Hans-Jochen Vogel | Bildquelle: dpa

90. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel Der Oberlehrer der Sozialdemokraten

Stand: 03.02.2016 12:58 Uhr

Hans-Jochen Vogel betrieb Politik ohne Dekoration und Emotion. Er war eben ein Pflichtmensch, dem die Inszenierung vor der Kamera immer fremd war. Heute wundert sich der ehemalige SPD-Vorsitzende über die vielen schauspielerischen Aspekte im Politikbetrieb.

Von Dietmar Riemer, ARD-Hauptstadtstudio

Zu den nachhaltigsten Erinnerungen an die aktive Zeit von Hans-Jochen Vogel gehört die Vorstellung von einem peniblen politischen Buchhalter, dem das Gefühl für die großen Zusammenhänge doch ein bisschen fehlte. Dafür hatte er eine Leidenschaft für Details, für das Kleingedruckte, wo er sich auskannte wie kein Zweiter.

"Ich bin mit meinen beiden Beinamen 'Der mit den Klarsichthüllen' und 'Oberlehrer' eigentlich ganz gut bedient", bekannte er einmal nicht ohne einen Anflug von Stolz. "Der Name ist gar nicht so schlecht. Im Bundestag bei Diskussionen ist mal einer aufgesprungen von der Union und hat da einen ärgerlichen Zwischenruf gemacht. Da habe ich gesagt 'Setzen, sechs!' Als Oberlehrer darf ich mir das erlauben!"

Ein enger Freund von Helmut Schmidt

Noten verteilen, die Dingen ordnen, ihnen Struktur geben. Kein Wunder, dass er und Helmut Schmidt einander so nahe waren. Politik hatte sich für beide immer zuerst am Maßstab der praktischen Vernunft zu bewähren.

Hans-Jochen Vogel gehörte in seiner aktiven Zeit zum Inventar der politischen Klasse. Ganz früh der legendäre Münchener Oberbürgermeister und Juso-Fresser, dann Justizminister bei Helmut Schmidt und SPD-Vorsitzender nach Willy Brandt. Später noch als regierender Bürgermeister von Berlin, 1983 sogar Kanzlerkandidat und dann sehr lange Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag.

Die Frage, ob er das alles wollte, kam nie auf

"In meinem Leben gibt es eigentlich eine Besonderheit: Dass ich nicht geplant habe 'Will ich das oder will ich das', sondern diese Aufgaben kamen an mich heran und zwar in Situationen, in denen es kaum Mitbewerber gab." Weil nämlich die Aufgabe oft nicht geradezu verlockend war und oft auch wenig aussichtsreich. Doch Hans-Jochen Vogel stellte die persönlichen Nützlichkeitserwägungen immer ganz nach hinten. Er war eben ein Pflichtmensch.

"Natürlich habe ich an dieser SPD auch gelitten, mit ihr gehadert, sie im Stillen verwünscht. Keiner wird hier im Saale sein, der dieses nicht auch schon durchgemacht hat", sagte er einmal vor versammelter SPD-Mannschaft. Verlässlichkeit, Berechenbarkeit, Disziplin, bis hin zur Langeweile. Politik ohne Emotionen. Hans-Jochen Vogel war immer kontrolliert und betrieb Politik ohne jegliche Dekoration.

Sich im Fernsehen inszenieren? Nein, danke!

"Dieses mehr Schauspielermäßige, dass man sich dann in diesen kurzen Fernseh-Statements anders gibt, als man ist. Nein, nein, nein." Nicht mit ihm, keine Übertreibungen. Ein Mann mit Grundsätzen und einem festen Glauben, den stets ein milder Katholizismus umwehte.

Hans-Jochen Vogels innere Ausgeruhtheit speist sich auch aus dieser Quelle: "... dass in jedem Menschen ein Funken des Göttlichen zu finden ist. Das zeigt sich auch darin, dass sein irdischer Tod nicht das absolute Ende sei, sondern der Gedanke der Auferstehung Perspektive in die Ewigkeit."

Hans-Jochen Vogel feiert heute seinen 90. Geburtstag. Seine Partei und die Bundesrepublik Deutschland haben Grund, ihm dankbar zu gratulieren.

"Der Oberlehrer wird 90 - Hans-Jochen Vogel zum Geburtstag"
D. Riemer, ARD Berlin
03.02.2016 12:06 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 03. Februar 2016 um 07:48 Uhr auf WDR 5.

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