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Videoüberwachung in Großbritannien: "Unfreier, aber trotzdem unsicherer"
Bilanz der Videoüberwachung in Großbritannien

"Unfreier - und trotzdem unsicherer"

Als Konsequenz aus dem Münchner S-Bahn-Überfall fordern Politiker mehr Videoüberrwachung - unter anderem Bundeskanzlerin Merkel sprach sich dafür aus. Doch würde das wirklich helfen, Straftaten zu verhindern oder zumindest aufzuklären? Die Bilanz in London - dort stehen Hunderttausende Kameras - fällt bescheiden aus.

Von Silke Engel, ARD-Hörfunkstudio London

Hinweisschild an einem Londoner Bahnsteig Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Per Video überwacht: Hinweisschild an einem Londoner Bahnsteig ]
Im Vereinigten Königreich gibt es mehr Überwachungskameras als in jedem anderen europäischen Land: 4,2 Millionen, Tendenz steigend. Das heißt: Schon jetzt kommt eine CCTV-Kamera - für "Closed Circuit Television" - auf 14 Briten. Installiert wurden sie, um die Straßen sicherer zu machen. Doch Polizei und Regierung ziehen immer wieder eine enttäuschende Bilanz. Trotz der hohen Kameradichte vor allem in London nehmen die Überfälle oder Attacken auf den Straßen nicht ab. Auch die Aufklärungsquote hat sich kaum verbessert: Lediglich drei Prozent aller Straßenüberfälle werden in London aufgeklärt.

Erfolge - durch klassische Polizeiarbeit

Messerstechereien gehören zu London wie Scones zum Nachmittagstee der Briten. Vor allem unter Jugendlichen wächst die Waffenkriminalität. Im Jahr 2008 wurden in London 22 Teenager erstochen. Um diese Gewalt auf den Straßen zu stoppen, griff die britische Polizei zu herkömmlichen Methoden: Präsenz und Durchsuchungen. Innerhalb von drei Monaten befragten die Beamten Anfang dieses Jahres mehr als 75.000 Teenager - und das mit Erfolg: Mehr als 10.000 von ihnen wurden verhaftet, weil sie illegal Waffen besaßen, darunter Metzgermesser und Macheten.

Die Aufnahmen der Überwachungskameras dagegen brachten in dieser Hinsicht keinen Fortschritt. Kritik, die Simon Milton nicht gelten lässt: "Überwachungskameras sind ein Werkzeug, aber sie können den Polizisten auf der Straße nicht ersetzen." Milton ist ein Konservativer und im Team rund um den Londoner Bürgermeister zuständig für Polizeiplanung und Sicherheit in der Innenstadt. Er weiß, dass Durchsuchungen erfolgreich sind und trotzdem die Ausnahme bleiben, weil sie personalaufwändig sind und daher teuer.

Der CCTV-Kontrollraum für den Bezirk Westminster (Archivbild) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Hier werden die Bilder ausgewertet: Der CCTV-Kontrollraum für den Bezirk Westminster (Archivbild) ]
Deshalb setzt Milton auf CCTV-Kameras als Unterstützung, aber sie müssten dann auch richtig angewendet werden: "Polizisten sitzen nicht gerne vor dem gespeicherten Bildmaterial. Aber wenn die Aufnahmen keiner durchsieht, dann sind die Überwachungskameras natürlich Geldverschwendung. Dabei haben die neuesten Systeme sogar die Möglichkeit, Auffälliges zu markieren. So lassen sich die Details im Nachhinein schneller finden."

Kameras auf Schultoiletten

Die Arbeit, die gespeicherten Bilder zu kontrollieren, bleibt jedoch. Und wer einmal in dem CCTV-Kontrollraum unterhalb des Piccadilly Circus war mit all den Monitoren, der weiß, wie aufwändig dieser Job ist - und hier laufen nur die Überwachungskameras aus dem Regierungsviertel Westminister zusammen. Ob an Bushaltestellen, Häuserwänden oder Schulen – die kleinen elektronischen Augen des Gesetzes sind überall. Schätzungen zufolge gibt es allein in London 600.000 Kameras. Sogar auf einigen Schultoiletten wurden sie installiert – gegen Vandalismus.

Experten wie Dominic Rab warnen allerdings vor einem Angriff auf die bürgerliche Freiheit. Er hat alle Maßnahmen, die Großbritannien sicherer machen sollen, analysiert und die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst: "Wenn man alles auf Effektivität testet, kommt nur ganz wenig dabei heraus. Die Realität der vergangenen elf Jahre ist, wir sind nicht nur unfreier geworden hinsichtlich unserer Privatsphäre, sondern leben trotzdem unsicherer als früher."

Erhöhte Sicherheit - aber nur gefühlt

Ein von Scotland Yard veröffentlichtes Bild einer Überwachungskamera, das die mutmaßlichen Attentäter gemeinsam zeigt. (Foto: AP) [Bildunterschrift: Erfolg der Videoüberwachung: Dank CCTV konnten die Attentäter vom Juli 2005 identifiziert werden. ]
Doch es gibt auch Erfolge. Die Attentäter in der Londoner U-Bahn vom Juli 2005 beispielsweise konnten mit Hilfe von Überwachungskameras identifiziert werden. Daher warnt der frühere Labour-Innenminister Charles Clarke davor, bürgerliche Freiheiten gegen Videoüberwachung auszuspielen: "Der Umgang mit Daten hat sich insgesamt verändert: einmal weltweit bei Bankgeschäften zum Beispiel. Da hat zwar die Regierung nichts mit zu tun, aber sensible Informationen werden per Mausklick um die Welt geschickt. Und dann gibt es die terroristische Bedrohung. Hier ist mehr Kontrolle oder Überwachung notwendig. Und die meisten Briten haben aufgrund von CCTV auch weniger Angst."

Gefühlt hat sich die Sicherheit in Großbritannien tatsächlich verbessert. Das belegen auch Umfragen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Fakten in eine andere Richtung zeigen. So ist die Kriminalität insgesamt, vor allem Jugendgewalt und Messerstechereien, in den vergangenen Jahren weiter gestiegen – obwohl das Netz von CCTV-Kameras immer engmaschiger wird. Daher helfen neben all der Technik am Ende doch nur mehr Polizisten auf den Straßen – das versichern auch die meisten britischen Politiker.

Stand: 21.09.2009 12:16 Uhr
 

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