Fragen und Antworten zum Absturz Was geschah mit Flug MH17?

Stand: 18.07.2014 16:46 Uhr

Nach dem Boeing-Absturz in der Ostukraine beschuldigen sich die Konfliktparteien gegenseitig. Doch was ist tatsächlich passiert? tagesschau.de hat zusammengestellt, welche Informationen als gesichert gelten können - und welche nicht.

Wie sicher ist es, dass das Flugzeug abgeschossen wurde?

Sicher ist: Der in Amsterdam gestartete Flug MH17 befand sich gerade über der Region um Donezk, als das Flugzeug am Donnerstag um 15.20 Uhr (MESZ) plötzlich vom Radar verschwand. Warum die Maschine abstürzte, ist noch nicht geklärt - die Ermittlungen sind zeitaufwändig und schwierig.

Einiges deutet jedoch darauf hin, dass die Boeing 777 der Malaysia Airlines abgeschossen wurde. US-Vizepräsident Joe Biden hat daran sogar keinerlei Zweifel - er stützt sich dabei nach eigenen Angaben auf Rechercheergebnisse des Pentagon und des militärischen US-Geheimdienstes. Demnach wurde eine Boden-Luft-Rakete auf die Maschine abgefeuert. Das Radar eines Boden-Luft-Raketensystems in der Region sei kurz vor dem Absturz der Maschine aktiv gewesen und habe "ein Objekt, wahrscheinlich das Flugzeug" erfasst, sagte die Pentagon-Korrespondentin des US-Nachrichtensenders CNN. Das US-Verteidigungsministerium habe zudem zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Raketeneinschlags ein "massives Geschehen am Himmel nahe Donezk" festgestellt, berichtete CNN unter Berufung auf die Behörde.

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Auf den ersten Blick scheint viel dafür zu sprechen, dass das Flugzeug nicht einfach abgestürzt ist, sondern dass es möglicherweise einen Beschuss gegeben hat."

Nach Aussage des malaysischen Regierungschefs Najib Razak setzten die Piloten vor ihrem Absturz keinen Notruf ab. Dies könnte ebenfalls für einen Raketenabschuss sprechen.

Sollte es ein Abschuss gewesen sein - wer könnte verantwortlich sein?

In dem andauernden Konflikt in der Ostukraine gibt es drei beteiligte Seiten: die prorussischen Rebellen, die prowestliche Führung in Kiew sowie Russland. In einem regelrechten Propaganda-Krieg machen sich die verschiedenen Seiten derzeit gegenseitig für die Katastrophe verantwortlich.

Die Position der Regierung in Kiew

Nach Angaben der ukrainischen Armee veröffentlichte der Separatistenführer Igor Strelkow kurz nach dem Absturz der Boeing 777 beim russischen Facebook-Konkurrenten VKontakte folgenden Eintrag: "Wir haben gerade eine An-26 abgeschossen" - ein Transportflugzeug der ukrainischen Luftwaffe. Auf dem sozialen Netzwerk sei zudem Videomaterial zu sehen gewesen, das stark den Aufnahmen vom Absturzort der malaysischen Maschine ähnelte. Zudem schrieb Strelkow den Angaben zufolge, das von den Rebellen abgeschossene Flugzeug sei nahe der Mine Progress niedergegangen - unweit der Absturzstelle von MH17. Dies könnte dafür sprechen, dass die Rebellen die Boeing versehentlich abgeschossen haben.

Der Eintrag auf VKontakte wurde kurze Zeit später wieder gelöscht. Nach eigenen Angaben hatte die ukrainische Armee den Post da aber schon aufgezeichnet - und leitete ihn in einer englischsprachigen Übersetzung an die Medien weiter.

Zudem verbreitete der ukrainische Geheimdienst SBU angebliche Telefonmitschnitte zwischen zwei Rebellenführern, die abgehört worden seien. In den Tonaufnahmen sagt einer der beiden Abgehörten: "Es waren die Jungs von der Straßensperre Tschernuchin, die das Flugzeug abgeschossen haben, Major." Am anderen Ende der Leitung fragt jemand: "Ja und, Grek?" Die Antwort: "Es war ein zu hundert Prozent ziviles Flugzeug."

Die Position der Separatisten

Die Separatisten dementierten die Darstellung der ukrainischen Regierung umgehend. Es sei eine Falschinformation, dass die Rebellen den Abschuss der Maschine eingeräumt hätten, sagte ein Sondergesandter des selbst ernannten Führers der Republik Donezk, Sergej Kawtaradse, laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Separatistenführer Strelkow bestreitet zudem, dass der Eintrag beim russischen Facebook-Konkurrenten VKontakte von ihm stammt.

Die Rebellen beschuldigen ihrerseits die Regierung in Kiew, die Boeing abgeschossen zu haben. Sie beriefen sich auf angebliche Augenzeugenberichte, denen zufolge ein Kampfjet der ukrainischen Luftwaffe die Boeing 777 angegriffen habe. Diese sei anschließend in zwei Teile zerbrochen und der Kampfjet abgeschossen worden. Über das Wrack eines eventuell abgeschossenen Kampfjets liegen bislang aber keine Berichte vor.

Die Position der russischen Regierung

Auch das russische Verteidigungsministerium hat die Regierung in Kiew im Verdacht. Russische Überwachungsanlagen hätten in der Region und zum Zeitpunkt des Absturzes Aktivitäten der ukrainischen Flugabwehr registriert.

Das Pentagon hält es hingegen für möglich, dass eine Boden-Luftrakete von russischer Seite abgefeuert wurde. Das Verteidigungsministerium in Moskau wies eine Beteiligung eigener Streitkräfte zurück. Die Luftabwehr sei zum Zeitpunkt des Absturzes nicht in der Region an der Grenze zur Ukraine im Einsatz gewesen.

Um welche Raketen könnte es sich handeln? Und ist ein versehentlicher Abschuss denkbar?

Das ist derzeit noch unklar. Es gebe verschiedene Raketensysteme, die für einen solchen Abschuss in Frage kämen, sagte Ralph Thiele, Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft, im Gespräch mit tagesschau.de. Die Mehrzahl der Experten gehe derzeit jedoch davon aus, dass Buk-Raketenbatterien (NATO-Kennung: SA-11 "Gadfly") zum Einsatz gekommen sein könnten. Das sind Raketensysteme, die in der Regel auf einem Panzerfahrzeug montiert sind, über Radar verfügen und bis zu 25.000 Meter Höhe erreichen können. Die Boeing befand sich vor dem Absturz in etwa 10.000 Metern Höhe.

"Der Buk-Radar erfasst das Flugziel und lenkt die Rakete direkt dorthin", so Militärexperte Thiele. Sie sei so programmiert, dass sie ihr Ziel nicht direkt treffe, sondern unmittelbar neben ihrem Ziel explodiere, was durch die Druckwellen dazu führe, dass ein Flugzeug stark beschädigt werde und abstürze. "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Rakete ihr Ziel verfehlt und aus Versehen ein anderes trifft, geht gegen Null", sagt Thiele.

Es sei aber durchaus denkbar, dass das Passagierflugzeug versehentlich ins Visier genommen worden sei. Vom Boden aus sei eine Boeing eventuell mit einem militärischen Transportflugzeug zu verwechseln. Man könne aber davon ausgehen, dass staatliche Stellen dank ihrer technischen Ausrüstung - in diesem Fall also die Russen und die Regierung in Kiew - relativ genau wüssten, wer in einem Luftraum unterwegs sei. Sollte es sich um einen versehentlichen Abschuss handeln, würde also einiges für eine Verantwortung der Rebellen sprechen.

Der Luftfahrtexperte Andreas Spaeth äußerte im ARD-Mittagsmagazin die Vermutung, dass es sich auch um Raketen gehandelt haben könnte, die sich mithilfe von Wärmesensoren selber ihr Ziel suchen. Auch dies könnte ein Hinweis auf einen versehentlichen Abschuss sein. Dieser Theorie schloss sich Thiele hingegen nicht an. Solche Raketen gebe es zwar, diese könnten aber nicht vom Boden aus in eine Höhe von 10.000 Metern vordringen.

Welche der Konfliktparteien verfügt über Buk-Raketen?

Nach Aussage des Militärexperten Thiele verfügt sowohl die Regierung in Kiew als auch die Regierung in Moskau über Buk-Raketen. Diese gehörten zur Standardausrüstung. Es könne lediglich sein, dass die Buk-Systeme der Ukraine etwas weniger modern seien als die der Russen. Der republikanische US-Senator John McCain hatte hingegen behauptet, die ukrainische Armee sei technisch nicht in der Lage, eine Passagiermaschine in rund 10.000 Metern Höhe abzuschießen.

Doch verfügen auch die Rebellen über Buk-Raketen? Nein, behaupten sie seit dem Absturz der Boeing. Kurz zuvor hatten sich die Separatisten jedoch noch gebrüstet, Buk-Raketen von der ukrainischen Armee erbeutet zu haben. Auch die russische Nachrichtenagentur Interfax hatte Ende Juni berichtet, die Rebellen seien nun im Besitz eines Boden-Luft-Raketensystems des Typs Buk.

Die ukrainischen Behörden teilten mit, die Rebellen hätten keine einsatzfähigen Buk-Waffensysteme erobert. Aus Sicht des ukrainischen Generalstaatsanwalt Witali Jarema führt die Spur nach Russland. Diese These stützt auch der US-NATO-Kommandeur in Europa, Philip Breedlove: Er geht davon aus, dass die Russen die Separatisten direkt mit entsprechenden Systemen ausgestattet haben.

Ist die Bedienung von Buk-Raketen kompliziert?

Ja. Laut Militärexperte Thiele ist hierfür eine sehr gute technische Ausbildung nötig. Aber auch das bringe beim Spekulieren über einen möglichen Schuldigen nicht weiter: Es gebe bei den Separatisten übergelaufene ukrainische und russische Soldaten, zahlreiche Freiwillige aus dem militärischen Bereich. Nach Einschätzung Thieles könnten deshalb alle in Frage kommenden Akteure über die Raketen und das Know-How verfügen, um einen solchen Abschuss zu verursachen.

Zusammengestellt von Sarah Welk und Sandra Stalinski.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juli 2014 um 17:00 Uhr.