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Debatte über US-Waffenbesitz
Recht auf Schnellfeuergewehre für jedermann?
Die meisten Amerikaner haben zwar keine Waffe - viele dafür aber regelrechte Sammlungen. Mit der mächtigen Lobby legen sich Politiker nicht an. Im Gegenteil: Die Regeln wurden laxer. Jetzt ist die Debatte wieder da, aber Kritiker wie New Yorks Bürgermeister Bloomberg beeindrucken die Lobby nicht.
Von Ralph Sina, WDR-Hörfunkstudio Washington
Eine gespenstische Szene: Während die Polizeimediziner noch die von Kugeln durchsiebten Körper der Erstklässler an der Sandy Hook Grundschule in Newtown identifizieren, herrscht nur wenige Meilen entfernt bereits wieder Hochbetrieb auf der "Shooting and Pistol Range", der Schießanlage des Waffenclubs im direkt benachbarten New Milford. Im zehn Sekunden Abstand sind die dumpfen Einschüsse aus Glock-Pistolen und aus halbautomatischen Bushmaster-Schnellfeuergewehren zu hören - den Waffen des Amokläufers von Newtown.
Die Schießclubs in Connecticut verleihen auch Waffen: "Zielschießen macht Spaß" heißt ihr Werbeslogan.
Debatte über Waffenbesitz wieder aktuell
R. Sina, WDR Washington
17.12.2012 03:33 Uhr
Mehr Amokläufe nach strikteren Waffengesetzen?
Ungerührt von dem Newtown-Massaker an 20 Erstklässlern zeigt sich auch ein Vertreter der mächtigen US-Waffenlobby: "Waffen existieren nun einmal, und deshalb bin ich strikt gegen schärfere Waffengesetze", betont Steve Dunlan, Mitglied der "Koalition der verantwortlichen Waffenbesitzer". Gerade nach dem Amoklauf von Newtown gebe es geradezu eine Pflicht, sich zu bewaffnen. Und zwar für Lehrer, Ärzte, Krankenschwestern, Kinobetreiber und Priester - denn weder Tempel noch Intensivstationen seien vor Amokläufern sicher, argumentieren Amerikas Waffenlobbyisten.
Wer das Tragen von Waffen in Schulen verbiete, mache sich an Massakern wie in Newtown mitschuldig, meint auch Dunlan: "Der einzige Weg, einen bösen Menschen wie den Amokläufer von Newtown zu stoppen ist, ihn zu erschießen."
Der Waffenwahnsinn in den USA
tagesthemen 21:45 Uhr, 14.12.2012, Stefan Niemann, ARD Washington
Die Lobby ist stark
Amerikas Waffenlobby ist stark: Sie ist eine wichtige Finanzquelle für den Wahlkampf zahlreicher republikanischer Kongressabgeordneter. Auch Präsident Barack Obama wagte es bisher nicht, sich mit der Waffenlobby anzulegen. Wie viele Waffen es genau in den USA gibt, weiß niemand. Denn es gibt keine national gültige Verpflichtung, sie zu registrieren. Schätzungen gehen von mindestens 300 Millionen Waffen in US-Privatbesitz aus.
Die meisten Amerikaner besitzen keine Waffe - ein Drittel von ihnen hortet dafür ganz legal eine regelrechte Sammlung an Pistolen und kriegswaffenähnlichen Schnellfeuergewehren. Wie die Mutter des Amokläufers, die ihren Sohn an jener Waffe in diversen Schießclubs trainierte, mit der er ihr am Freitag das Gesicht wegschoss. "Es gab nur einen Grund dafür, warum die Mutter so viele Waffen hatte - nämlich zur Selbstverteidigung. Wie viele Amerikaner. Nur aus diesem Grund", betont die Tante des Amokläufers in einem ABC-Interview. Und spiegelt damit tatsächlich die Haltung vieler Amerikaner. Allen Amokläufen zum Trotz.
Die Wahrscheinlichkeit, in den USA von einem Selbstmordattentäter erschossen zu werden, ist 40 Mal größer als in Deutschland, Kanada oder Großbritannien. Jedes Jahr sterben in den USA zehn Mal mehr Menschen durch Waffengewalt als bei den Terroranschlägen vom 11. September. Noch nie wurden in den USA nach Recherchen der Zeitschrift "Mother Jones" so viele Waffen an Privatleute verkauft wie in den letzten 15 Jahren: Um 50 Prozent schnellte der Absatz nach oben. Der US-Kongress hob unter George W. Bush das Verkausverbot von Schnellfeuergewehren auf.
"Wie im Zeitalter der Posträuber"
Und Obama setze Gesetze in Kraft, nach denen Besucher der Nationalparks und Reisende in Amerikas Amtrac-Zügen bewaffnet sein dürfen. "Als ob wir noch im Zeitalter der Posträuber lebten", kritisierte New Yorks Bürgermeister Bloomberg den US-Präsidenten in der NBC-Sendung "Meet the Press".
Obama habe die Aufgabe, die Führung bei der Eindämmung der Waffen zu übernehmen, fordert Bloomberg. Der Präsident müsse dem Kongress ein Gesetz vorlegen, das kriegswaffenähnliche Schnellfeuergewehre mit großen Magazinen verbiete. Obamas Wahlsieg habe schließlich gezeigt, dass Amerikas Waffenlobby nicht allmächtig sei. Außerdem solle Obama qua Präsidentenverfügung dafür sorgen, dass jene rund 77.000 Amerikaner strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen würden, die im Verdacht stünden sich mit gefälschten Angaben um den Erwerb von Waffen beworben zu haben, fordert Bloomberg. Bisher seien nur 77 von ihnen angeklagt worden.
Niemand stelle den zweiten Verfassungszusatz in Frage, der das Recht auf Waffenbesitz beinhalte, betont der New Yorker Bürgermeister. Aber Amerikas Gründerväter hätten wohl kaum die Idee gehabt, dass jeder Erwachsene und jedes Kind ein Schnellfeuergewehr besitzen dürfe.
Stand: 17.12.2012 13:40 Uhr
