Weißhelme im syrischen Bürgerkrieg | Bildquelle: AFP

Alternativer Nobelpreis für Weißhelme "Meine Waffe ist mein Helm"

Stand: 25.11.2016 15:03 Uhr

Sie sind dort, wo niemand mehr hingeht: Die Weißhelme im syrischen Bürgerkrieg retten, bergen, helfen - mehr als 60.000 Menschen konnten sie bislang vor dem Tod bewahren. Heute bekommen sie als einer von vier Preisträgern den alternativen Friedensnobelpreis.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Sie haben einen kleinen Jungen entdeckt - vielleicht vier, oder fünf Jahre alt. Er liegt unter den Trümmern eines bombardierten Hauses im Osten Aleppos. Erst sind nur seine Haare zu sehen, ein kleiner Schopf inmitten von Schutt, Geröll und Staub. Videos zeigen, wie sie mit bloßen Händen nach dem Kind graben - die Rettungsmänner mit den weißen Helmen.

Vorsichtig legen sie sein Gesicht frei - er lebt. "Schnell! Wasser!", ruft einer - sie geben dem Kind einen Schluck. "Spuck, spuck!", sagt der Helfer. "Spuck den Staub aus." Der Junge liegt unter riesigen Trümmerteilen eines eingestürzten Gebäudes. Mit Presslufthämmern versuchen sie, den Weg freizuräumen. "Hast du Schmerzen?", fragt einer das Kind. "Nein", sagt der Junge leise.

"Aleppo ist die gefährlichste Stadt der Welt"

Die Weißhelme im syrischen Bürgerkrieg sind dort, wo keiner mehr hingeht: In den umkämpften Gebieten, im umzingelten Ostaleppo und dort, wo die Gesundheitsversorgung weitestgehend zusammengebrochen ist. Eine Rettungseinheit mit weißen Schutzhelmen, die versucht, den Zivilisten zu helfen, Verschüttete zu bergen, Verletzte zu versorgen.

"Meine Waffe ist mein Helm, meine Schaufel und mein Medizinkoffer", sagt einer und fügt hinzu: "Aleppo ist die gefährlichste Stadt der Welt. Die Lage ist so gefährlich, wir hören den ganzen Tag Bombeneinschläge, jeden Tag sterben so viele Menschen. Hört, so hören sich die Bombeneinschläge an. Sie kommen immer wieder!"

Die Lage im syrischen Bürgerkrieg sei momentan die schlimmste seit Beginn des Krieges, melden die Weißhelme - die sich auch "Syrischer Zivilschutz" nennen - vor allem im Ostteil Aleppos. Es gebe keine Milch für Kinder, keine Lebensmittel, keine funktionierenden Krankenhäuser mehr. Und der Krieg gehe unaufhörlich weiter.

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Die Geschichte des alternativen Nobelpreises

Viele Frauen, einige Deutsche, ambitionierte Projekte - der "Right Livelihood Award"

Yetnebersh Nigussie, Colin Gonsalves und Khadija Ismayilova

Die diesjährigen Alternativen Nobelpreise gehen an die Äthiopierin Yetnebersh Nigussie (links), den Inder Colin Gonsalves (Mitte) und die Aserbaidschanerin Khadija Ismayilova (rechts). Ismayilova bekommt den Preis "für ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit, Korruption auf höchster Regierungsebene durch herausragenden investigativen Journalismus aufzudecken". Gonsalves habe sich drei Jahrzehnte lang in Prozessen unermüdlich und erfindungsreich für die Menschenrechte der am meisten gefährdeten und an den Rand gedrängten Menschen der indischen Gesellschaft eingesetzt. Nigussie wird für ihre Arbeit zugunsten der Rechte von Behinderten geehrt. | Bildquelle: imago/Eibner Europa/dpa/picture

Vom Handwerker zum Helden

Wieder ein Bombeneinschlag, eingestürzte Gebäude, alles ist voller Staub. Zwischen den Trümmern irren verwirrte Menschen umher. Verletzte und Tote liegen herum. Helfer eilen herbei. Alltag der Weißhelme.

Vor dem Krieg waren sie Handwerker, Lehrer, Einzelhändler. Kaum jemand hier hat eine medizinische Ausbildung. 2013 waren sie eine nur kleine Gruppe von Männern, die sich zusammengetan hatten, um den Zivilisten im Krieg zu helfen. Schnell werden sie mehr, bekommen Hilfe und Ausbildung im Ausland, werden unter anderem von den USA und Deutschland finanziell unterstützt. Heute sind die Weißhelme fast 3000 Männer und Frauen in Syrien eine eingespielte Hilfsorganisation mit 120 Stützpunkten.

Weißhelme suchen nach Opfern in den Trümmern einer zerstörten Stadt in der Nähe von Aleppo. | Bildquelle: AFP
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Weißhelme suchen nach Opfern in den Trümmern einer zerstörten Stadt in der Nähe von Aleppo.

Die Regierung von Machthaber Bashar al Assad und dessen Verbündeter Russland wirft den Weißhelmen vor, parteiisch zu sein - ein verlängerter Arm der USA, Unterstützer der syrischen Opposition. Sogar eine Nähe zu Al Kaida und dem IS sagen Kritiker den Weißhelmen nach. Diese widersprechen - ihnen gehe es ausschließlich um den Schutz der Zivilbevölkerung, so ein Sprecher der Weißhelme. Und doch, eines scheint festzustehen: Im syrischen Bürgerkrieg gibt es schon lange keine Unabhängigkeit mehr, schon gar nicht im umkämpften Ostteil Aleppos.

"Seit die Russen hier bombardieren, hat sich alles verändert", sagt einer der Weißhelme. "Wir werden so viel bombardiert, die Ziele sind zivile Einrichtungen, Schulen, Krankenhäuser, ständig werden Krankenhäuser bombardiert."

Nobelpreis für großen Mut

Eigentlich waren die Weißhelme auch für den Friedensnobelpreis gehandelt worden. 60.000 Menschen konnten sie, nach eigenen Angaben, bislang in Syrien helfen. Den Alternativen Nobelpreis bekommen die Weißhelme heute ausdrücklich für den Mut, weiterzumachen - auch wenn ihr Job aussichtslos scheint und hochgefährlich ist. Mehr als 130 Helfer ließen bereits ihr Leben. Es gehe darum, in der unmenschlichen Situation in Syrien Menschlichkeit zu zeigen, so die Jury.

Den kleinen Jungen in Ostaleppo konnten die Männer mit den weißen Helmen mittlerweile befreien. Vorsichtig heben sie den letzten Betonklotz hoch, ziehen das kleine Kind heraus. Jubel bricht los unter den Helfer. Sie haben wieder ein Leben mehr gerettet - die Weißhelme in Syrien.

Syrische Weißhelme bekommen Alternativen Nobelpreis
A. Osius, ARD Kairo
25.11.2016 00:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. November 2016 um 12:40 Uhr

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