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Am Anfang begrüßten die Afghanen die ausländischen Truppen - zehn Jahre später ist die Euphorie verschwunden. Die ISAF-Staaten unterschätzen den Krieg, inzwischen sind die Taliban so mächtig wie nie seit der Invasion. Viele Afghanen fürchten sich jetzt vor der Zukunft.
Von Sabina Matthay, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Fast überall am Hindukusch wurden die ausländischen Truppen vor zehn Jahren freudig begrüßt, selbst in einstigen Taliban-Hochburgen. "Alle glaubten in jenen Tagen, die Taliban würden besiegt", erinnert sich der Journalist Fahim Dashty.
Die Afghanen hofften auf Frieden, Sicherheit und Wohlstand. Das Ausland hielt die Mission für einfach - und ging von einem kurzen Einsatz aus: "Wer hätte geahnt, dass alles sich so schnell ändern, alles wieder verloren gehen könnte. Niemand hätte das damals gedacht", erinnert sich Dashty.
Zehn Jahre nach Beginn der internationalen Intervention stehen 130.000 Soldaten aus 48 Ländern am Hindukusch. Die afghanische Armee ist 100.000 Mann stark. Doch die Lage kontrollieren die Verbündeten nicht. "Die Taliban kämpfen nicht von Angesicht zu Angesicht", schildert der afghanische Soldat Machmud. "Im offenen Gefecht könnten wir sie besiegen. Aber sie töten durch Selbstmordanschläge, mit Bomben und Minen. Die Taliban sind unsichtbar."
Mit mehr Soldaten und mehr Geld hätte Afghanistan anfangs wohl nachhaltig stabilisiert werden können. Doch die Ressourcen flossen in den Irak-Krieg. So konnten die Extremisten sich im benachbarten Pakistan neu formieren. Bis zu 45.000 Kämpfer sollen es heute sein.
Die Internationale Schutztruppe ISAF spielte den Aufstand lange herunter. 2008 sagte der Chef des Stabes, General Hans-Lothar Domröse: "Was Sie jetzt sehen, sind positiv ausgedrückt einzelne verzweifelte Anschläge, die leider auch in anderen Weltregionen passieren können." Da waren die Rebellen längst im Aufwind - obwohl die ISAF immer wieder aufgestockt, ihr Mandat auf ganz Afghanistan ausgedehnt wurde.
Der scheidende ISAF-Kommandeur David Petraeus zog deshalb im Juli dieses Jahres eine nüchterne Bilanz. Die Erfolge der massiven Truppenaufstockung der letzten Jahre stehen auf schwachem Fundament und sind noch umkehrbar, so Petraeus’ Bilanz.
Rund 2.500 ausländische Soldaten sind seit 2001 in Afghanistan gefallen, zigtausend einheimische Zivilisten kamen ums Leben - manche durch Fehler der Ausländer, die meisten bei Anschlägen der militanten Islamisten.
Im Laufe dieses Sommers töten die Rebellen gezielt führende afghanische Politiker, verübten spektakuläre Anschläge etwa auf das ISAF-Hauptquartier und die US-Botschaft in Kabul. Trotzdem erklärte der amerikanische Botschafter Ryan Crocker hinterher, der Angriff sei eigentlich nicht der Rede wert gewesen: "Das ist doch nur Belästigung. Eigentlich ein Zeichen der Schwäche."
Auch die Internationale Schutztruppe behauptet, die Sicherheitslage in Afghanistan habe sich verbessert. Jüngste Zahlen der UNO verzeichnen dagegen einen Anstieg der Gewalt.
Die zur Schau getragene Gelassenheit von Militärs und Diplomaten hat politische Gründe: Die Bürger der meisten Truppenstellerstaaten lehnen den Afghanistan-Einsatz ab. Bis 2014 sollen die ausländischen Kampfeinheiten deshalb abziehen. Der Abzug darf aber nicht wie eine Niederlage wirken.
Nach und nach übergibt die ISAF die Sicherheitsverantwortung nun an die Afghanen. Ob deren Armee und Polizei in drei Jahren auf eigenen Beinen stehen können, bezweifeln Kenner. Oberstleutnant Thomas Blank hat bis Juli als Chefmentor ein Infanteriebattaillon der afghanischen Armee ANA in Kundus betreut.
Die Frage sei, welchen Maßstab man anlege, meint Blank: "So, wie wir sie hinterlassen würden, wäre sie nach unserem Verständnis mit sehr großen Defiziten behaftet. Die ANA hat in vielen Bereichen viele Probleme, die noch nicht gelöst sind." Das sind beispielsweise: Unterwanderung, Selbstbereicherung und Vetternwirtschaft, Analphabetismus, Drogenabhängigkeit und Disziplinlosigkeit.
Die Taliban seien siegesgewiss, behauptet Waheed Mujda, ein politischer Beobachter mit gutem Draht zu den militanten Islamisten: "Sie fühlen sich stark, glauben, dass sie den USA und deren Verbündeten in Afghanistan schon die Niederlage bereitet haben."
Versuche, Gespräche mit den Rebellen anzubahnen, waren nie weit gediehen. Seit dem Attentat auf den Verhandlungsbeauftragten der afghanischen Regierung im September ist der Plan vom Tisch. Die Drahtzieher des Anschlags auf Burhannuddin Rabbani werden in Pakistan vermutet. Möglicherweise handelten die Rebellen im Auftrag ihrer Schutzherren im pakistanischen Militär, die Afghanistans Schwächung aus strategischen Gründen wollen.
Trotz der bescheidenen Erfolge der ISAF bei der Aufstandsbekämpfung sind viele Afghanen deshalb gegen den Abzug der Ausländer. Manche fürchten einen Bürgerkrieg - andere wie der Journalist Dashty glauben, dass Afghanistan wieder Freistatt für islamistische Terroristen wird: "Die übernehmen erstmal Pakistan und haben dann Atomwaffen. Und dann wird der Kampf, den wir heute in Helmand, Kandahar und Paktika ausfechten, in Berlin, Paris, London, New York ausgetragen."
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