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Das US-Unternehmen Stratfor agiert mit "geopolitischen Analysen" im Verborgenen, gerät nun aber in den Blick der Öffentlichkeit: Offenbar wendet der Konzern ähnlichen Methoden wie Geheimdienste an und setzt seine Informanten massiv unter Druck. Dies zeigen WikiLeaks-Dokumente, die dem NDR vorliegen.
Von Hanno Burmester, Jasmin Klofta, Anne Ruprecht, John Goetz, NDR
Am 29. Dezember 2004 wendet sich der Besitzer des privaten Informationsdienstleisters Stratfor per E-Mail an seine Analysten. Der gebürtige Ungar George Friedman nimmt vor seinen Mitarbeitern kein Blatt vor den Mund. Gerade sei die Chefin der CIA-Analyseabteilung gefeuert worden. Sie habe statt "nachrichtendienstlicher Arbeit PR" gemacht, "keinen Stolz auf ihr Handwerk" gehabt, urteilt Friedman.
Weniger kritisch urteilt Friedman über sein eigenes Unternehmen. Stratfor arbeite besser als die berühmt-berüchtigte CIA. Jeder im Hauptquartier des Nachrichtendienstes in Langley wisse, dass Stratfor mit einem "Bruchteil der Ressourcen" Dinge schaffe, zu denen der US-amerikanische Nachrichtendienst "niemals fähig" gewesen sei. "Wir weisen der CIA den Weg", so Friedman. "Wir können der CIA zeigen, wie es geht. Und vielleicht können sie lernen."
Solche Sätze klingen erstaunlich selbstbewusst für ein Unternehmen, das hierzulande bislang kaum einer kannte. Seit dieser Woche rückt Stratfor jedoch ins Licht der Öffentlichkeit. WikiLeaks veröffentlicht seit Montag Auszüge aus fünf Millionen internen E-Mails des Unternehmens. Als investigativer Partner von WikiLeaks hat der Norddeutsche Rundfunk Zugang zu den Stratfor-Daten.
Auf seiner Webseite stellt sich Stratfor als Informationsdienst an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Wissenschaft dar. Hauptprodukt des Unternehmens seien "geopolitische Analysen". In Unterschied zu journalistischen Organisationen sei Stratfor jedoch vor allem damit beschäftigt, seinen Kunden Prognosen über zukünftige Geschehnisse zur Verfügung zu stellen. All dies geschieht laut Gründer Friedman auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen und eines weltweiten Quellennetzes, das Stratfor weltweit Auskunft gebe. Tatsächlich schöpft Stratfor weltweit Quellen ab.
[Bildunterschrift: Die Enthüllungsplattform WikiLeaks hat E-Mails von Stratfor veröffentlicht. ]
In internen Listen erscheinen Informanten aller Art. Das texanische Unternehmen pflegt Verbindungen zu türkischen Regierungsberatern, US-Diplomaten im Ausland oder pakistanischen Geheimdienstquellen. Das Unternehmen bedient sich hierbei jedoch fragwürdiger Arbeitsmethoden.
Stratfor ist einem Nachrichtendienst dabei viel ähnlicher, als das Unternehmen nach außen hin zugibt. Allem Anschein nach wissen viele Quellen nicht davon, dass sie von Mitarbeitern der texanischen Firma abgeschöpft werden. Die Mitarbeiter des Unternehmens zeigen sich laut einer E-Mail des Gründers Friedman als solche - oder auch nicht: "Wie es uns eben passt."
Stratfor-Quellen wüssten unter Umständen "zu keinem Zeitpunkt, dass sie eine Quelle" waren. Friedman geht sogar noch weiter. In einer Nachricht bedrängt er eine Analystin, "finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle" über einen Informanten zu erlangen - "bis zu dem Punkt, an dem er seine Quellen preisgibt."
Es drängt sich der Verdacht auf, dass Stratfor im Ausland mit Mitteln der Spionage arbeitet. Mit solchen Arbeitsmethoden gelangt Stratfor offenbar immer wieder an sensible Informationen. So berichtet ein türkischer Regierungsberater über eine angeblich tödliche Erkrankung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Eine mexikanische Militärquelle mit Zugang zum mexikanischen Präsidenten gewährt Stratfor Einsicht in die geplante Anschaffung von Drohnen. Ein hochrangiger US-Militär berichtet minutiös über Hubschraubereinsätze in Pakistan.
[Bildunterschrift: Stratfor arbeitet offenbar mit ähnlichen Methoden wie die CIA. ]
Das Stratfor-Quellennetz umfasst einfache Polizisten ebenso wie hochrangige Diplomaten. Einen besonders guten Draht haben die Texaner zu den Sicherheitsbehörden und dem Militär. Analysten schreiben über ihre Gespräche mit "sehr guten" FBI-Quellen oder werden aufgefordert, bestehende Quellen im pakistanischen Geheimdienst ISI zu kontaktieren. Unternehmensgründer Friedman erwähnt in einer Nachricht, seine Tochter habe im Irak in einem Verhörzentrum gearbeitet, mutmaßlich für eine amerikanische Regierungsstelle oder einen privaten Dienstleister von US-Militär oder US-Geheimdienst. Inzwischen ist Friedmans Tochter aus dem Irak zurückgekehrt - und ist bei Stratfor beschäftigt.
Stratfor-Vize Fred Burton war früher Agent des Diplomatic Security Service im US-Außenministerium. Solche ehemaligen Anstellungsverhältnisse sind für Stratfor Gold wert. Es liegt nahe, dass der Kontakt zu ehemaligen Kollegen ein leichter Weg ist, an sensible Informationen zu gelangen. In jedem Fall ist Stratfor gut genug vernetzt, um mächtige Kunden an sich zu binden.
Die größten Namen des militärisch-industriellen Komplexes der USA verlassen sich auf die Informationen der Texaner. So gehören mit Booz Allen Hamilton, General Dynamics und Northrop Grumman milliardenschwere Konzerne zu den Auftraggebern. Aber auch staatliche Stellen stützen sich auf die Dienste der Texaner. So listet Stratfor das Department of Homeland Security ebenso ebenso als Kunden wie den Secret Service oder den Nachrichtendienst Defense Intelligence Agency.
Gegenüber der CIA hat Stratfor einen großen Vorteil. Im Unterschied zu den offiziellen Nachrichtendiensten der amerikanischen Regierung muss Stratfor keinerlei Kontrolle befürchten. Der Private Intelligence Markt ist gänzlich unreguliert. Stratfor nimmt zu den Vorwürfen hinsichtlich seiner fragwürdigen Arbeitsweise keine Stellung. In einer Pressemitteilung sagt das Unternehmen, die Veröffentlichung der E-Mails durch WikiLeaks sei "eine direkte Attacke gegen Stratfor". Stratfor werde sich jedoch "nicht ruhig stellen lassen und wird weiter seine geopolitischen Analysen veröffentlichen". Ob das Unternehmen seine Methoden der Informationsbeschaffung verändern wird, bleibt unbeantwortet.
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