Erstürmung des "Zaman"-Gebäudes | Bildquelle: AP

Kritische Zeitung unter Zwangsverwaltung Türkische Polizei stürmt "Zaman"-Redaktion

Stand: 05.03.2016 03:57 Uhr

Die meisten Fernsehkanäle und Zeitungen kontrolliert der türkische Staatspräsident Erdogan bereits. Mit der gewaltsamen Erstürmung der regierungskritischen Zeitung "Zaman" hat er nun verdeutlicht, was er von Pressefreiheit hält.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Straßenschlacht vergangene Nacht im sonst so ruhigen Istanbuler Stadtviertel Yenibosna. Die Polizei rückt mit mehreren Wasserwerfern und Hundertschaften an Beamten heran. Polizisten mit Helm und Gasmaske sprühen Tränengas in die Menge. Der Strahl der Wasserwerfer trifft Herren mittleren Alters und Frauen mit Kopftuch - typische Leser der Zeitung Zaman: religiös, konservativ, aber regierungskritisch.

Michael Schramm, ARD Istanbul, zur Stürmung der "Zaman"-Redaktion
tagesschau24 12:00 Uhr, 05.03.2016

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Verschanzte Redakteure

Mit Schneidbrenner und Motorsäge durchtrennt die Polizei das versperrte Tor und stürmt dann das mehrstöckige Verlagsgebäude der Zeitung "Zaman". Sie ist das Blatt mit der höchsten Auflage in der Türkei.

Im Gebäude haben sich Hunderte Redakteure und Beschäftigte verschanzt. Die Polizei durchsucht alle Räume und setzt die bisherige Führung des Verlags ab. Für kritische Journalisten wird hier ab sofort kein Platz mehr sein. Denn ab sofort wird ein Treuhänder von Erdogans Gnaden bestimmen, was in der Zeitung gedruckt wird und was nicht.

Zeitung gehörte zur Gülen-Bewegung

Polizei vor "Zaman"-Gebäude | Bildquelle: AFP
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Polizei gegen Demonstranten vor dem "Zaman"-Gebäude

Den ganzen Nachmittag bis in die Nacht hinein hatten Hunderte Unterstützer der Zeitung "Zaman" vor dem Verlagsgebäude für ihre Zeitung gestritten. Zuvor hatte ein Istanbuler Gericht entschieden, dass das Blatt unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt wird. Das ist das Aus für die Zeitung "Zaman" in ihrer bisherigen Form.

Die türkische Justiz wirft der Führung des Verlags vor, zu einer angeblich terroristischen Vereinigung zu gehören, nämlich zur Bewegung des islamischen Predigers Fetullah Gülen. Gülen zählte früher zu den Unterstützern des heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Polizei stürmt größte regierungskritische Zeitung der Türkei
T. Bormann, ARD Istanbul
05.03.2016 09:11 Uhr

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Das Ende der Pressefreiheit?

Inzwischen gilt der in den USA lebende Gülen jedoch als Staatsfeind in der Türkei, als "Terrorist". Jeder, den die türkische Regierung zum Netzwerk Gülens zählt, wird deshalb als Terror-Unterstützer verfolgt. So auch "Zaman"-Chefredakteur Abdulhamit Bilici. Er sagte kurz vor der Erstürmung des Verlagsgebäudes durch die Polizei: "Leider ist es in den letzten drei, vier Jahren zur Gewohnheit geworden, dass jeder, der die Regierung kritisiert, vor Gericht gestellt wird oder ins Gefängnis kommt oder dass seine Zeitung unter Kontrolle der Regierung gestellt wird."

Seine Kollegin Sevgi Akarcesme, die die englischsprachige Ausgabe der Zeitung "Today’s Zaman" leitet, sagte, das Vorgehen der Justiz gegen die "Zaman" sei das Ende der Pressefreiheit in der Türkei.

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