Analyse zur EU-Wahl: Wer wählte was warum?
Wahlergebnis in der Analyse
Wer wählte was warum?
Das Interesse an der Europawahl war zwar auch dieses Mal gering - und die Bundespolitik war den Wähler wieder wichtiger als die Europapolitik. Trotzdem sehen die Deutschen die EU positiv wie wohl noch nie. Umso bemerkenswerter ist der AfD-Erfolg.
Von Fabian Grabowsky, tagesschau.de
Auch nach diesem Durchgang lässt sich sagen: Die Europawahlen haben ein Imageproblem. Die Wahlbeteiligung ist zwar auf rund 48 Prozent gestiegen, liegt aber weiter weit unter der beispielsweise bei der vergangenen Bundestagswahl mit rund 72 Prozent.
Nach wie vor ist das Interesse einer knappen Mehrheit von 52 Prozent der Wähler an der Europawahl gering. Allerdings war das Interesse dieses Mal stärker als vor fünf Jahren: Damals hatten 57 Prozent angegeben, sich wenig für die Wahl zu interessieren. Zwei von drei Nichtwählern fanden jetzt, die Parteien ließen sich europapolitisch nicht unterscheiden, ähnlich viele geben an, die Politik enttäusche sie generell.
Berlin statt Brüssel
Für die Wähler gilt zudem: Berlin statt Brüssel - auch bei dieser Europawahl fanden die Wähler bundespolitische Themen wichtiger als die Europapolitik. Von den Befragten gaben 54 Prozent an, sich wegen der Berliner Politik für eine Partei entschieden zu haben - gegenüber 39 Prozent, denen die EU-Politik wichtiger war. Jedoch: Die Lücke ist gegenüber der 2009er Wahl deutlich kleiner geworden. Damals betrug das Verhältnis noch 60 Prozent zu 33 Prozent.
Die Wähler der einzelnen Parteien unterscheiden sich in dieser Hinsicht klar voneinander. Für Union und Linkspartei entschieden sich 65 beziehungsweise 55 Prozent wegen bundespolitischer Themen. Bei den Grünen-Wählern sieht dies anders aus: Einer absoluten Mehrheit von 53 Prozent ging es vor allem um die Europapolitik. Bei AfD- und FDP-Wählern galt dies immerhin noch für eine relative Mehrheit von 48 Prozent.
Das Übergewicht bundespolitischer Themen ist ein Vorteil für die Regierungsparteien. Bei der ersten Testwahl für Union und SPD nach der Bundestagswahl gab es keine Niederlage - wie sonst oft in vergleichbaren Situationen. Stattdessen legte die SPD gegenüber 2009 deutlich zu, und die Union blieb stabil. Grund: Erstmals seit langer Zeit überwog bei einer Europawahl die Zufriedenheit (53 Prozent) mit einer Bundesregierung. Und beispiellose 80 Prozent sind mit der wirtschaftlichen Lage zufrieden. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren, in der Mitte der Finanzkrise, lag dieser Wert nur bei zwölf Prozent.
Positive Einstellung zur EU
Das weiter schwache Interesse und das größere Gewicht bundespolitischer Erwägungen bedeutet aber nicht, dass die deutschen Wähler EU-kritisch sind. Im Gegenteil: Eine klare Mehrheit sagt, die EU biete in Krisenzeiten besonderen Schutz (72 Prozent) und sorge "dafür, dass es uns wirtschaftlich gut geht" (68 Prozent).
Aktuell sieht fast jeder Zweite generell überwiegend Vorteile durch die Mitgliedschaft - das sind klar mehr als früher: Bei den vergangenen Europawahlen lag dieser Wert immer zwischen 20 und 30 Prozent – hat sich also seitdem fast verdoppelt. Nur jeder sechste Wähler glaubt so aktuell, dass die EU Deutschland überwiegend Nachteile bringe.
Am EU-freundlichsten sind die Wähler von Grünen (59 Prozent) und FDP (62 Prozent) - am EU-kritischsten sind wenig überraschend die AfD-Wähler, von denen 45 Prozent eine negative Bilanz ziehen.
Themen wichtiger als Kandidaten
Die EU-Spitzenkandidaten, die in diesem EU-Wahlkampf erstmals eine herausgehobene Rolle spielten, beeinflussten aber nur die Wahlentscheidung von 17 Prozent der Wähler. Von den SPD-Wählern entschieden sich wegen Martin Schulz 28 Prozent für die Sozialdemokraten, bei der Union waren es 20 Prozent, die sich wegen Jean-Claude Juncker für die Partei entschieden. Bei Grünen-, Linken- und AfD-Wählern liegen die Werte aber demgegenüber nur im einstelligen Bereich.
Im Vergleich der zwei bekanntesten Kandidaten sind die Werte für Schulz besser als für seinen Kontrahenten Juncker von den Christdemokraten. 42 Prozent der Deutschen hätten lieber ihn als Kommissionspräsidenten, über Juncker sagen dies nur 24 Prozent. Schulz gilt unter anderem als deutlich bürgernäher und glaubwürdiger, Juncker hingegen als führungsstärker.
Eine relative Mehrheit der Befragten hat sich dieses Mal nach eigenen Angaben von Sachüberlegungen leiten lassen. Das entspricht etwa dem Wert bei Bundestagswahlen.
AfD-Wahl aus Enttäuschung
Einer der klaren Wahlsieger ist dieses Mal die AfD: Sie kam wie erwartet auf Anhieb auf rund sieben Prozent und schaffte problemlos den Einzug ins Straßburger Parlament. Dass ihre Anhänger gegen den allgemeinen Trend überdurchschnittlich EU-skeptisch sind, wurde bereits weiter oben angerissen.
Zwei von drei AfD-Wählern sprechen sich für weniger gemeinsames Handeln der EU-Länder aus – bei allen Wählern sind hingegen 70 Prozent für mehr Zusammenarbeit.
Einen speziellen Schwerpunkt setzten die AfD-Wähler auch auf das Thema Zuwanderung. 40 Prozent von ihnen gaben an, das sei für sie wahlentscheidend gewesen - fast viermal so viel wie beispielsweise bei Union und SPD. Mehr als jeder zweite AfD-Wähler findet, die offenen Grenzen in der EU "bedrohen unseren Wohlstand". Etwas wichtiger waren ihnen nur mit je 41 Prozent eine stabile Währung und soziale Sicherheit.
Zusätzlich lohnt sich ein Blick auf die AfD-Wählerstruktur. Die Partei schnitt bei Männern zwischen 25 und 44 Jahren am besten ab. 84 Prozent der Wähler bezeichnen ihre persönliche wirtschaftliche Situation als gut oder sehr gut. Bei den Berufsgruppen ist sie bei den Arbeitern am stärksten vertreten (neun Prozent), am schwächsten bei Arbeitslosen (vier Prozent). Während die Wähler aller anderen Parteien mehrheitlich angeben, diese aus Überzeugung gewählt zu haben, überwiegt bei AfD-Wählern mit 60 Prozent das Motiv "Enttäuschung über die anderen Parteien".
Stand: 25.05.2014 22:05 Uhr

