch die Kooperation mit den französischen Partnerschulen in La Seyne-sur-Mer, Fontainebleau und Albi. Die Gesamtzahl der Austauschschüler in Deutschland ist auf einem hohen Niveau: Allein im vergangenen Jahr zog es 18.500 Schülerinnen und Schüler ins Ausland.

Am Gymnasium Osterbek wird das komplexe Thema Europa etappenweise vermittelt. "Das fängt mit einfachen Bildern und einfachen Überlegungen an und wird dann immer weiter vertieft", sagt Schulleiter Cain. Die Aufgaben der verschiedenen Institutionen zu erlernen, sei zwar ein "sehr abstraktes Thema". Es bilde jedoch die Voraussetzung dafür, dass in den höheren Klassen aktuelle Ereignisse, wie zum Beispiel die Finanzkrise, besprochen werden könnten. Eine solch beispielhafte Vertiefung sei essenziell, da sich die Schüler nicht mit allen Themen und Mitgliedsländern gleichermaßen intensiv befassen könnten.

Kultusminister fordern mehr Europa

Dass Europa in den Schulen angekommen ist, zeigt das Beispiel aus Hamburg. Eine feste Verankerung des Themas in nur einigen Unterrichtsfächern reicht den Kultusministern streng genommen jedoch nicht aus. Bereits in einem Beschluss aus dem Jahre 1978, der bis heute Bestand hat, forderte die Kultusministerkonferenz, dass auch in vermeintlich unpolitischen Fächern wie Deutsch oder Mathematik "auf aktive Beiträge zur Förderung des europäischen Bewusstseins" nicht verzichtet werden soll. In den Fächern mit wirtschaftlichen, politischen und rechtskundlichen Inhalten fordert sie sogar eine verpflichtende Auseinandersetzung mit dem Thema.

Unterricht in einer Grundschule | Bildquelle: dpa
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Bereits in der Grundschule soll Europa ein Thema sein.

Der Beschluss der Kultusministerkonferenz umfasst alle Klassenstufen. Bereits in der Grundschule solle das Thema dort aufgegriffen werden, "wo der Erlebnis- und Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler dies erlaubt." So könnten schon früh Vorurteile und Ängste überwunden werden und ein Bewusstsein für eine europäische Identität entstehen, ein "Verständnis dafür, dass in vielen Bereichen unseres Lebens europäische Bezüge wirksam sind und europäische Entscheidungen verlangt werden".

Die Forderungen der Kultusminister kommen jedoch nur langsam in den Schulen an. Eine Studie, die 2007 im Auftrag der Europäischen Kommission erstellt wurde, belegt, dass auch knapp 30 Jahre nach dem KMK-Beschluss nur ein Teil der Empfehlungen umgesetzt wurde. Die Europäische Union und Europa sind laut Studie zwar Thema im Schulunterricht, die Thematisierung erfolgt jedoch je nach Bundesland mit unterschiedlichem Schwerpunkt und Intensität. Vor allem in den vermeintlich unpolitischen Fächern bestünden erhebliche Defizite.

Europa erleben statt zu erlernen

Für Ulrich Cain vom Hamburger Gymnasium Osterbek ist das Thema Europa aus seiner Schule nicht mehr wegzudenken. Eines ist ihm dabei jedoch besonders wichtig: "Man kann Europa nur kennenlernen, wenn man die Menschen kennen lernt." Es bedürfe mehr als Diagramme und Schaubilder, um den Schülern Europa nahe zu bringen. Der "persönliche Kontakt" sei vielmehr "der Boden, auf dem das Europa-Bild entstehen" müsse.

Austauschprogramme seien dafür eine gute Möglichkeit. Für die Schülerinnen und Schüler, die daran teilgenommen hätten, sei Europa ein Geschenk geworden, "das es ihnen erlaube, in Kontakt mit Menschen zu treten, dessen Sprache sie erlernen". Sie hätten heute ein "außerordentlich positives Europa-Bild".

Schulleiter Cain kann einen deutlichen Unterschied zu den Schülern feststellen, die nicht am deutsch-französischen Austauschprogramm teilnehmen. Bei diesen erfolge eine rein theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ihnen fehle der "emotionale Teil, der ja eigentlich zum Europa-Bild dazugehört".

Zur Probe an die Wahlurne

Auch die Juniorwahl helfe dabei, das Thema Europa "fassbarer zu machen", findet Cain. Das von der Bundesregierung geförderte Projekt soll dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler unter 18 Jahren inhaltlich und organisatorisch auf den Wahlakt vorbereitet werden. Parallel zur Europawahl werden bei einer simulierten Wahl circa 250.000 Schüler ihre Stimme abgeben. Für den Hamburger Schulleiter ist das Wertvolle daran, "dass sie sehr realitätsnah durchgeführt wird. Das bringt es mit sich, dass man sich auf Schülerseite sehr ernsthaft damit befasst".

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