Stempel des VW-Werkschutzes von Volkswagen do Brasil auf einem Bericht an die Politische Polizei über Oppositionelle.

Kooperation mit Diktatur VW entschuldigt sich in Brasilien

Stand: 15.12.2017 10:55 Uhr

Rund 50 Jahre hat es gedauert, bis VW sich zu seiner Zusammenarbeit mit der brasilianischen Militärdiktatur bekannt und dafür entschuldigt hat. Eine Untersuchung des Konzerns beleuchtet die Geschehnisse, doch die Opfer verlangen mehr.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires und Stefanie Dodt, NDR

"Wir wollen keine Feier, wir wollen Gerechtigkeit", sagt Tarcisio Tadeu. Das steht auch auf dem Plakat, das er vor dem brasilianischen VW-Werk in Sao Bernardo do Campo in die Höhe hält. Und sein Kollege Lúcio Bellentani ergänzt, VW wolle mit der Veranstaltung seine Darstellung über die Rolle des Unternehmens während der Diktatur "reindrücken": "Sie haben die Diktatur unterstützt, haben Arbeiter verfolgt."

Beide haben darunter gelitten, dass die brasilianische VW-Tochter in der Zeit der Militärdiktatur mit den Machthabern und ihrem Geheimdienst eng zusammengearbeitet hat. Erst jetzt, 32 Jahre nach dem Ende der Diktatur, bekennt Volkswagen sich zu dieser Verantwortung.

Ehemaliger VW-Arbeiter fordert vor der Zentrale in Brasilien Gerechtigkeit | Bildquelle: REUTERS
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Gerechtigkeit statt Festveranstaltung - vor der Feier demonstrierte auch dieser ehemalige VW-Arbeiter.

Verhaftungen erleichtert

Der Historiker Christopher Kopper von der Universität Bielefeld hat die Verstrickungen von VW und Diktatur untersucht und in seinem Bericht, den VW jetzt vorstellte, heißt es:

 "Der Werkschutz überwachte oppositionelle Aktivitäten seiner Beschäftigten und erleichterte durch sein Verhalten die Verhaftung von mindestens sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der Einsatz von Folter durch die Politische Polizei bereits in der brasilianischen und in der deutschen Öffentlichkeit bekannt war."

Kurz gesagt: Der Werksschutz bespitzelte die Arbeiter, denunzierte sie und lieferte sie der Folter aus. Das ist unstrittig - doch die Arbeiter verlangen, dass auch die damalige Führung von VW in Brasilien in Deutschland ihre Schuld bekennt. Im historischen Gutachten heißt es dazu:

"Das Management von VW do Brasil verhielt sich gegenüber der Militärregierung uneingeschränkt loyal und teilte ihre wirtschaftspolitischen und innenpolitischen Ziele. Die Korrespondenz mit dem Vorstand in Wolfsburg zeigt bis 1979 eine uneingeschränkte Billigung der Militärregierung (...). 1969 begann die Zusammenarbeit des Werkschutzes mit der Politischen Polizei des Regimes, die erst 1979 endete."

Der Historiker Kopper auf einer VW-Veranstaltung zur Aufarbeitung der Rolle des Konzerns während der brasilianischen Militärdiktatur | Bildquelle: REUTERS
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Im Saal legte der Historiker Kopper dar, welche Zusammenarbeit es zwischen dem Konzern und der Diktatur gegeben hatte.

 Der Vorstand fehlt

Der Chef von VW do Brasil, Pablo Di Si, formulierte eine Entschuldigung. Im Namen von VW drückte er sein tiefes Bedauern über die Geschehnisse aus. Aber vom VW-Vorstand in Wolfsburg war doch niemand angereist - anders als geplant. Der Grund: Die Opfer des VW-Spitzelsystems wie Tadeu und Bellentani hatten ihren Boykott der Veranstaltung im brasilianischen VW-Werk angekündigt. Aus ihrer Sicht will VW seine Weste reinwaschen, drücke sich aber weiter vor der Verantwortung. Dass VW behaupte, nur einzelne Mitarbeiter hätten mit der Diktatur zusammengearbeitet mache sie traurig, sagen die Aktivisten - als ob das Unternehmen insgesamt nichts damit zu tun hätte. 

Denn das Gutachten sagt auch schwarz auf weiß: Die Zusammenarbeit mit den Folterschergen des Regimes beruhe nicht auf Entscheidungen der VW-Spitze.

"Diese Zusammenarbeit kam maßgeblich durch den Leiter des Werkschutzes Ademar Rudge zustande, der sich aufgrund seiner früheren Position als Stabsoffizier der Armee den Sicherheitsorganen besonders verpflichtet fühlte. Er handelte dabei auf eigene Initiative, aber mit dem stillschweigenden Wissen des Vorstands."

 Brasilianische Wissenschaftler widersprechen

Recherchen von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung" waren zu einem anderen Schluss gekommen und hatten berichtet, dass die Zusammenarbeit von VW und den Militärs sogar Teil der Firmenstruktur war, eine eigene Abteilung dafür zuständig war. Politikwissenschaftler und Sicherheits-Experte Guaracy Mingardi, der dazu im Auftrag der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft forschte, bestätigte dies kürzlich.

"Der Werkschutz hatte zwei Seiten. Zum einen den üblichen Sicherheitsdienst, der das Gelände sichert. Aber es gab auch eine andere Seite. Dieser Teil des Werkschutzes hat sich um politische Aktivisten und Gewerkschaftsmitglieder gekümmert. Das belegen die Dokumente. Der Werkschutz hat agiert, als wäre er ein verlängerter Arm der brasilianischen politischen Polizei innerhalb des VW-Werkes."

Für VW war es trotz eines ersten Eingeständnisses eine verpasste Chance, auf betroffene Arbeiter von damals zuzugehen. Die Gespräche wird in den kommenden Wochen und Monaten nun wieder die Bundesstaatsanwaltschaft leiten, die einen Vergleich und Entschädigungszahlungen verhandeln will.

VW entschuldigt sich für Zusammenarbeit mit Militärregime
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
15.12.2017 09:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Dezember 2017 um 08:08 Uhr.

Korrespondentin

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Stefanie Dodt, NDR

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