Wahlplakate in Toulouse | Bildquelle: AFP

Resignation in Toulouse "Sie sind alle Lügner"

Stand: 12.04.2017 05:18 Uhr

In knapp zwei Wochen beginnen in Frankreich die Präsidentschaftswahlen. Doch in Trabantenstädten wie Toulouse-Bagatelle ist vielen Menschen egal, wer gewinnt: Sie erwarten von keinem Kandidaten eine Verbesserung ihrer Situation.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Sonia, Malika und Amel sitzen in der Sonne vor den trostlosen Wohnblöcken der Trabantenstadt Toulouse-Bagatelle. Vor den drei jungen Müttern, Anfang 20, Französinnen mit maghrebinischen Wurzeln, stehen ihre Kinderwagen. Und trotzdem sagen sie nüchtern: Eigentlich bräuchten wir uns gar nicht fortzupflanzen. "Für uns ist das schon schwer", sagt Sonia, "aber später mal für unsere Kinder, das wollen wir uns gar nicht vorstellen."

Wer die Wahl gewinnt, ist egal

Träumen, das könnten sie sich nicht erlauben. Dass der nächste Präsident daran etwas ändern wird, glauben sie auch nicht. Für die Wahlen interessierten sie sich kein bisschen, schnaubt Sonia, stellvertretend für die beiden anderen: "Sie sind alle Lügner, Manipulierer, Profiteure, nein."

Auch in diesem Vorort, wie in den vielen Vororten großer Städte, sei es Marseille oder Paris, fühlen sie sich abgehängt, im Stich gelassen: "Wir kommen immer an letzter Stelle", meint Malika. "Wir haben zwar einen französischen Pass, stammen aber aus Algerien, wir zählen nicht, die stecken uns nicht umsonst hier hin."

Ein gefährliches Pflaster

Die Cités Bagatelle und Montmirail gelten als schlimme Pflaster. Der Taxifahrer, der Fremde dorthin bringen soll, will die genaue Adresse wissen: "Bagatelle, das ist ein sensibles Viertel, da geht es hoch her. Das ist gefährlich, ich fahre da nicht rein, die werfen Steine auf mein Auto."

Auch Mohamed Merah kam aus diesen Problemvororten von Toulouse. Vor fünf Jahren hat der islamistische Attentäter aus Hass auf Juden und Frankreich in Toulouse drei Soldaten getötet, später griff er eine jüdische Schule an und erschoss dort einen Lehrer und drei kleine Kinder.

Engagierter Kampf gegen die Radikalisierung

Die Mutter eines der toten Soldaten, Latifa Ibn Ziaten, kämpft seit dieser Zeit: Um die verlorenen Kinder der Banlieues, der Ghettos. Dagegen, dass sie in die Gewalt abdriften, sich radikalisieren. Sie geht in Schulen, zu Müttern und in Gefängnisse, dort erzählt sie die Geschichte ihres Sohnes, eines französischen Muslims, der Frankreich beschützte, und dafür erschossen wurde.

Polizisten bei einer Hausdurchsuchung in Toulouse
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In Toulouse kommt es immer wieder zu Polizeieinsätzen.

"Ich muss diese Geschichte erzählen, weil die Terroristen vom Islamischen Staat ernähren sich von der Hoffnungslosigkeit und vom Unwissen dieser Kinder", sagt sie. "Ich sage Ihnen, wenn ich den Kindern im Klassenzimmer von meinem Sohn erzähle, ist es totenstill, manche weinen, und viele Kinder sagen mir danach, danke Madame, dass Sie diese Geschichte mit uns geteilt haben, sie umarmen mich, drücken mich: danke, Madame."

Haben Sonia, Malika und Amal nicht Angst, dass ihre Kinder sich auch radikalisieren könnten, bei all der Hoffnungslosigkeit, die in den Vierteln herrscht? "Sehr große Angst sogar", sagt Sonia und nickt. Malika ergänzt: "Sie sind jetzt schon in der Defensive, wenn sie aufwachsen. Schauen Sie sich doch an: Unsere jungen Leute werden ständig von der Polizei kontrolliert, nur weil sie arabisch aussehen. Die haben jetzt schon eine Wut auf die Polizei, das wird nicht besser werden."

"Sie hasst uns, aber sie ist wenigstens ehrlich"

Was also tun, wenn die Politik sie im Stich lässt? Und was, wenn Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National die Wahl gewinnen sollte? Amal rollt die Augen, aber Malika findet das gar nicht schlimm: "Ich ziehe den Front National den anderen Parteien vor, die anderen tun nur so als ob sie sich für uns interessieren, bei Marine Le Pen wissen, wir: Sie hasst uns, aber sie ist wenigstens ehrlich."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. April 2017 um 05:25 Uhr.

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