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100. Geburtstag von Raoul Wallenberg
"Ein Einzelner kann etwas bewirken"
Heute wäre Raoul Wallenberg 100 Jahre alt geworden. Als schwedischer Diplomat in Budapest rettete er 1944 Zehntausende Juden vor dem Holocaust. Wer war dieser Mann, nach dem auch in Deutschland Schulen und Plätze benannt sind? Und wohin verschwand Wallenberg?
Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm
Es ist ein verschneiter Mittwoch im Januar 1945. Irgendwo zwischen Budapest und Debrecen steigt Raoul Wallenberg in ein sowjetisches Auto. "Ich weiß nicht, ob Sie das machen, um mich zu beschützen oder um mich zu bewachen. Ich weiß nicht, ob ich Gast bin oder Gefangener." Dieser Satz ist der letzte, der von Wallenberg überliefert ist. Das Auto fährt los, Wallenberg verschwindet für immer.
Das allerwahrscheinlichste Szenario sei, meint Ingrid Carlberg, "dass Raoul Wallenberg nach dem 17. Juli 1947 in Moskau gestorben ist. Es war kein natürlicher Tod. Wahrscheinlich wurde er exekutiert, höchstwahrscheinlich im Lubjanka-Gefängnis." Warum Wallenberg dort sterben musste - auch die Autorin der Wallenberg-Biographie kann es nur vermuten. Drei Jahre lang hat Carlberg recherchiert, herausgekommen ist eine umfassende Biographie über 700 Seiten.
Stoff für Mythen und Legenden
Die Lebensgeschichte des Raoul Wallenberg liest sich packend wie ein Krimi. Kein Wunder bei diesem Leben und den vielen offenen Fragen. "An die Theorie mit dem Herzinfarkt glaubt heute niemand mehr", sagt Carlberg, "nicht einmal die Russen selbst". Die genauen Umstände seines Todes sind also unklar geblieben und bieten bis heute Stoff für zahlreiche Mythen und Legenden. Was nicht nur an den Sowjets lag, auch die Schweden haben nach dem Krieg lieber weggeschaut. Ein erbärmliches Verhalten, wie Carlbergs Recherchen beweisen.
Nur drei bis vier Monate nach seinem Verschwinden habe sich das Außenministerium verhalten, als sei Wallenberg schon tot, berichtet Carlberg. "Man wollte es unbedingt vermeiden, dem Sowjet-Regime unangenehme Fragen zu stellen, nur weil der Fall womöglich die Beziehungen zwischen Sowjetunion und Schweden belastet hätte."
Wallenberg sei eigentlich guter Dinge gewesen an diesem Mittwoch im Januar, erzählt Carlberg in ihrem Buch. Der Krieg ging zu Ende, die russischen Truppen hatten Budapest befreit. Mindestens 70.000 Juden hatten dank Wallenbergs Hilfe im Ghetto überlebt. "Ein Einzelner kann etwas bewirken" - der schwedische Diplomat und Geschäftsmann Wallenberg hatte es gerade bewiesen.
Israel ehrt ihn heute als "Gerechten unter den Völkern". Wallenberg ist Ehrenbürger der USA und Ungarns. Es gibt Wallenberg-Opern und Wallenberg Musicals. Stiftungen, Straßen und Schulen in Stockholm, New York oder Berlin tragen seinen Namen. US-Präsident Barack Obama erinnerte an einen modernen Helden; Wallenberg, der Schwede und Weltbürger, der uns "an die Verantwortung erinnert, die wir gegenüber unseren Mitmenschen haben".
Handeln statt empören
Der reiche Sohn der mächtigen schwedischen Bankiersfamilie Wallenberg hätte es leichter haben können. Raoul studierte Architektur, jobbte in Kapstadt und Haifa, kam ungewöhnlich viel herum in der Welt. Mit Diplomatie oder gar Politik hatte er bis dahin gar nichts zu tun. Dann aber sah er die Deportationen in Ungarn und alles war anders. Wallenberg empörte sich nicht, er handelte!
Schwedens Regierung und das US-War-Refugee Board gaben ihm einen Diplomatenpass und eine Liste mit 800 Namen - Juden aus Budapest, die er nach Schweden holen sollte. "Als die Juden in Budapest den gelben Stern bekamen, hat Wallenberg sie geschützt", betont Obama, "mit dem blau und gelb der schwedischen Fahne".
Der Geschäftsmann Wallenberg kannte genau die Schwächen der deutschen und ungarischen Bürokraten. Schicke Pässe mit kräftigen Farben machten Eindruck und wenn nicht, dann wurde halt bestochen, geschmiert oder gedroht. Wallenberg war auch ein guter Schauspieler. Er verteilte nicht 800 Schutzpässe, sondern ein paar tausend. Und es funktionierte tatsächlich. "Die entscheidenden Faktoren für seinen Erfolg waren seine Persönlichkeit und seine Lebenserfahrung", sagt Carlberg. "Wallenbergs große Stärke, als er nach Budapest kam, war wahrscheinlich, dass er eben kein Diplomat war, sondern ein an Effizienz orientierter Geschäftsmann und obendrein ein guter Organisator."
In nur einem halben Jahr druckten Wallenbergs Leute Zehntausende solcher Pässe. Sie kümmerten sich auch um die Unterbringung der "falschen" Schweden. Wallenberg mietete im Ghetto 30 Häuser an, ließ Krankenstationen und Küchen errichten und tarnte dann alles als Bibliothek oder Forschungsinstitut - alles nach außen hin schick unter der blau-gelben Flagge des neutralen Schweden.
Eichmann tobte
Adolf Eichmann soll getobt haben, er wolle den "Judenhund" Wallenberg umbringen. Der Mann mit dem Diplomatenausweis hatte so viel Sand in das Getriebe der Vernichtungsmaschinerie gestreut, dass die Nazis unruhig wurden.
Sie habe das Buch nicht geschrieben, um eine Heldengeschichte zu erzählen, betont Carlberg. "Aber dann war ich doch sehr beeindruckt. Ich bekam ein ganz genaues Bild davon, wie er das alles gemacht hat - fernab aller Hollywood-Geschichten über ihn."
100. Geburtstag von Raoul Wallenberg
T. Krohn, NDR
04.08.2012 10:58 Uhr
Im November 1944 ist Raoul Wallenberg 32 Jahre alt. Sein Gegenspieler Eichmann schickt tausende Juden aus Budapest auf den Todesmarsch, barfuß und hungernd in Richtung der österreichischen Grenze. Wallenberg erfährt davon, fährt hinterher und verteilt erst mal Essen und Decken. Dann fragt er laut nach Inhabern schwedischer Pässe. Keiner rührt sich. Wallenbergs Bote rennt zwischen die Leute und sagt, sie sollten einfach die Hand heben. Wallenberg hakt Namen ab - auf einer imaginären Liste. Es ist nur ein leeres Stück Papier. Aber, so erinnert sich später einer der Überlebenden, er "hatte so eine Art, dass sich ihm keine ungarische Wache entgegenstellte".
Nicht die Rolle des Helden gesucht
Er konnte schmeicheln und schmieren, aber auch donnern und drohen, erzählt seine Biografin. "Also wenn er heute noch leben würde, Wallenberg würde sich doch sehr wundern über diesen Helden-Status, den er heute hat. Das fand ich bei der Recherche zum Buch doch sehr erstaunlich, wie uneitel Wallenberg war." Er sei nur auf seine Aufgabe fokussiert gewesen, sagt Carlberg, "seine eigene Person war in dem Zusammenhang völlig gleichgültig. Wallenberg hatte nie die Rolle des Helden gesucht.“
Die Überlebenden der Todesmärsche berichteten, das "Entscheidende für uns war letztendlich, dass er selber kam". Genau das habe auch in Budapest Zehntausende Menschen gerettet. "Für uns blieb Wallenberg stehen, für jeden Einzelnen von uns."
Stand: 04.08.2012 11:15 Uhr
