Bilder einer Sicherheitskamera zeigen das Entgleisen des Zuges in Santiago de Compostela. (Bildquelle: AP)

Zugunglück in Spanien mit 80 Toten Tempo 190 statt 80 - ein Systemfehler?

Stand: 25.07.2013 21:24 Uhr

Einen Tag nach der Zugkatastrophe in Spanien scheint die Ursache für das Unglück klar zu sein: Mindestens 80 Menschen mussten sterben, weil der Alvia-Schnellzug in einer Kurve bei Santiago de Compostela wohl mit 190 statt der erlaubten 80 Kilometern pro Stunde aus den Gleisen sprang.

Laut den Ermittlern gab auch der Lokführer diese Geschwindigkeit an. Er soll auf Anordnung des Ermittlungsrichters als Beschuldigter vernommen werden. Gewerkschaften nahmen den erfahrenen 52-Jährigen aber in Schutz und behaupteten: Schuld war das ungeeignete Tempokontrollsystem.

Das Zugunglück in Spanien wurde von einer Überwachungskamera aufgezeichnet (unkommentiert)
Euro, 25.07.2013

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Das falsche System für die Strecke?

Die Lokführer-Gewerkschaft (Semaf) teilte mit, die Tragödie hätte mit dem modernen ERTMS-Tempokontrollsystem an der Unglücksstelle verhindert werden können. Da die 2011 eingeweihte Hochgeschwindkeitsstrecke aber vier Kilometer vor Santiago - kurz vor der Unfallstelle - ende, sei das ältere ASFA-System im Einsatz gewesen. Das modernere System hätte den Zug beim Überschreiten der erlaubten Geschwindigkeit automatisch abgebremst. Das zuständige Behörde wies die Vorwürfe zurück: Im städtischen Raum und bei der Stationseinfahrt sei das ASFA das geeignete System.

Die staatliche Bahngesellschaft Renfe warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Renfe-Präsident Julio Gómez-Pomar erklärte, der Unglückszug sei am Morgen vor dem Unfall inspiziert worden. Er bezeichnete den Lokführer als erfahren und wies darauf hin, dass der Mann seit mehr als einem Jahr auf der Unglücksstrecke im Dienst gewesen sei.

Funkspruch soll Zugführer belasten

Allerdings soll der 52-Jährige nach Informationen der Zeitung "El País" unmittelbar nach der Katastrophe über Funk der Leitstelle gesagt haben: "Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen."

Warum der Mann den Zug vor der Kurve nicht rechtzeitig abbremste und deutlich zu schnell fuhr, sollen nun Experten klären. Einen Anschlag schlossen die Ermittler schnell aus. Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt.

Premier Rajoy ordnet dreitägige Staatstrauer an
nachtmagazin 00:40 Uhr, 26.07.2013, Joana Jäschke, SWR

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Auch Deutsche unter den Opfern?

Wie die Regionalbehörden in Galicien mitteilten, wurden 178 Fahrgäste bei dem Unglück verletzt. 32 Erwachsene und vier Kinder befänden sich noch in einem kritischen Zustand. Nur 53 der 80 Todesopfer konnten rasch identifiziert werden. Gerichtsmediziner erklärten, die Identifizierung einiger Toten werde länger dauern.

Wie viele Ausländer unter den Opfern waren, ist noch unklar. Zwar hat das Auswärtige Amt nach eigenen Angaben keine Hinweise darauf, dass Deutsche betroffen seien. Der Koordinator des Projekts Deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago, Wolfgang Schneller, sagte aber: "Es ist wohl zu befürchten, dass auch Deutsche von diesem Unglück betroffen sind. Wir haben diese Informationen von einem Hotel, in denen wohl deutsche Pilger gewohnt haben."

Drei Tage Staatstrauer

König Juan Carlos und Ministerpräsident Mariano Rajoy, der selbst aus Galicien stammt, sprachen den Opfern und Hinterbliebenen ihre Anteilnahme aus. Rajoy reiste zum Ort des Unglücks und besuchte einige Verletzte im Krankenhaus. "Für einen Bewohner von Santiago wie mich ist dies ein überaus trauriger Tag", sagte Rajoy, der eine dreitägige Staatstrauer anordnete. Der Wallfahrtsort, der das Ziel des Jakobsweges bildet, sagte alle Feiern zu Ehren des Heiligen Jakobs an diesem Wochenende ab. Die traditionelle Zeremonie ist das wichtigste Fest des Jahres in Santiago.

Es ist das schlimmste Zugunglück in Spanien seit 1972, als bei einem Zusammenstoß von einem Zug und einem Bus im Südwesten des Landes 86 Menschen ums Leben gekommen waren. 112 wurden damals verletzt.

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Schweres Zugunglück in Spanien

Zugunglück in Santiago de Compostela

Am 24. Juli gegen 21.00 Uhr ereignet sich eine der schlimmsten Katastrophen in der spanischen Eisenbahngeschichte. (Bildquelle: AP)

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