Boko-Haram-Symbole in Damasek | Bildquelle: REUTERS

Furcht vor IS und Boko Haram in Afrika "Noch nie so böse Menschen gesehen"

Stand: 19.11.2015 13:58 Uhr

In einigen afrikanischen Ländern gehört islamistischer Terror fast schon zum Alltag. In Nigeria gibt es fast jede Woche Anschläge durch die Gruppe Boko Haram. In Nordafrika wächst jetzt außerdem die Furcht vor dem "Islamischen Staat".

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

In Mohameds Café in Marokkos Hauptstadt Rabat ist die Stimmung gedrückt. Auf dem großen Flachbildschirm läuft der französische Info-Kanal France 24 - mit dem Horror von Paris in Endlosschleife. Mohamed sieht nicht hin. "Wir haben wirklich Angst - der Terror richtet sich nicht mehr nur gegen bestimmte Gruppen - so wie im Frühjahr gegen die Journalisten von Charlie Hebdo. Jetzt wissen und spüren wir, dass es wirklich jeden Menschen treffen kann, auch uns hier in Marokko, hier im Café."

Terrorgefahr ist Alltagsthema

Marokkos Zeitungen sind schon lange voll von Meldungen rund um das Thema Terror. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass marokkanische Geheimdienste mutmaßliche Terrorzellen im Land ausheben, sichergestellte Waffen, Mobiltelefone und Sprengstoff präsentieren. "Wir sind auch bedroht", sagt Mohameds Freund Khalid, "auch, wenn es bei uns seit Jahren keine Anschläge mehr gegeben hat. Das muss nicht so bleiben - der Terror rückt näher und er betrifft auch uns."

Die Sicherheitsstufe in Marokko ist seit den Anschlägen von Paris noch einmal erhöht worden. Dabei sind die Behörden schon lange nervös. Denn "Daesh", so wird der "Islamische Staat" hier genannt, soll auch in Marokko hunderte, wenn nicht mehrere tausend junge Kämpfer rekrutiert haben. Die Menschen fühlen sich bedroht von IS-Anhängern, die nach Hause zurückkehren - oder gleich in der Heimat Attentate verüben könnten. So wie etwas weiter östlich - in Tunesien.

Furcht in Tunesien

Der tunesische Präsident Essebsi | Bildquelle: AFP
galerie

Der tunesische Präsident Essebsi

"Tunesien, das uns allen am Herzen liegt, leidet unter schwierigen Umständen," sagte Tunesiens Präsident Béji Caid Essebsi im Sommer. Und rief den Krieg gegen den Terror aus - mitten in einem wirtschaftlich, touristisch und politisch schwarzen Jahr für Tunesien. Erst im März das Attentat auf das Bardo-Museum in Tunis, bei dem 21 Touristen erschossen wurden - dann im Juni das Massaker am Strand eines Ferienhotels nahe der Stadt Sousse, als ein Student 38 Ausländer tötete.

IS-Miliz bekannte sich zu Anschlägen in Nordafrika

In beiden Fällen bekannte sich der "Islamische Staat" zu den Taten. Essebsi nimmt die Terrorgefahr extrem ernst. "Ich sage es mit aller Deutlichkeit: Wenn sich so etwas wie in Sousse wiederholt, dann geht das Land unter."

Blumen Sousse | Bildquelle: dpa
galerie

Touristen haben nach dem Anschlag am Strand von Sousse Blumen niedergelegt

Beinahe hätte Sousse sich tatsächlich wiederholt: Die tunesischen Sicherheitskräfte haben nach eigenen Angaben gerade erst einen großen Anschlag in Tunis verhindert - offenbar nur in letzter Minute. Eine Terrorzelle habe noch für November Attentate auf Hotels vorbereitet. Einige der festgenommenen Verdächtigen seien in Libyen und Syrien ausgebildet worden, heißt es im Innenministerium in Tunis.

Boko Haram terrorisiert Nigeria

Die Islamisten von Boko Haram haben der IS-Terrormiliz die Treue geschworen. Ganz Nord- und Westafrika führen sie jeden Tag vor, was Terror bedeutet. Seit mehr als sechs Jahren überziehen sie vor allem den Nordosten Nigerias mit Gewalt. Die Menschen leben in permanenter Gefahr.

Nach einem Anschlag der Terrorgruppe Boko Haram in Nigerias Hauptstadt Abuja | Bildquelle: REUTERS
galerie

Nach einem Anschlag der Terrorgruppe Boko Haram in der nigerianischen Stadt Kano

Aber der Alltag muss weitergehen, irgendwie - auch wenn ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, tausende Schulen und Moscheen zerstört, hunderte Frauen und Kinder entführt werden. Viele werden vergewaltigt oder mit Sprengstoffgürteln wieder unter die Bewohner geschickt.

17.000 Opfer gab es bisher - und das sind nur vorsichtige Schätzungen: Keine andere Terrorgruppe hat binnen weniger Jahre so viele Menschen getötet wie Boko Haram. Mehr als 2,5 Millionen wurden vertrieben. Menschen wie Falmata Tija - sie versucht, mit ihren drei kleinen Kindern in der Stadt Maiduguri zu überleben.

"Ich habe noch nie so böse Menschen gesehen"

Falmatas Dorf haben die Islamisten zerstört, sie weiß nicht wohin und muss ausgerechnet in der Stadt Schutz suchen, die regelmäßig von Boko Haram angegriffen wird. Mit zehntausenden anderen sitzt Falmata in der Falle - und zittert um ihr Leben und das ihrer Kinder. "Wenn wir hier einfach nur sitzen, uns verstecken - dann kommen sie und schlachten Menschen ab. Wenn wir essen, nehmen sie uns alles weg. Ich habe solche bösen Menschen noch nie gesehen."

Leben mit der Angst - Nordwestafrika und der Terror
A. Göbel, ARD Nordwestafrika
19.11.2015 11:37 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 19. November 2015 um 6:25 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: