Christen in Bethlehem | Bildquelle: AP

Bethlehem zu Weihnachten Zwischen Hoffnung und Angst

Stand: 24.12.2015 12:32 Uhr

Einfach war es nie in Bethlehem: der Alltag ist mühsam, die Arbeitslosigkeit hoch. Die israelische Sperrmauer hat die Situation noch schwieriger gemacht. Jetzt zu Weihnachten rücken Christen und Muslime in der Stadt zusammen. Sie eint die Hoffnung - nicht nur auf Touristen.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

In der Geburtskirche in Bethlehem singen Pilger aus Nigeria. Davor wartet Mohanad Assaf auf Kundschaft. Der junge Touristenführer hofft sehr auf Weihnachten. "Alle Leute feiern diesen Tag hier in Bethlehem. Aber natürlich haben wir Weihnachten hier nicht nur am 24. Dezember. Die Orthodoxen feiern am 6. Januar. Und zehn Tage später feiern die Armenier ihr Weihnachtsfest. Wir feiern also dreimal Weihnachten und das ist dreimal sehr schön. Und dazu kommen sehr viele Leute."

Mohanad ist kein Christ, sondern Moslem, aufgewachsen am Niederrhein. Wenn er sagt, dass alle feiern, meint er: Muslime und Christen. Was sie zusammenrücken lässt, ist nicht nur die Hoffnung auf Touristen. Es ist vor allem die erdrückende Situation ihrer Stadt, umgeben von israelischen Beton-Mauern. Vor wenigen Tagen hat die Armee weitere zehn Hektar Land im Norden Bethlehems enteignet. "Alle Palästinenser, Christen wie Muslime, leiden unter dieser Situation", sagt Bürgermeisterin Vera Baboun. Aber wenn Bethlehem noch einmal zehn Jahre mit den Mauern leben müsse, dann werde diese Stadt ihr christliches Gesicht verlieren.

Die Betonmauer in Bethlehem | Bildquelle: dpa
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Erdrückend: die Betonmauer in Bethlehem

Bürgermeisterin Baboun sucht deshalb an Weihnachten Aufmerksamkeit für die Lage Bethlehems, wenn möglich weltweit. "Wir haben alle Kirchen in Bethlehem angeschrieben, alle im Westjordanland und auch in unseren Partnerstädten: Sie sollten Anfang Dezember ihre Glocken läuten, genau zu der Zeit, wenn am großen Weihnachtsbaum vor der Geburtskirche zum ersten Mal die Lichter angehen. Das Glockengeläut als Botschaft der Gerechtigkeit, der Menschenrechte, als Botschaft der Bedrohung, unter der wir leben."

Der Alltag ist mühsam

Knapp 40.000 palästinensische Christen leben heute im Westjordanland, sagt das Lateinische Patriarchat in Jerusalem - ein oder zwei Prozent der Bevölkerung sind das. Bürgermeisterin Baboun, selbst Christin, sagt, dass es in Bethlehem momentan noch 26 Prozent Christen sind. Die meisten sind griechisch-orthodox.

Sicherheitslage in Bethlehem überschattet Feierlichkeiten
tagesschau 12:00 Uhr, 24.12.2015, Richard C. Schneider, ARD Tel Aviv

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Der Alltag unter Besatzung ist mühsam, die Arbeitslosigkeit liegt wohl bald bei 30 Prozent. Eine weitere Sorge wird immer größer: Die Christen im Westjordanland reden über radikale Islamisten. Der IS - oder Daesh, wie sie hier sagen - macht ihnen Angst. Vor drei Monaten gab es einen Brand in einem maronitischen Kloster in Bethlehem. Da war zuerst von Brandstiftung die Rede. Jetzt sagt ein christlicher Stadtrat, es sei um einen persönlichen Streit gegangen. Die Bürgermeisterin spricht von einem technischen Defekt. Die Sorge vor religiös motivierter Gewalt innerhalb der palästinensischen Gesellschaft ist groß.

Auswandern - ein großes Thema

Am Rand von Bethlehem, gegenüber der grauen Sperrmauer und dem Militär-Checkpoint Richtung Jerusalem, arbeitet Basheer Qunqar im Kinderkrankenhaus der Caritas. Nach seinem Studium in Deutschland ist er in die Heimat zurückgekehrt, zur Familie. Die muss damit rechnen, mehrere Zehntausend Quadratmeter Land zu verlieren, wenn die israelische Armee ihre Sperrmauer durch das Cremisan-Tal bei Bethlehem baut. Auch deshalb denkt er darüber nach, mit seiner Frau, einer Österreicherin, wegzugehen. "Eigentlich wollen wir hierbleiben. Wir lieben dieses Land, wir lieben Bethlehem. Noch dazu leben wir als Christen an diesem besonderen Ort. Dazu kommt das meist wunderbare Wetter.  Aber wenn das so weitergeht, dann, denke ich, werden wir hier weggehen."

Einfach war es nie für die Christen in Palästina, Auswandern war immer ein Thema, sagt Basheer. In seinem Heimatort gibt es heute noch 12.000 Christen. Allein in Chile leben heute zehn Mal so viele palästinensische Christen, mit Wurzeln in Beit Jala bei Bethlehem.

Bethlehem fürchtet um die Zukunft seiner Christen
C.Wagner, ARD Tel Aviv
24.12.2015 11:47 Uhr

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