Qualmende Schornsteine eines Kohlekraftwerks | Bildquelle: dpa

Weltenergieausblick Alte Energien behindern die Zukunft

Stand: 13.11.2014 11:34 Uhr

Die Internationale Energieagentur zeichnet ein düsteres Bild für 2040: Klimawandel extrem - trotz aller bisherigen Anstrengungen und bekannter Zukunftspläne zur CO2-Reduktion. Skizziert wird aber auch, was für eine globale Energiewende nötig wäre.

Von Martin Gent, Wissenschaftsreaktion WDR 5

Im Mittelpunkt des neuen Weltenergieausblicks ("World Energy Outlook") steht das zentrale Szenario, genannt "New Policies", also "Neue Politik". Das hört sich innovativer an, als es ist. Unterm Strich geht es davon aus, dass sich energiepolitisch nicht allzu viel ändert. Berücksichtigt wurden absehbare Beschlüsse, wie die kürzlich verabschiedeten EU-Klimaziele oder auch die jüngsten Klimaschutzsignale aus den USA, weil sie bereits im Juni von der US-Umweltagentur angekündigt worden waren. Mangels belastbarer Zahlen gingen chinesische Klimaschutzpläne aber nicht in die Berechnungen ein.

Den Stresstest, von dem die Internationale Energieagentur in diesem Zusammenhang spricht, besteht das zentrale Szenario nicht. Was in Politikerworten großspurig als Klimaschutz daher kommt, bleibt ein bescheidener Anfang, mehr nicht.

Weiter so ist keine Lösung

Nach dem zentralen Szenario würde es auf der Welt nicht um 2 Grad Celsius, sondern um 3,6 Grad wärmer - mit erheblichen Folgen für Mensch und Umwelt. Die Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle würde steigen statt sinken.

Der Weltklimarat hat erst kürzlich wieder beziffert, wie viele Treibhausgase die Menschheit überhaupt noch in die Atmosphäre pusten darf, soll die Erderwärmung die Zwei-Grad-Grenze nicht überschreiten. Dieses Budget wäre nach diesem Szenario im Jahre 2040 komplett verbraucht, die Energiewirtschaft aber mitnichten auf einen CO2-freien Pfad umgestellt.

Investitionen stehen auf der Kippe

Ganz unabhängig von den Klimaproblemen bedeutet die Fortführung der alten Energiepolitik nicht einmal Sicherheit. Der US-Ölboom verschafft nach Ansicht von IEA-Chefökonom Fatih Birol allenfalls eine kurze Atempause. Der niedrige Ölpreis sei trügerisch, lädt nicht gerade zum Investieren ein.

Dem zentralen Szenario folgend müsste aber überall erheblich investiert werden: in schwieriger zu fördernde Ölvorkommen, in eine aufwendige Gas-Logistik, in neue Kohlekraftwerke mit teurer CO2-Abtrennung. Mit anderen Worten: Die Energiezukunft ist so ungewiss, dass überall die Gefahr von Fehlinvestitionen lauert.

Ungewisse Zukunft der Kernenergie

Das gilt auch für die Kernenergie. Die IEA rechnet damit, dass in den nächsten 25 Jahren 200 altersschwache Reaktoren vom Netz gehen und allein der Rückbau rund 100 Milliarden Dollar verschlingen wird. Neue Kernkraftwerke hätten vor allem in China, Indien, Korea und Russland eine Chance. Trotzdem ist die große Zeit der Kernenergie schon seit 20 Jahren vorbei. Seinerzeit kamen 18 Prozent des Stroms aus dem Atom, zurzeit sind es elf Prozent.

Insgesamt hat die Nutzung der Kernenergie in den letzten 40 Jahren rund 56 Gigatonnen CO2 (56 Mrd. Tonnen) vermieden. Das entspricht dem globalen Treibhausgasausstoß von gerade mal 21 Monaten. Die "Zukunftsaussichten der Kernenergie sind in vielen Teilen der Welt ungewiss", sagt IEA-Direktorion Maria van der Hoeven. Die soziale Akzeptanz müsse heute ganz anders bewertet werden als in der Vergangenheit. Außerdem habe bis heute noch keiner eine Lösung für den hochradioaktiven Atommüll gefunden. In den Szenarien der IEA spielt die Kernkraft trotzdem weiter eine bedeutende Rolle, besonders im Klimaschutz-Szenario.

Falsche Subventionen in Öl, Kohle und Gas

Sorgen bereitet der IEA, dass die Entscheidungsträger beispielsweise angesichts des Ukraine-Konflikts Energiepolitik "auf Sicht" machen und dabei versäumen, die Weichen langfristig neu zu stellen. Allen Klimaschutzbemühungen zum Trotz wurden fossile Energieträger global gesehen im vergangenen Jahr mit 550 Milliarden Dollar subventioniert. Diese falsche Förderung behindert nach Ansicht der IEA das nötige Investment in erneuerbare Energien und Effizienz-Technologien.

Zwar werden auch erneuerbare Energien subventioniert: 2013 flossen nach Angaben der IEA global 120 Milliarden Dollar Fördermittel in den Ausbau von Windfarmen, Solarparks und Biomassekraftwerken. Verglichen mit der Pro-Öl-Politik ist die Summe aber vergleichsweise bescheiden.

Langer Atem gefragt

Bei aller Ungewissheit scheint eins sicher: Erneuerbare Energien werden in absehbarer Zeit die Nummer Eins in der Stromerzeugung. Der Kohlestrom, über den in der Bundesregierung derzeit so heftig gestritten wird, ist auf dem Rückzug - egal welches IEA-Szenario man betrachtet.

Ein genauerer Blick auf das Klimaschutz-Szenario der Energieagentur zeigt aber auch, in welchem Maße umgesteuert werden müsste. Ein Umbau der Energiewirtschaft im Hinblick auf das Zwei-Grad-Ziel kostet zweifelsohne viel Geld. Zwar sinkt mit der technischen Reife der Preis, doch werden auch erneuerbare Energien weiter subventioniert werden müssen. Bei Sonne und Wind sind die Anfangsinvestitionen höher als bei einem Kohle- oder Gaskraftwerk, dafür ist der Brennstoff später quasi umsonst.

Aber es muss sich erst einmal jemand finden, der Geld für neue Wind- und Solarkraftwerke in die Hand nimmt. Dazu braucht es langfristige Strategien bei den politischen Entscheidungsträgern. Wer den Klimaschutz ernst nimmt, muss nach Ansicht der IEA in eine saubere Energieversorgung etwa doppelt bis viermal so viel Geld investieren wie derzeit geplant.

Eine mögliche Quelle für diese Mittel wären adäquate CO2-Abgaben, die auch erst den nötigen Impuls zum Umsteuern gäben. Für das Klimaschutz-Szenario rechnet die IEA mit CO2-Abgaben in Höhe von 125 bis 140 Dollar je Tonne - das Zwanzigfache gegenüber den derzeit üblichen Sätzen, die nicht einmal überall erhoben werden.

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