Österreichische Ermittler untersuchen einen Kühl-LKW, in dem 71 Flüchtlinge erstickten (27.08.2015). | Bildquelle: AP

71 Tote Flüchtlinge in Lkw Schleppern droht lange Haft in Ungarn

Stand: 21.06.2017 11:28 Uhr

Sie sollen sich für den Tod von 71 Flüchtlingen in einem Kühllaster verantworten: Vor einem ungarischen Gericht sind elf mutmaßliche Schlepper angeklagt - den vier Hauptangeklagten drohen lange Haftstrafen wegen Mordes.

Von Volkmar Kabisch, Elena Kuch, Amir Musawy, Sebastian Pittelkow

Das Gericht in Kecskemét geht davon aus, dass der Platz im Gerichtssaal für die Journalisten knapp ist. Denn die Aufmerksamkeit ist groß: Der Kühl-Lkw mit dem Hähnchen-Aufdruck, in dem 71 Flüchtlinge im August 2015 erstickten, wurde zu einem Symbol für das Leid der Flüchtlinge und für die Brutalität der Schleuser.

Das Interesse wird aber wohl auch den ermittelnden ungarischen Behörden gelten. Denn wie die Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ enthüllte, hatte die ungarische Polizei die Schleuser bereits Wochen vor der Todesfahrt im Visier und hätte die Fahrt womöglich verhindern können.

Prozess um Erstickungstod von 71 Flüchtlingen beginnt in Ungarn
tagesschau 20:00 Uhr, 21.06.2017, Till Rüger, ARD Wien

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Hauptangeklagte wussten, was sie tun

Um 8:30 Uhr hat der Prozess gegen die Beschuldigten begonnen. Elf Personen sind wegen Schlepperei und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt. 31 Schleusungen wirft die Staatsanwaltschaft dem Netzwerk vor.

Die vier Hauptangeklagten - ein Afghane und drei Bulgaren - stehen zudem wegen Mordes vor Gericht. Darunter der Fahrer Ivaylo S., der den Kühl-Laster mit 71 Flüchtlingen über die ungarische Autobahn und über die Grenze nach Österreich steuerte und den Lkw dort abstellte. Er hörte, so zeigen mitgeschnittene Telefonate durch die ungarische Polizei, die Schreie, das Klopfen und das Trommeln der Menschen auf der Ladefläche. Auch als die Schreie immer weniger wurden, hielt er nicht an.

Auch Todorov B., Fahrer des Begleitfahrzeuges, nahm den Tod der 71 Männer, Frauen und Kinder laut Anklage hin. Sein Job war es, die Fahrt zu schützen und nach Polizeikontrollen Ausschau zu halten. Bei dem Versuch, gemeinsam mit dem Fahrer Kühlwasser nachzufüllen, hörte er laut Anklage zwar das panische Klopfen, doch er folgte den Anweisungen seiner Chefs und öffnete die Tür nicht.

Langwierige Diskussion zu Prozessauftakt

Die Verhandlung begann mit der Verlesung der Anklageschrift. Dem war eine langwierige Diskussion vorausgegangen, die der Hauptangeklagte, der 31-jährige Afghane Samsoor L., vom Zaun gebrochen hatte. Er beschwerte sich mehrfach über die angeblich mangelnden Sprachkenntnisse der Gerichtsdolmetscherin, die für ihn ins Paschtu übersetzte. Die Dolmetscherin verwehrte sich gegen die Vorwürfe.

Fahndung nach Hintermännern bis heute

Der mitangeklagte Metodi G. hatte die beiden rekrutiert. Er ist auch wegen Anstiftung zum Mord angeklagt. "Egal was auch passiert, du sollst die Tür nicht aufmachen", wies er den Fahrer des Kühllasters an, so ist es in den Mitschnitten zu hören, die NDR, WDR und SZ vorliegen. Gemeinsam mit dem Afghanen Samsoor L. soll er die Schleusungen organisiert haben.

Samsoor L. gilt laut Anklage als Anführer des Netzwerks in Ungarn, das zwischen Juni und August 2015 immer risikobereiter wurde. Der Afghane soll in dieser Zeit mit den Schleusungen mindestens 300.000 Euro verdient haben.

Bis heute fahnden die Ermittler noch nach weiteren Hintermännern in Serbien:  Bekannt ist wenig mehr als ihre Spitznamen in der Schlepperszene: "Amin", "Kairo", "Doktor". Sie sollen die Schleusungen der Flüchtlinge über die serbisch-ungarische Grenze organisiert haben und Samsoor L. telefonisch Anweisungen gegeben haben.

Schleuserbande im Visier der ungarischen Polizei

Bereits bei 28 Fahrten vor der Todesfahrt im Kühllaster vom 26. August 2015 fällt die Schleuserbande der Polizei in Ungarn, Österreich oder Deutschland auf. Fahrer werden festgenommen, Fahrzeuge und ihre Kennzeichen sicher gestellt, Handys konfisziert, die Flüchtlinge verhört. Trotz der Verhaftungen der Fahrer machen die Drahtzieher weiter.

Bei einer Fahrt am 23. Juni 2015 nahm die Polizei den Fahrer noch in Ungarn fest. 38 Flüchtlinge hatte er in einem Fiat Ducato transportiert. Ihnen soll laut Anklage in dem engen Raum bereits fast die Luft ausgegangen sein. Aufgrund dieses Zugriffs rücken die Drahtzieher ins Visier der ungarischen Polizei.

Die Spezialeinheit NNI beantragt die Abhörung der Telefone der beiden Schleuser-Chefs. Zwei Wochen vor der Todesfahrt schaltet sie sich auf die Telefone von Metodi G. und Samsoor L.

Was wusste die Polizei von den mitgeschnittenen Telefonaten?

Trotz der Festnahmen von Fahrern und abgehörter Telefonate schritt die ungarische Polizei nicht ein und ließ die Drahtzieher in Ungarn weiter operieren. Man habe keine Hinweise auf "menschliche Leben gefährdende Transporte gehabt", heißt es von der Staatsanwaltschaft Kecskemét. Und man habe erst nach dem Tod der 71 Menschen die Telefonate übersetzen und auswerten können.

Dabei geht aus der Ermittlungsakte, die Reporter von NDR, WDR und SZ  zum Teil einsehen konnten, in hunderten Seiten abgehörter Gespräche hervor, dass Flüchtlinge auch bei früheren Fahrten keine Luft bekamen.

Der ungarische Minister Janos Lázár, zuständig für das Premierministerium, wies die Berichte von NDR, WDR und SZ, dass die Todesfahrt wohl hätte verhindert werden können, als Schmierenkampagne deutscher Medien zurück. Laut Innenminister Sandor Pinter hätten ungarische Behörden "keinerlei Informationen besessen, auf deren Grundlage die Tragödie hätte verhindert werden können." Mehrere Nachfragen dazu, wann die ersten Telefonate übersetzt und analysiert worden seien, ließen die Behörden bis heute unbeantwortet.

Prozess um Erstickungstod von 71 Flüchtlingen in Kühllastwagen
A. Beer, ARD Wien zzt. Kecskemet
21.06.2017 09:51 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Juni 2017 um 06:15 Uhr.

Darstellung: