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20.03.2010

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Weltsozialforum: Purer Anti-Imperialismus oder Ideenbörse?
Weltsozialforum in Porto Alegre beendet

Purer Anti-Imperialismus oder alternative Ideenbörse?

Mit der Kampfansage an einen ungezügelten Kapitalismus ist das Weltsozialforum in Porto Alegre zu Ende gegangen. Gegründet wurde es vor zehn Jahren als Gegenmodell zum Davoser Weltwirtschaftsforum - diesmal ging es in den Diskussionen aber vor allem um die eigene Rolle: Während sich Hardliner für knallharte Programme stark machen, sehen moderate Kritiker das Treffen als Plattform zum Gedankenaustausch.

Von Gottfried Stein, ARD-Studio Südamerika 

Teilnehmer des Weltsozialforums (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Teilnehmer diskutieren über die Ziele des Sozialforums. ]
Es ist ruhig an den Infoständen vor dem Gasometro, dem Kulturhaus in Porto Alegre. Früher tummelten sich hier Zehntausende Menschen, das diesjährige Weltsozialforum aber zieht wenig Besucher an. Das Treffen der Globalisierungskritiker feiert sein zehnjähriges Bestehen im kleineren Kreis.

Dabei habe die Wirtschaftskrise gezeigt, wie wichtig das Forum sei, meint Mitbegründer Francisco Whitaker: "Natürlich ist die Kraft des Systems enorm, und es dominiert weiterhin mit seiner Ideologie die Menschen. Und es gibt ganze Länder, die in diesem System gefangen sind, aber dort wächst die Überzeugung, dass diese ungebremste Produktion die Natur zerstört und zur Zerstörung des Planeten führt. Die zehn Jahre des Forums koinzidieren also mit einer großen weltweiten Krise."

"Ständig debattiert man irgendwelche Krisen"

2010 ist das Weltsozialforum eine dezentrale Veranstaltung, auf mehrere Länder und Kontinente verteilt. Im Geburtsort Porto Alegre aber findet die zentrale Strategiedebatte statt, denn das Forum trete auf der Stelle, meint Camila Moreno von der Umweltorganisation "Terra dos Direitos": "Ständig debattiert man irgendwelche Krisen: Umweltkrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise. Und nie kommt etwas dabei raus! Demnächst werden sie hier noch über die existenzielle Krise reden. Aber sie erkennen nicht, dass die Bodenfrage der Kernpunkt ist."

Weltsozialforum seit Jahren in Sinnkrise

Im Grunde steckt das Sozialforum seit Jahren in einer Sinnkrise: Einst als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet, verstehen sich die einen als anti-imperialistische Speerspitze, andere als alternative Ideenbörse. Die einen wollen Gedanken austauschen, die anderen fordern knallharte Programme und Konzepte.

Ein Unding, meint Mitbegründer Oded Grajew: "Viele Leute sagen: Das Forum muss eine Position vertreten, aber das Forum ist ein Prozess. Diese Dinge müssen die Organisationen machen, und sie haben hier alle Freiheiten, sich zu artikulieren. Jeder kann sagen oder vorschlagen, was er für richtig hält. Aber es ist schwierig oder sogar unmöglich, dass das Weltsozialforum selbst einen Vorschlag macht, den alle übernehmen."

Linke Staatsoberhäupter auf Forum umstritten

Brasiliens Präsident Lula da Silva. (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Seine Präsenz auf dem Forum stößt auf geteiltes Echo: Brasiliens Präsident Lula da Silva. ]
Stargast des Forums war wieder Brasiliens Staatspräsident Lula da Silva. Vor allem die linken Staatsoberhäupter Lateinamerikas sind gern gesehene Gäste. Aber ihre Präsenz ist nicht unumstritten, manche fühlen sich von ihnen politisch vereinnahmt, wie Silke Helferich von der Heinrich-Böll-Stiftung: "Es gibt diese starke Trennung: dort der Staat und hier die Gesellschaft; dort die politischen Entscheidungsträger und Strukturen und hier die sozialen Bewegungen, die sich ständig in einer defensiven Haltung gegenüber diesen Strukturen befinden müssen. Ich glaube, es ist sinnvoll, einen sehr offenen, aber auch kritischen Dialog mit denen zu führen, die uns in der formalen Demokratie repräsentieren. Aber dafür brauchen wir kohärente und klare Konzepte im Kopf und konkrete politische Vorschläge", sagt sie.  

Manchen Teilnehmern genügt das Sozialforum, wie es ist. Sie finden eine Neuausrichtung überflüssig, denn schließlich sei die Sache ganz einfach: "Ich denke, dass die Ideen und Projekte verbreitet werden und in die Praxis umgesetzt werden müssen. Hier trifft man sich und debattiert die Theorie, aber wenn alle nach Hause fahren, sollen sie mitnehmen, was sie hier gelernt haben und die Dinge verbessern und Projekte beginnen - egal was, angefangen von den simpelsten Sachen bis zu den ganz Wichtigen."

Stand: 29.01.2010 20:51 Uhr
 

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