Nasir vor seinem VW-Käfer

Alte Volkswagen in Pakistan Traumschmiede im Hinterhof

Stand: 26.05.2017 04:38 Uhr

Ein Hinterhof in Pakistan: Hier werden aus Schrottkarren echte Hingucker. Einziges Kriterium: Es muss ein Volkswagen sein. Unser Korrespondent war dort und berichtet über eine einzigartige Leidenschaft, einen Bulli und den Traum von Wolfsburg.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Mitten im Chaos der Großstadt, abseits der staubigen Hauptstraße, führt Nasir in einen Innenhof. Dort sieht es aus wie auf einem Schrottplatz. 20 alte VW-Käfer lagern hier, rostige Wracks, mehr nicht. "Willkommen in Rawalpindi. Das hier ist der kleine Volkswagen-Himmel". sagt er. Nasir schüttelt Arshad, einem Mechaniker mit grauem Kittel und schlohweißem Bart, kurz die Hand.

Dann zeigt Arshad auf einen alten, roten VW-Bulli. "Das hier ist mein Baby. Als ich zum letzten Mal hier war, da war er wie zerhackt, ausgeschlachtet, in so schlechtem Zustand. Aber jetzt... Wenn Du Dich mit Volkswagen auskennen würdest, dann wäre das hier auch für Dich ein Wunder", schwärmt er. "Das ist ein Bulli aus dem Jahr 1966. Wir brauchten zum Beispiel eine neue Heckklappe. Diese hier stammt aus einem Modell aus dem Jahr 1974. Sie so umzubauen, dass sie so genau in das 66er-Modell passt - das haut mich um."

Nasir vor seinem VW-Käfer
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Nasir vor einem seiner zehn VWs

Netzwerk findet alte Volkswagen

Nasir hat tatsächlich Tränen in den Augen, so gerührt ist er. Arshad ist für ihn ein Held. "Ich kann mit absoluter Sicherheit behaupten, dass es in ganz Pakistan keinen Mechaniker von seinem Kaliber gibt", sagt Nasir. Als sich die beiden zum ersten Mal begegneten, besaß Arshad nur eine Tasche voller Werkzeug. Das war vor 20 Jahren. Wo immer ein Auto liegen geblieben war - Arshad reparierte es, egal, welches Modell. Aber mit alten Volkswagen kannte sich Arshad besonders aus: "Ich hatte einen guten Lehrer", berichtet der Mechaniker. "Er hieß Shakil. Er hat fünf Jahre lang bei Volkswagen in Deutschland gearbeitet - in den 1970er-Jahren."

Arshad ist kein Mann der großen Worte. Der 50-Jährige lässt lieber seine Kunstwerke sprechen. Vorlagen sind alte Fotos. Den Hinterhof in Rawalpindi hat Nasir angemietet. Er besorgt auch die alten VW-Wracks."Es gibt hier in Pakistan nicht viele alte Volkswagen. Aber ich habe ein Netzwerk an Informanten, die viel im Land unterwegs sind", berichtet Nasir. Dazu gehöre etwa ein Lkw-Fahrer, der auf seinen Touren Ausschau hält. "Ich habe ihm genau erklärt, worauf er achten soll. Wenn er mir einen Tipp gibt, und ich den alten Besitzern das Wrack abkaufe, bekommt der Fahrer eine Kommission." Umgerechnet rund 80 Euro bringt dem Mann sein Tipp.

Arshad vor einem roten VW-Bulli aus dem Jahr 1966, den er für Nasir restauriert.
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"Es gibt in ganz Pakistan keinen Mechaniker von seinem Kaliber", sagt Nasir über Arshad.

"Ich suche die Kunden aus"

Nasir hat sich einen kleinen, illustren Kundenstamm aufgebaut: Diplomaten, Pakistaner mit einem Hang zur Nostalgie, sie alle haben von den Käfern aus Rawalpindi gehört. Die Hauptstadt Pakistans, Islamabad, liegt gleich um die Ecke. "Kunden gibt es wirklich genug. Aber ich suche die Kunden aus. Kann sein, dass jemand kommt, der reich ist und einfach nur sagt, ich will einen Volkswagen für meine Tochter, die geht bald auf die Uni zum Studieren", berichtet er. Wenn jemand aber selbst eine Geschichte mit einem Käfer verbinde, erhalte der Liebhaber den Zuschlag, sagt Nasir."Ich möchte, dass die Kunden genauso passioniert sind wie ich selbst."

Eine offizielle VW-Werkstatt gibt es nicht in Pakistan. Immer wenn Nasir in Dubai ist, besorgt er dort Ersatzteile für die kleine Hinterhof-Werkstatt - auch für seine eigene, kleine Flotte. Nasir besitzt zehn alte VWs. "Warum Käfer? Sie sind so wunderbar schlicht und langlebig. Dann sind da die Erinnerungen: Als Kind passte ich immer hinter den Rücksitz. Und später, als Student, war es das einzige Auto, das ich mir leisten konnte. Das war 1983."

Das Ziel heißt Wolfsburg

Jetzt freut sich Nasir über jeden kleinen Fortschritt, den Arshad mit dem 52 Jahre alten Bulli macht. Ein paar Monate wird Arshad für den Wagen noch brauchen. Nächstes Jahr will Nasir mit dem Auto auf große Tour gehen: durch den Südwesten Pakistans, den Iran, die Türkei, bis nach Europa. Nasirs Ziel: Wolfsburg.

Über dieses Thema berichteten am 26. Mai 2017 Deutschlandfunk um 05:43 Uhr und NDR Info um 10:50 Uhr.

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