Ingo Zamperoni

Zamperonis Eindrücke nach der Wahl Aufwachen in einem anderen Land

Stand: 09.11.2016 18:04 Uhr

Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten ist ein Paukenschlag für die Eliten in den USA - und ein Schock für viele in Washington. Der frühere USA-Korrespondent und heutige tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni schildert, wie er den Morgen in einem veränderten Land erlebt hat.

Es ist ein böses Erwachen, obwohl viele gar nicht geschlafen haben - hier bei den Hillary-Fans in Washington. Als ich meine Kinder heute Morgen in die Kita bringe, ist die Stimmung dort mehr als gedämpft. Noch lebt meine Familie in den USA, der Umzug nach Hamburg steht erst zum Jahreswechsel an.

alt Ingo Zamperoni | Bildquelle: NDR/Thorsten Jander

Zur Person

Zamperoni wurde in Wiesbaden geboren. Er studierte bis 1999 Amerikanistik, Jura und Geschichte in Konstanz, Berlin und Boston. Seit 2005 übernahm Zamperoni die Moderation aktueller Sendungen im NDR Fernsehen. Mehrfach vertrat er ARD-Korrespondenten in den Studios Washington und London. 2012 wurde Zamperoni fester Vertreter für die tagesthemen-Moderation. Im Februar 2014 wurde er Fernsehkorrespondent im ARD-Studio Washington. Seit Oktober ist er Hauptmoderator der tagesthemen. Seine Familie lebt noch in den USA.

Gesichter wie bei einem Trauerfall

Randy, die Leiterin der Kita, sieht aus, als habe sie einen Trauerfall in der Familie. "Kurze Nacht und langer Tag?", frage ich. "Vier lange Jahre eher", sagt sie düster. Ihr erwachsener Sohn habe sie angerufen und gesagt, er wolle am liebsten vier Jahre schlafen und erst dann wieder aufwachen, wenn alles vorbei sei.

Hier in Washington hat Hillary Clinton die Wahl zwar gewonnen, aber Washington ist eben eine ziemlich eigene Welt. Die "bubble", also die Blase, in der Politik und Medien die Weltsicht prägen, hat wenig mit dem Rest des Landes zu tun. Auch Randy hat die Wut der Menschen im Land zwar wahrgenommen, hätte aber nicht damit gerechnet, dass die sich in einer so deutlichen Niederlage für Clinton manifestiert. "Der Willen vieler Menschen, dass sich etwas ändert, egal wie, den habe ich wohl unterschätzt", lautet nicht nur Randys Urteil.

Ein anderes Land

Auch vor der Kita, wo sich der Smalltalk der Eltern an anderen Tagen um Baseball, Geburtstage oder das Wetter dreht, sind die Väter und Mütter heute eher schmallippig und wortkarg. Vielleicht, sagt ein Vater, sei es eben nicht nur eine Denkzettelwahl, sondern Zeichen einer Krise des traditionellen demokratischen Systems mit Berufspolitikern und einer ziemlich auf sich bezogenen politischen und medialen Klasse.

Donald Trump, der Anti-Politiker, präsentiert sich als das genaue Gegenteil dieser Klasse und hat sich damit sehr erfolgreich verkauft. Clinton dagegen ist für viele Amerikaner außerhalb der Blase Washington eine Gallionsfigur von dem, was sie am Establishment verabscheuen und was sie für alle Probleme der USA verantwortlich machen. An diesem Morgen ist Amerika ein anderes Land - für viele in Washington eines, das durchaus beängstigend wirkt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2016 in der Sondersendung ab 16:00 Uhr.

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