Geteiltes Zypern Wiedervereinigung wegen der Krise?

Stand: 30.03.2013 13:23 Uhr

Die genauen Folgen der zyprischen Krise sind noch nicht absehbar. Sicher ist aber: Sie werden heftig sein. Ist das ein guter Zeitpunkt, wieder verstärkt über eine Wiedervereinigung nachzudenken? Schließlich sind auch die Nordzyprer von den Problemen des Südens betroffen.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul, zzt. Nikosia

Luftaufnahme von Zypern (Bildquelle: dpa)
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Die Zypernfrage ist seit 40 Jahren ungelöst.

Zypern stehen harte Zeiten bevor - wieder einmal. Diesmal ist es die Wirtschaft: Am Horizont zeichnet sich eine heftige Rezession ab. Um 20 bis 25 Prozent drohe die Wirtschaft binnen Jahresfrist einzubrechen, fürchtet der zyprische Unternehmerverband.

Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt günstig, die seit bald 40 Jahren ungelöste Zypernfrage neu anzugehen - sprich: Wiedervereinigung mit dem Norden. Er glaube nicht, dass die griechischen Zyprer einfach nur sagten: "Die Wirtschaftslage ist schlecht, lasst uns eine Lösung finden", meint dazu der Wirtschaftsfachmann Kyriakos Angelides: "Sie werden sagen, wir finden eine Lösung, indem wir uns gegenseitig verstehen und respektieren, aber das alles in einem europäischen Kontext."

Gemischte Gefühle der türkischen Zyprer

Fehmi Gürdalli ist im türkischen Norden Zyperns geboren. Seit Jahren ist er Auslandschef des türkischen Nachrichtenkanals NTV in Istanbul. Die Meinungen der türkischen Zyprer zur Krise im Südteil der Insel, sagt er, gingen weit auseinander. Manche Nationalisten dächten zwar, der Süden habe das verdient. "Andere aber sind nicht glücklich über die Situation", sagt er. "Sie verfolgen die Nachrichten und sind traurig. Sie wünschen, dass die griechischen Zyprer sich so schnell wie möglich erholen."

Die Krise als Beschleuniger des Wiedervereinigungsprozesses? Gürdalli ist skeptisch: Die Regierung in Nikosia konzentriere sich zu sehr auf die Wirtschaftskrise, die Lösung der Zypernfrage sei nicht ihre Priorität. Er fürchte, dass die Wirtschaftskrise den Verhandlungsprozess eher verzögern werde.

Auch der Norden merkt etwas von der Krise im Süden

UN-Grenzposten in der zyprischen Hauptstadt Nikosia (Bildquelle: dpa)
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Die Krise wirkt sich auf beide Seiten aus: Blick auf den Wachtturm eines UN-Grenzposten in der zyprischen Hauptstadt Nikosia

Die Krise im Süden betrifft auch den Norden. Viele Türkisch-Zyprer besitzen die Staatsbürgerschaft der Republik Zypern und arbeiten im Süden. Bewohner aus dem Süden kaufen im Norden ein, weil vieles dort billiger ist.

Und schließlich die Banken: Die Finanzkrise treffe auch Anleger im Norden, betont Stelyo Berberakis. Er wurde als Grieche in Istanbul geboren und arbeitet für die türkische Zeitung "Sabah". Inoffiziell hätten viele türkische Zyprer ihr Geld bei griechisch-zyprischen Banken angelegt, sagt er: "Sie dachten, das ist stabiler, und es gibt sehr gute Zinsen. Sie können das nicht offen zugeben und sagen: Ja, ich hab mein Geld da. Sie wären ja dann Verräter."

Zyperns Suche nach Verbündeten ist gescheitert

Berberakis kennt wie kaum ein zweiter Verwerfungen und Chancen der der türkisch-griechischen Beziehungen. Er hält es für möglich, dass Zyperns Wirtschaftskrise Anlass für neue Annäherungsversuche sein könnte - zumal Zyperns Versuche, sich starke Verbündete zu sichern, Dämpfer erfahren mussten: "Als Israel sich kürzlich bei der Türkei entschuldigt hat, war das ein Schock. Die Zyprer dachten, sie hätten zu Israel eine gute Beziehung und irgendwie wäre das auch eine Front gegen die Türkei."

Der zweite Schock war die Absage der Regierung in Moskau, Zypern finanziell aus der Patsche zu helfen. Zypern hatte Russland die Verpfändung von Gasvorkommen als Gegenleistung angeboten. "Sie vertrauen Russland", sagt Berberakis. Niemand habe dieses Statement des russischen Premierministers Dimitri Medwedjew erwartet: "Er sagte, vielleicht habt ihr Erdgas, aber erst mal müsst ihre eure Probleme mit der Türkei lösen."

Viele Hoffnungen ruhen nun auf den Gas- und Ölvorkommen vor Zyperns Küste. Sie könnten die Wirtschaftskrise überwinden und einen politischen Annäherungsprozess beschleunigen helfen. Ob das gelingt, ist gegenwärtig völlig offen.

Dieser Beitrag lief am 30. März 2013 um 12:34 Uhr im Deutschlandfunk.

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