Huang Jinhe vor seinen Weihnachtsbäumen

Weihnachtsindustrie in China O Tannenbaum - das ganze Jahr

Stand: 21.09.2017 13:39 Uhr

Spekulatius im September? Was bei Weihnachstmuffeln für Schaudern sorgt, lässt die Menschen im chinesischen Yiwu nur müde lächeln. Sie produzieren das ganze Jahr über Christbaumkugeln und Weihnachtsbäume.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Das vermutlich deutscheste Produkt in seinem Laden sei eine Spieluhr. Kunden in Deutschland verlangten Qualität, sagt Huang Jinhe. Auch die kleinen weißen Stoffsternchen verkauften sich gut auf deutschen Weihnachtsmärkten und in den Deko-Abteilungen der großen Supermärkte. Huang steht in seinem Laden zwischen Dutzenden rund drei Meter hohen Regalen, vollgepackt mit Weihnachtskram.

Es sind vor allem kleinteilige Artikel - zum Beispiel weiß beflockte Christbaumkugeln, grün-goldene Glitzer-Sternchen, kitschig-blinkende Heiligen-Bilder und Krippenfiguren, die zwar nach Erzgebirge aussehen, aber ganz klar "Made in China" sind, genauer gesagt: "Made in Yiwu". Huang Jinhe nimmt eine Packung gold-rot-glitzernde Deko-Schleifen aus dem Regal. "Eine Tüte kostet umgerechnet 13 Cent. Billigware! Mindestbestellmenge: einige hundert Tüten."

Weihnachtsindustrie in China
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In Yiwu dreht sich das Leben der Menschen um Weihnachten.

"In Deutschland geht der Trend wieder zur Christbaum-Kugel-Optik"

Huangs Laden befindet sich innerhalb des so genannten Internationalen Handelsmarktes von Yiwu, einem mehrere Quadratkilometer großen Gelände mitten in der ostchinesischen Stadt. Hier reiht sich Laden an Laden, von Klamotten über Elektronik-Ware, von Schreibwaren bis eben zu Weihnachtsartikeln gibt es fast alles. Und zwar das ganze Jahr über. "Aktuell ist alles angesagt, was aus Stoff ist - Weihnachts-Stofftierchen zum Beispiel. Die verkaufen sich besonders gut in Russland. In Deutschland geht der Trend wieder zur Christbaum-Kugel-Optik. Vor allem in weiß", erzählt Huang.

Rund 20 Mitarbeiter in Huangs Firma sind das ganze Jahr über auf der Suche nach neuen Trends. Sie entscheiden mit darüber, wie der Weihnachtsschmuck aussieht, der am Jahresende in Deutschland verkauft wird. "Unsere Trendscouts besuchen Messen im Ausland und schauen sich im Internet um."

Ein Baum kostet 26 Cent

Die blinkende, singende, rot-weiße Weihnachtsmann-Mütze zielt auf den südamerikanischen Geschmack. Deswegen singt sie auch auf Spanisch. Europäer mögen es lieber schlicht, sagt Huang und zeigt auf einen rund 20 Zentimeter großen Deko-Weihnachtsbaum aus Plastik: "Diese Bäume hier lassen wir in riesigen Stückzahlen produzieren. Die sind sehr billig. Pro Stück kosten die bei uns umgerechnet 26 Cent. Kaum zu glauben, oder?"

Wer wissen will, wo die "Made-in-China"-Plastikbäume genau herkommen, muss in ein Gewerbegebiet rund 20 Minuten außerhalb von Yiwu. Auf vier Stockwerken entstehen hier aus einfachem Draht und einer Menge grüner Plastikfolie Weihachtsbäume. Jin Minghua ist eine von rund 60 Arbeiterinnen und Arbeitern hier in der Fabrik. Sie überwacht die einzelnen Arbeitsschritte: "Im ersten Schritt werden die Zweige mit den künstlichen Nadeln hergestellt. Dann werden die Zweige gerollt."

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Tannenbaum schmücken - das ganze Jahr

Die rund vier Meter lange Maschine spuckt unablässig mit grünem Plastik umzwirbelten Draht aus. Ein Arbeiter schneidet von diesem Endlos-Tannenzweig rund 50 Zentimeter lange Stücke ab. Ein Stockwerk höher stehen zehn junge Männer an großen Tischen - Oberkörper frei. Es ist staubig und heiß. Nicht sehr weihnachtlich - Ventilatoren laufen. Die Männer wickeln die künstlichen Tannenzweige um einen Stamm aus dünnem Metall, fixieren das Ganze mit Klebeband. Immer wieder die selbe Tätigkeit, bis zu zehn Stunden am Tag. Bezahlt werden sie nicht nach Stundenlohn, sondern pro Baum. Ein Arbeiter kann so bis zu 1100 Euro im Monat verdienen.

"So sieht das fertige Produkt aus! Drüben in der anderen Werkstatt wird dann noch alles verpackt", zeigt eine Arbeiterin das Ergebnis. Vorher werden die Bäume aber noch geschmückt. Von Arbeiterinnen wie Jin Yixia. Während ihre beiden Töchter in der Schule sind, dekoriert sie hier halbtags Weihnachtsbäume. "Ich schmücke die Bäume mit Glitzer-Lämpchen. Ich mache die Bäume also noch hübscher! Alles per Handarbeit."

An Weihnachten gehen selbst Buddhisten in die Kirche

Im Gegensatz zu vielen Freunden feiern die 45-Jährige und ihre Familie Weihnachten, sagt sie. Um den Baum zum Fest müsse sie sich keine Sorgen machen. "Zu kaufen brauche ich natürlich keinen Baum. Ich nehme mir hier einen aus der Fabrik mit. Wir Chinesen lieben Christbäume doch noch mehr als die Leute in anderen Ländern", glaubt sie.

Zurück im Weihnachtsartikel-Laden von Huang Jinhe. Gerade sind einige Kartons mit Keramik-Krippen-Figuren angekommen. Bei der Frage, ob auch er mit seiner Familie Weihnachten feiert, legt er die Figuren kurz beiseite und wird nachdenklich. "Wir sind eine buddhistische Familie. Wegen meines Berufs gehen wir aber immer an Weihnachten alle gemeinsam in die Kirche. Ich verkaufe Weihnachtsprodukte. Da sollte ich der Religion ein bisschen Respekt zeigen!"

Chinas Hauptstadt der Plastikweihnachtsbäume
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
21.09.2017 11:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete SWR 3 aktuell am 20. September 2017.

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