Bilder von verstorbenen Kämpfern der YPG | Bildquelle: REUTERS

Sanitäter bei der YPG in Syrien Ein Deutscher im Kampf gegen den IS

Stand: 11.03.2016 21:39 Uhr

Die Waffenruhe in Syrien ist relativ stabil. Im Osten des Landes kämpft die Kurdenmiliz YPG weiter gegen den IS. Mit Erfolg, behauptet ein deutscher Sanitäter bei der YPG. Dem RBB erzählt er vom Tod eines anderen Deutschen und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Türkei.

Von Torsten Mandalka, RBB

Seit fünf Jahren dauert der Krieg in Syrien jetzt schon. Seit rund zwei Wochen gilt ein Waffenstillstand, der in Zentral- und Westsyrien tatsächlich mehr oder weniger eingehalten zu werden scheint.

Ganz anders sieht es an der Front im Osten aus. Dort stehen sich nach wie vor Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) und die kurdische YPG-Miliz gegenüber. Der Waffenstillstand hat für diese Gebiete keine Gültigkeit. Der IS scheint auf dem Rückzug zu sein. Allerdings ist es extrem schwierig, die Lage dort in der Wüste zu beurteilen. Es gibt so gut wie keine unabhängigen Beobachter oder Journalisten. Einen Eindruck gab dem RBB ein deutscher Sanitäter, der dort mit YPG-Einheiten unterwegs ist.

Vor zwei Wochen tobten rund um die syrische Wüstenstadt Ash Shaddadi heftige Kämpfe. Kurdische YPG-Einheiten schaffen es am 24. Februar tatsächlich, den IS von dort zu vertreiben - mit Luftunterstützung der USA. So berichtet es der Sanitäter, der sich Max Leopold nennt (Anmerkung der Redaktion: Sein richtiger Name ist dem RBB bekannt). Er ist zusammen mit den YPG-Einheiten unterwegs.

Ex-Bundeswehr-Soldat vom IS erschossen

Um 15.30 Uhr am 22. Februar musste er mit ansehen, wie bei Ash Shaddadi ein Deutscher von einem Scharfschützen getötet wurde. "Er wurde vor meinen Augen erschossen", erzählt Max Leopold, "und wir konnten nichts machen, weil der Scharfschütze noch aktiv war." Erst am nächsten Morgen konnte der Sanitäter die Leiche bergen.

Der Getötete hieß Günter Hellstern, sein Kampfname lautet Rustem Cudi. Der ehemalige Bundeswehr-Soldat und Fremdenlegionär kämpfte seit Jahren für die Kurden. Er wurde 55 Jahre alt.

Bilder von verstorbenen Kämpfern der YPG | Bildquelle: REUTERS
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Die YPG kämpft weiter verlustreich gegen den IS - Begräbnis von bei Tel Abyad getöteten Kämpfern der YPG.

Vorstoß auf Rakka?

Mittlerweile, so berichtet es Max Leopold, gibt es in der Sheddat-Region kaum noch ernsthaften Widerstand des IS. Ein militärischer Sieg wäre auch ohne die Einnahme der IS-"Hauptstadt" Rakka durch die Kurden und ihre Verbündeten möglich, sagt er: "Das heißt nicht, dass das ohne viele Opfer stattfinden kann, aber im kurdischen Bereich auf syrischem Staatsgebiet ist der IS auf dem Rückzug - ganz klar!"

Aber bis nach Rakka vorzurücken, sei eine politische Entscheidung, die die YPG-Führung sehr zurückhaltend angehe. Denn Rakka ist eindeutig arabisches Gebiet, auf das die Kurden keine Ansprüche erheben, behauptet Max Leopold. Ihnen gehe es vor allem darum, die kurdischen Rojava-Gebiete zu halten, was problematisch genug sei.

Unterstützt die Türkei den IS?

Türkische Artillerie beim Beschuss Syriens (Februar 2016) | Bildquelle: AFP
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Türkische Artillerie beschießt immer wieder kurdische Stellungen in Syrien. (Archiv)

Vor wenigen Tagen erst habe es einen IS-Angriff auf die Städte Suluk und Tell Abiad an der Grenze zur Türkei gegeben. 200 IS-Kämpfer seien von Süden aus Richtung Rakka gekommen und - das ist politisch brisant - 200 weitere seien aus der Türkei kommend von Norden aus vorgerückt, erzählt Max Leopold.

Gibt es also immer noch Indizien dafür, dass der IS von der Türkei unterstützt wird? Davon ist Max Leopold überzeugt: "Es gibt vielfältige Beweise: aufgeschnappte Funksprüche und Dokumente, die IS-Kämpfer bei sich trugen." Auch, dass sie mit modernem westlichen Gerät ausgestattet gewesen seien, deute auf türkische Hilfe hin. Gleichzeitig halte die Türkei die Lieferung dringend gebrauchter medizinischer Produkte an die Kurden zurück. Er berichtet, dass Menschen sterben, weil ihnen dringend benötigte Medikamente fehlen.

Keine Hilfe aus Deutschland

Konkrete Hilfe aus Deutschland gebe es nicht. "Die Unterstützung der Deutschen ist wirklich sehr relativ und indirekt", erzählt Max Leopold. Mehr als die "Tornado"-Aufklärungsflüge und das Engagement von Nichtregierungsorganisationen und Privatpersonen gebe es de facto nicht.

Und die YPG selbst? Es gibt Berichte, dass auch die kurdischen Einheiten diesen Krieg alles andere als gerecht führten, dass sie arabische Dörfer plündern. "Das kann schon stimmen", räumt Max Leopold ein. Er habe so etwas selbst nicht beobachtet, aber schon massive Auseinandersetzungen wegen der Zerstörung arabischen Eigentums gehabt.

Bei einigen lokalen Einheiten der YPG gebe es Probleme. Man müsse bedenken, dass es junge Menschen seien, die seit Jahren gegen Araber kämpften und viele Freunde verloren hätten. Das entschuldige nichts, helfe aber, es zu verstehen, so Max Leopold.

Bürgerkrieg in Syrien - Deutscher Sanitäter berichtet vom Kampf der Kurden
T. Mandalka, ARD Berlin
11.03.2016 11:29 Uhr

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"Das ist natürlich hart"

Wie geht es Max Leopold mit den Eindrücken von Krieg, Tod und Zerstörung? "Das ist natürlich hart", schildert er seine Eindrücke nach einem IS-Selbstmordattentat, "wenn man auf der Ladefläche eines Pick-Up versucht, die Menschen am Leben zu erhalten und dann die Kinderleiche neben einem liegt."

Was ihn aufrecht erhält? Es sei die Freude der Menschen, wenn die YPG wieder ein Dorf befreit habe, wenn die Kinder wieder auf der Straße spielen könnten. "Das ist auch was, was zu diesem Krieg gehört. In dem Moment weiß ich dann, warum ich hier bin."

Max Leopold ist in Syrien, um sich gegen die schlimmsten Faschisten der Gegenwart zu engagieren - so sieht er den "Islamischen Staat".

Dieses Foto soll Rauch nach einem Selbstmordattentat des IS zeigen | Bildquelle: Max Leopold
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Dieses Foto soll Rauch nach einem Selbstmordattentat des IS zeigen - Max Leopold versorgte nach eigenen Angaben danach Verletzte.

Korrespondent

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Torsten Mandalka, RBB

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