Eine Frau läuft an WeChat-Maskottchen auf der Straße vorbei. | Bildquelle: REUTERS

Chinesische Allround-App WeChat gefällt Apple gar nicht

Stand: 15.06.2017 10:48 Uhr

Das iPhone ist beliebt in China, aber die Chinesen nutzen fast nur noch eine einzige App: WeChat. Die Allzweck-App des Konzerns Tencent hat sich zu einem De-Facto-Betriebssystem fürs iPhone entwickelt - zum großen Missfallen Apples.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Die meisten Leute benutzen iPhones, weil das hardwaremäßig die besten Telefone sind, sagt der 33-jährige Tim, der in einem Hipster-Friseurladen in Shanghai arbeitet. iPhones finde man in China quasi aus Gewohnheit gut.

Der Technik-Analyst und Unternehmensberater Matthew Brennan geht noch einen Schritt weiter. Seiner Ansicht nach ist das iPhone in China mehr ein Lifestyle- und Mode-Accessoire als ein echtes Technik-Produkt.

Services von Apple nicht gefragt

Genau das ist Apples China-Problem. Die iPhones verkaufen sich - aber was die Services von Apple angeht, sieht es im bevölkerungsreichsten Land der Welt düster für den US-Konzern aus.

Mit Musik, E-Books oder Film-Streaming macht Apple in China kaum Umsätze, zum Teil auch, weil diese Dienste gar nicht angeboten werden dürfen. Und auch iCloud, iMessage und das unternehmenseigene Bezahlsystem Apple-Pay haben sich in China nicht durchgesetzt.

Erfolgreichste App in China

Der Hauptgrund, warum in China Apples Dienste nicht wirklich genutzt werden, ist der heimische Konkurrent Tencent. Dem Software-Konzern gehört die mit Abstand erfolgreichste App des Landes: WeChat, auf Chinesisch WeiXin. WeChat ist eine Mischung aus Messenger, sozialem Netzwerk, Bezahlsystem und Online-Shopping-Seite und wirklich jeder Chinese hat sie auf dem Smartphone.

Eva Yoo vom Technik-Onlineportal TechCrunch erklärt den Erfolg so: "Sobald man WeChat nutzt, braucht man keine andere App mehr, weil alles integriert ist und die Nutzer WeChat sowieso nicht mehr verlassen."

Ein eigenes Betriebssystem

"Diese alles kombinierende App ist für viele Chinesen inzwischen eine Art eigenes Betriebssystem und damit eine Konkurrenz zu den Diensten von Apple", erklärt der Shanghaier Technik-Analyst Matthew Brennan.

Apple habe zu lange geglaubt, in China könne man einfach auf dieselbe Weise Geschäfte machen wie im Rest der Welt, kritisieren Technik-Analysten. Dass das eben nicht der Fall ist, zeigt das Beispiel QR-Codes. Während die kleinen, quadratischen, schwarz-weißen Scan-Codes so gut wie überall auf der Welt gefloppt sind, sind sie in China allgegenwärtig.

Apples QR-Scanner kommt erst jetzt

Doch erst vor wenigen Tagen hat Apple angekündigt, nun endlich einen QR-Scanner in sein neues Betriebssystem zu integrieren. Das werde vermutlich nicht mehr viel rausreißen, vermutet Brennan, denn der Schritt komme fünf Jahre zu spät.

Als nächste Stufe im Konkurrenzkampf zwischen Apple und Tencent könnten die Chinesen demnächst beim Thema Hardware angreifen. Gerüchten zufolge entwickelt der Konzern mit Sitz in Shenzhen ein eigenes Gerät, das komplett ohne fremde Software auskommt. Das dürfte Apple weiteren Umsatz in China kosten.

Apples China-Problem: WeChat schlägt iOS
S. Wurzel, ARD Shanghai
15.06.2017 09:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Juni 2017 um 15:41 Uhr

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