Deniz Yücel

Yücel 100 Tage in Haft Ein Stück Himmel - einmal pro Woche

Stand: 24.05.2017 08:50 Uhr

Seit 100 Tage sitzt der "Welt"-Korrespondent Yücel in der Türkei in Einzelhaft. Ebenso lange kämpfen Freunde, Verwandte und seine Anwälte für seine Entlassung. Doch der Weg in die Freiheit führt wohl eher über die Politik als über Gerichtsprozesse.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

Vor 100 Tagen stellte sich Deniz Yücel der türkischen Polizei in Istanbul. Er und seine Anwälte waren fest davon überzeugt, dass spätestens der Haftrichter Yücel freilassen und sicherlich auch der Staatsanwalt bald darauf sämtliche Vorwürfe fallen lassen würde. Doch alles kam anders.

Noch immer sitzt der deutsch-türkische Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt" nicht nur in Untersuchungs-, sondern in Einzelhaft. Noch immer werden ihm Aufwiegelung der Bevölkerung und Terrorpropaganda vorgeworfen, für - aus mitteleuropäischer Sicht - völlig harmlose Zeitungsberichte. Noch immer liegt keine Anklageschrift vor.

Reden und den Himmel sehen

Inzwischen bekommt der 43-Jährige zumindest regelmäßig Besuch. Von Anwälten, Verwandten, seiner Frau und inzwischen bereits zwei Mal vom deutschen Generalkonsul in Istanbul. Es heißt, er sehe den Umständen entsprechend gut aus und sei bei Besuchen sehr mitteilungsbedürftig. Der Grund dafür sei die Einzelhaft, interpretiere Yücel selbst und entschuldige sich für seinen Redefluss.

Trotz der außergewöhnlichen Maßnahme - denn andere im Istanbuler Gefängnis Silivri inhaftierte Journalisten können sich Zellen teilen - mache der in Flörsheim am Main geborene Korrespondent auf seine Besucher keinen deprimierten Eindruck. Seine Verwandten dürfen ihn jede Woche besuchen, doch nur in einem Raum, in dem eine Glasscheibe den Gefangenen von seinen Besuchern trennt.

Besonders froh soll Yücel darüber sein, dass er jetzt einmal pro Woche auf den Sportplatz des Gefängnisses darf. Dann könne er in den freien Himmel blicken. Zu seiner Einzelzelle soll ein kleiner Hof gehören, doch dieser sei mit einem Maschendrahtzaun abgedeckt, so einer von Yücels Besuchern gegenüber der ARD.

Setzt sich Merkel für Yücel ein?

Yücels Anwälte versuchen derzeit den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu überzeugen, seinen Fall vorzuziehen. Üblicherweise müssen erst sämtliche innerstaatliche Instanzen durchlaufen sein. Doch ob der Rechtsweg zu einer schnellen Freilassung führen kann, das bezweifeln derzeit viele in Berlin, aber auch in Ankara. Yücel muss vielmehr auf einen politischen Deal hoffen. Am Donnerstag soll Bundeskanzlerin Angela Merkel den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan am Rande des NATO-Gipfels in Brüssel treffen. Der Welt-Korrespondent dürfte bei dem Gespräch Thema sein.

Deniz Yücel seit 100 Tagen hinter Gittern
C. Buttkereit, ARD Istanbul
24.05.2017 08:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 im Morgenecho am 24. Mai 2017 um 06:43 Uhr

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