Zwangsarbeit für die Planwirtschaft DDR-Firmen konkurrierten um Häftlinge

Stand: 21.06.2014 02:30 Uhr

Zwangsarbeit von Häftlingen war in der DDR ein fester Bestandteil der Planwirtschaft. Das belegt eine neue Studie. Betriebe konkurrierten um die Gefangenen und pressten das Letzte aus ihnen heraus. Im Westen wusste man davon, interessiert hat es offenbar niemanden.

Von Katrin Brand, WDR, ARD-Hauptstadtstudio

Das ehemalige Zuchthaus Waldheim in Sachsen. | Bildquelle: dpa
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Haft in der DDR: Das ehemalige Zuchthaus Waldheim in Sachsen.

Es war eine dumme Bemerkung, das weiß Rainer Wagner heute. Doch 1967, als er 15 Jahre alt war, war ihm nicht bewusst, welche Folgen sie haben könnte. Bei Eisenach hatte er mit Freunden versucht, über die Grenze zu kommen und war verhaftet worden. Nun stand er vor Gericht und wurde gefragt, was er da bei den Kapitalisten im Westen wolle, "wo die Bettler an der Straße sitzen", wie sich der 63-Jährige erinnert. Der Junge wollte damals das Gericht ärgern: "Ich sagte, ich wolle mich für eine Monarchie unter Otto von Habsburg einsetzen."

Die Richter in Weißenfels fanden das nicht lustig. Ihr Urteil: 14 Monate Gefängnis. Erst Einzelhaft, dann Häftlingsarbeit. Erst in der Dreherei, dann in der Küche. Von morgens früh bis spät in die Nacht. Für das, was ihm damit angetan wurde, hat Wagner inzwischen ein Wort: "Natürlich Zwangsarbeit!" - Obwohl er das damals nicht so definiert hat: "Es war einfach normal."

Dabei ist der Begriff nicht einfach zu bestimmen. Zwangsarbeit wird heute meist in Verbindung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gebracht, doch auch im Grundgesetz taucht sie auf: Artikel 12 garantiert die Freiheit der Berufswahl, Zwangsarbeit ist laut Absatz 3 aber bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Fester Bestandteil der Planwirtschaft

In der DDR aber hatte diese Arbeit einen ganz anderen Charakter, belegt eine Studie, die diese Woche in Berlin vorgestellt wurde. Zwangsarbeit von Häftlingen war fester Bestandteil der zentral gelenkten Planwirtschaft, sagt Christian Sachse, der Verfasser der Studie. Betriebe konkurrierten um Strafgefangene, aus denen das letzte herausgepresst wurde, zum Beispiel im Lager schwarze Pumpe. Dort wurden Gefangene in den Braunkohletagebauen und bei der Reichsbahn eingesetzt, "wo Gleise mit der Hand auseinander- oder zusammengebaut worden sind, wo man Schwellen schleppen musste, alles mit der Hand". Die Zahl der Unfälle lag dreimal so hoch wie bei zivilien Arbeitern, hat Sachse herausgefunden.

Mit einem perfiden System aus Strafe und Belohnung wurden die Strafgefangenen unter Druck gesetzt. Edda Sperling kam Ende der 70er-Jahre wegen versuchter Republikflucht ins Frauengefängnis Hoheneck, wo sie hungerte und fror: "Wenn Schnee lag, ist keiner dort hoch gekommen."

Haare waschen mit warmem Kaffee

Sie war gerade 24 Jahre alt, als sie zusammen mit einer Freundin verhaftet wurde, fern jeglicher Grenzen in einer Nacht-Bar. Zwei Jahre und sieben Monate lautete das Urteil. "Wenn wir Kopfschmerzen hatten, mussten wir weiterarbeiten", erinnert sie sich. Noch heute steigen ihr dabei die Tränen in die Augen. Sie arbeitete im Grauguss eines Elektromotorenwerkes. "Wir sahen aus wie die kleinen Schweinchen, und dann durften wir nicht duschen." Manchmal hätten die Frauen mit warmem Kaffee versucht, sich die Haare zu waschen.

Freigekaufte Häftlinge berichteten im Westen von ihren Leiden. Doch offensichtlich wollten weder Politiker noch Unternehmen genaueres über die Bettwäsche, Fotoapparate oder Möbel wissen, die sie günstig aus dem Osten bezogen. Der Möbelkonzern Ikea bekannte vor wenigen Jahren, auch er habe von der Zwangsarbeit profitiert und unterstützte mit 120.000 Euro die neue Studie.

Doch das reicht den Opfern nicht. "Egal, wo die jetzt ihren Sitz haben, treten diese Konzerne in eine moralische Verantwortung. Selbst wenn sie juristisch sagen können, sie hätten nichts damit zu tun", sagt Rainer Wagner, der heute Vorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft ist.

Umfassende Aufklärung vor möglicher Entschädigung

Doch die Forderung wird nicht von allen geteilt. "Bevor wir konkret über Entschädigungen reden, muss umfassend aufgeklärt werden", sagt Roland Jahn, Beauftragter für die Stasi-Unterlagen. Gerade die Frage der individuellen Entschädigung sei sehr schwierig zu beantworten. Umstritten ist auch, ob die politischen Gefangenen unter der Zwangsarbeit intensiver litten als andere und ob nicht alle entschädigt werden müssten.

Die Rede ist von zigtausenden Häftlingen, die wirtschaftlich ausgebeutet wurden. Auch für Christian Sachse, früher Bürgerrechtler in der DDR, ist die Debatte über Zwangsarbeit noch nicht zu Ende. Er wünscht sich einen runden Tisch mit der Wirtschaft, der Politik und den Betroffenenverbänden. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die DDR noch lange nicht ausgeleuchtet.

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