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Der Chef als gelassene Geisel: Mehr als 24 Stunden lang hielten die Angestellten der französischen Filiale des US-Konzerns 3M aus Protest gegen geplante Werksschließungen ihren Direktor fest - und der fand das ganz normal.
Von Angela Ulrich, SR-Hörfunkstudio Paris
Luc Rousselet nimmt es gelassen. Der Frankreich-Direktor der Pharmafirma 3M saß seit Dienstagnachmittag in seinem Büro fest. Alle vier Stunden lösten sich seine Beschäftigten ab, die ihn bewachen, immer in Gruppen zu 20. Jetzt ist er wieder frei.
Rousselet litt aber offenbar weder Hunger noch Durst, und er tehat sogar Verständnis für die Revolte: Immerhin hätten seine Mitarbeiter noch mehr zu erleiden als er - fast Hochachtung ob des gewaltsamen Aktes spricht aus Rousselets Worten. Denn die Firma streicht jeden zweiten Job im Werk südlich von Paris - 110 insgesamt. Mit der Geiselnahme ihres Chefs wollten die Mitarbeiter neue Verhandlungen erzwingen. Auf drastische Art. Und sie waren nicht die ersten: Vor zwei Wochen hatten Mitarbeiter von Sony France ihren Boss bereits über Nacht festgehalten.
Geiselnahme des Chefs als Volkssport in Frankreich? Zumindest regt diese Protestform niemanden auf. Dass Mitarbeiter mit faulen Eiern nach Managern werfen, dass sie Firmen blockieren und wild streiken - das wird unter legitime Kultur des Arbeitskampfes verbucht. Die Gewerkschaften sind schwach - gerade deshalb plustern sie sich durch landesweite Großstreiktage auf. Und punktgenau ein bisschen Revolution zu spielen - für so etwas sind die individualistischen Franzosen immer zu haben.
Sogar ihr Präsident setzte jetzt Firmen-Chefs im Land die Pistole auf die Brust. Wessen Unternehmen Staatshilfe kassiert, der dürfe sich weder Boni noch Aktienoptionen genehmigen. Basta. Und wer nicht hört und sich fügt, bis Ende des Monats, dem will Sarkozy per Gesetz die kapitalistischen Flausen austreiben.
Da ist zwar viel Populismus im Spiel. Aber der drastische Protest wird goutiert in einem Land, in dem im Zweifel immer erst gestreikt und dann verhandelt wird. Übrigens - derzeit wehen schwarze Rauchschwaden über den Elysée-Palast. Streikende Continental-Mitarbeiter sind nach Paris marschiert. Auf einem Platz nahe Sarkozys Domizil fackeln sie - passenderweise - Autoreifen ab.
Nur: Als Geisel werden sie den Staatschef wohl nicht nehmen können.
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