Ein älterer Mann steht vor vielen Menschen und winkt.  | Bildquelle: AFP

UN-Tribunal in Den Haag Urteil ohne Angeklagten Seselj

Stand: 31.03.2016 03:26 Uhr

Für die Ankläger in Den Haag ist der serbische Nationalistenführer Seselj einer der schlimmsten Kriegsverbrecher des Balkans. Heute spricht das UN-Tribunal sein Urteil - ohne den Angeklagten. Der macht lieber Wahlkampf und verfolgt weiter das Ziel von Großserbien.

Von Karla Engelhard, ARD-Studio Wien

Als der internationale Staatsgerichtshof Vojislav Seselj suchte, tauchte er nicht ab, sondern stellte sich selbst und flog im Februar 2003 nach Den Haag. Dort wollte der promovierte Jurist den Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien vorführen. Das UN-Tribunal ist für ihn ein völkerrechtswidriges und politisches Tribunal. Der mit Haftbefehl gesuchte Kriegsverbrecher machte vor seiner Abreise ins Gefängnis selbstbewusst klar: "Großserbien ist unser langfristiges Ziel, und wenn dieses Haager Tribunal denkt, dass es mich und meine nationalistische Ideologie verurteilen kann, dann kann ich darüber nur laut lachen."

Urteil gegen Seselj wird heute in Den Haag erwartet
tagesschau24 09:15 Uhr, 31.03.2016, Patrik Döcke, ARD-aktuell

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Wegen Krebserkrankung entlassen

In den ersten Jahren wurde der Prozess in Serbien live übertragen, eine perfekte Bühne für den charismatischen Ultranationalisten. Er verteidigte sich selbst, verhöhnte und beleidigte das Gericht, wann immer er konnte. Die äußerst umfangreiche Anklageschrift des Tribunals wurde von der damaligen Chefanklägerin Carla Del Ponte vorgelegt.

Seselj nannte sie nur "Schweizer Nutte". Del Ponte sieht in Seselj den ehemaligen Anführer der nationalistischen Freischärler und einen Verantwortlichen für die Deportation von Kroaten und Muslimen in den jugoslawischen Zerfallskriegen der 90er-Jahre. Ihm werden vielfache Anstiftung zum Mord, Plünderungen, Folter, Zerstörung ganzer Dörfer und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Kroatien, Bosnien und in der serbischen Provinz Vojvodina vorgeworfen.

Seselj saß rund zwölf Jahre im Gefängnis in den Niederlanden. Als bei ihm Gallenkrebs diagnostiziert wurde, wurde er - vorrübergehend - entlassen.

EU statt Großserbien

Seine Anhänger feierten ihn bei der Ankunft in Serbien als Sieger. Doch ein Großteil der einstigen Ultranationalisten hat sich in seiner Abwesenheit in der neugegründeten und gemäßigteren Fortschrittspartei versammelt. Statt Großserbien um jeden Preis wie einst, wollen sie Serbien in die Europäische Union führen. Mit dieser Partei im Rücken wurde Alexander Vucic - einst Ziehsohn von Seselj - serbischer Ministerpräsident. Für Seselj sind Vucic und Präsident Timoslav Nikolic, auch ein abtrünniger Parteifreund, Verräter. 

"Fertig" mit Den Haag

Seseljs Serbische radikale Partei ist seit 2012 zwar nicht mehr im Parlament vertreten. Doch mit ihm an der Spitze hat sie in diesem Jahr gute Chancen wieder ins Parlament einzuziehen. Sein Krebs sei gestoppt, erklärte der 61-Jährige und macht ungebremst Wahlkampf. Deswegen könne er sich auch nicht mit Den Haag befassen. Mit denen sei er auch fertig, sagte er der serbischen Regierungszeitung "Novosti" und fügte hinzu: Die Urteilsverkündung sehe er sich auch nicht im Fernsehen an.

Chefideologe und Kriegsverbrechen Vojislav Seselj im Porträt
K. Engelhard, ARD Wien
30.03.2016 16:49 Uhr

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