Screenshot eines Videos des "Zentrums für politische Schönheit"

Künstlerprojekt im Mittelmeer Die Utopie der rettenden Brücke

Stand: 06.10.2015 15:56 Uhr

Das "Zentrum für politische Schönheit" provoziert mit seinen Aktionen. Diesmal wirbt das Künstlerkollektiv für eine Steinbrücke über das Mittelmeer - und installierte schon mal eine Zwischenlösung für Flüchtlinge.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Ein Video verbreitet die außergewöhnliche Nachricht: Die Republik Österreich will eine Brücke von Nordafrika nach Sizilien bauen, um die "Humanität Europas zu retten". Die Brücke werde die Lebensader zweier Kontinente sein und das wirksamste Mittel gegen Schleuser und Schlepper, heißt es in dem Video. Ein kleines Land denkt groß. Der Haken: Es weiß nichts von seinem Glück.  Der Plan ist so virtuell wie das Video, auf dem die Brücke schon zu sehen ist: massive Steinpfeiler im Meer, acht Fahrspuren im mediterranen Abendlicht. 

Und dazu das Zitat des Flüchtlingskoordinators der Republik Österreich, Christian Konrad. Den gibt es tatsächlich. Doch Interview und Inhalt sind natürlich ein Fake: "Ich möchte den Beweis antreten, dass unsere Alpenrepublik über den Tellerrand schauen und der Vision eines offenen und menschenfreundlichen Europas einen wichtigen Dienst erweisen kann."

Am Montag meldete der Rote Halbmond, dass an der Küste vor Libyens Hauptstadt Tripolis 75 Leichen gefunden wurden: ertrunkene Bootsflüchtlinge, die es kaum aufs Meer hinaus geschafft haben. Da wird die Idee einer Steinbrücke übers Mittelmeer zur menschenfreundlichen Utopie.  

1000 Rettungsplattformen als offizielles Ziel

Ausgedacht hat sich das das "Zentrum für politische Schönheit". Das Berliner Künstlerkollektiv macht sonst mit verstörenden Aktionen von sich reden, etwa mit der Bestattung von ertrunkenen Bootsflüchtlingen. Diesmal also was Humanitäres. Bis die Brücke gebaut ist, werden Rettungsplattformen im Mittelmeer installiert werden: 1000 Stück.

"Die Plattformen sind sechs mal sechs Meter groß und bestehen aus hochseetauglichem Plastik. In unserem Fall ist sie azurblau", erläutert Emilia Leuchter. "Auf dieser Plattform ist ein Photovoltaik-Panel installiert, das die Stromversorgung auf hoher See garantieren soll. Und dieser Strom wird benötigt für das Satellitentelefon und die Positionslichter, die unabdingbar sind auf hoher See."

Screenshot eines Videos des "Zentrums für politische Schönheit"
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So sollen die Plattformen aussehen.

Emilia Leuchter hat mit ihren Mitstreitern gerade die erste Plattform installiert. Irgendwo vor der sizilianischen Küste, wo der Meeresgrund noch nicht so tief ist, damit die Plattform verankert werden kann. Die Aktion wird vom "Zentrum für politische Schönheit" in Bild und Ton festgehalten, um zu dokumentieren: Auch wenn wir nie 1000 Plattformen installieren werden - wir sind näher am echten Leben als an der Utopie. Aus Kunst wird Wirklichkeit.

"Diese Plattform ist darauf angelegt, Leben zu retten", sagt Leuchter. "Entscheidend dafür ist das Satellitentelefon, mit dem Hilfe angefordert werden kann. Es gibt Schwimmringe, mit denen Menschen aus dem Wasser gezogen werden können. Und für die bessere Griffigkeit sind Seile installiert, damit man sich besser festhalten kann." 

Auseinandersetzung mit Seegang und Seerecht

Um was sich Künstler auf einmal kümmern müssen! Um Seegang und Windstärken. Um Notrufnummern und um internationales Seerecht. Darf man einfach so eine Plattform ins Mittelmeer stellen? Anscheinend schon, wenn man sie mit Positionslichtern versieht. So kompliziert und auch teuer die Installation ist, so einfach ist die Botschaft dieses Kunstwerks. "Welche Kritik auch in dieser Plattform, in dieser Aktion mitschwingt, dass Menschen immer noch grausamer Weise auf das Mittelmeer gezwungen werden", so Leuchter. "Deswegen ein klares Zeichen, Europa mit Afrika zu verbinden, damit dieses Massensterben ein Ende nimmt."

Muss die Kunst Europa retten? Wenn es die Politiker nicht schaffen. Eine blaue Plastikinsel im Mittelmeer wird zum Mahnmal. Und die rot-weiß-rote Fahne Österreichs flattert stolz im Wind.

Dieser Beitrag lief am 06. Oktober 2015 um 15:54 Uhr bei Inforadio.

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