Schlange vor einem Supermarkt in Venezuela

Krise in Venezuela - Teil 2 der Serie Stunden warten - und dann nichts bekommen

Stand: 14.07.2016 13:40 Uhr

Schlange stehen vor einem Supermarkt, bei dem man nicht weiß, was es dort gerade gibt. Was manche noch aus DDR-Zeiten kennen, kann man heute in Venezuela wieder beobachten - jeden Tag. Die Politik greift in den Markt ein - mit zweifelhaftem Erfolg.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mittelamerika

Die lange Schlange vor einem Supermarkt signalisiert: Es gibt Maismehl, Reis, Milch oder Hühnchen. Leider wissen die Wartenden nie, wie lange die Ware reicht. Die 65-jährige Maria steht seit sechs Stunden in der brennenden Sonne in einem Mittelschichtviertel der Hauptstadt Caracas. Sie hofft auf ein Kilo Maismehl, den Grundstoff für Arepas, Maisfladen, die in Venezuela Grundnahrungsmittel sind, wie in Deutschland das Brot.

Schlange vor einem Supermarkt in Venezuela
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Eine Schlange vor einem Supermarkt: In Venezuela ein Zeichen dafür, dass es gerade irgendwas gibt, was es länger nicht gab. In diesem Fall ist es offenbar Toilettenpapier.

Nächste Chance erst in der nächsten Woche

"Andere haben sich schon um Mitternacht angestellt", erzählt Maria. "Deshalb waren sie heute früh gleich die ersten und konnten einkaufen. Uns bleibt jetzt nichts anderes übrig als zu warten und zu hoffen. Manchmal kommt sogar ein Lkw mit neuer Ware. Ich kann leider nicht mehr lange bleiben, weil ich meine Enkel von der Schule abholen muss."

Dann aber muss sie wieder eine Woche warten, denn subventionierte Lebensmittel gibt es pro Person nur alle sieben Tage - je nach Ausweisnummer. Im Unterschied zu vielen anderen kann Maria noch drei Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen, aber die Portionen hat sie halbiert. Alle Familienmitglieder hätten bereits mehrere Kilo abgenommen.

Geburt in der Schlange - weil die Mutter Mehl haben will

Eine andere Maria, 43 Jahre alt, erzählt von ihrem letzten Versuch einzukaufen: "Ich wollte Maismehl kaufen und stand um vier Uhr morgens in der Schlange. Die Leute stritten laut, weil es zu wenig für alle gab. Plötzlich rief eine hochschwangere junge Frau vor mir: Ich bekomme jetzt mein Kind, helft mir! Die Leute dachten, sie wolle nur Mitleid erregen, um einen besseren Platz in der Schlange zu bekommen. Aber, nein, sie brachte ihren Jungen zur Welt - in der Schlange vor aller Augen, weil auch sie ihr Kilo Mehl haben wollte."

Die Partei verteilt Reis - zu Wucherpreisen

Die meisten Venezolaner haben keine andere Wahl, als zu warten. Auf dem Schwarzmarkt sind die Preise für Grundnahrungsmittel extrem gestiegen. Dort kostet ein Kilo Maismehl 2000 Bolívares, im Supermarkt nur 200. Die Regierung des sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro macht die Opposition für den Mangel verantwortlich: Sie führe einen Wirtschaftskrieg gegen das Volk. Doch leiden alle Venezolaner gleichermaßen - egal zu welchem politischen Lager sie gehören.

Absturzgefährdete Hütten im Slum Petare
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In Petare leben viele Menschen, die sich Schwarzmarktpreise nicht leisten können.

Ein Lkw mit Lebensmittelpaketen trifft in Petare ein
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Die CLAP verteilt dort Reis und Milch - an Nicht-Parteifreunde gerne auch zu überhöhten Preisen.

Im Petare, dem größten Slum von Caracas, bietet sich ein seltenes Bild: Lebensmittelverteiler der sozialistischen Parteiorganisation CLAP liefern Tüten mit Essen direkt an die Haustür. Auch eine Familie, die nichts von der Maduro-Regierung hält, bekommt etwas ab: Reis, Maismehl und Milch. Das Paket kostet knapp 5000 Bolívares - ein Drittel des monatlichen Mindestlohns. Es wird nicht mal eine Woche reichen.

"Das ist eine Mafia: Auf die Liste kommen ihre Freunde"

Magali, Yuri und Sibel - drei Bewohnerinnen von Petare
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Magali, Yuri und Sibel sind bei der Lebensmittelverteilung leer ausgegangen.

Drei junge Mütter beobachten das Treiben. Magali, Sibel und Yuri gehen leer aus. Vor zwei Monaten waren sie zuletzt hier. "Da habe ich ein Paket bekommen", erzählt eine der drei Frauen. "Heute stehe ich nicht auf der Liste, dabei habe ich drei Kinder. Das ist eine Mafia: Auf die Liste kommen ihre Freunde. So funktioniert das." Die zweite sagte: "Siehst du die jungen Männer hier: Das sind alles Kriminelle. Die bekommen ihr Paket, dabei haben die noch nicht mal Kinder. Das ist nicht gerecht." Und die dritte meint: "Außerdem ist es viel zu teuer, denn die Produkte stammen ja aus dem Supermarkt mit subventionierter Ware. Das Paket dürfte nur die Hälfte kosten."

Seit die CLAP Lebensmittel verteilen, komme in den Supermärkten mit subventionierten Lebensmitteln noch weniger Ware an, schimpfen die drei. Ihre Wut ist groß. Zu Hause warten hungrige Kinder. Als wäre der Mangel an Lebensmitteln nicht schlimm genug, gibt es zum Waschen nur Regenwasser: Seit drei Monaten kam kein Tropfen aus der Leitung.

Diese Reportage ist Teil einer Serie, in der Anne-Kathrin Mellmann in dieser Woche über die Situation in Venezuela berichtet.

Warten - stundenlanges Schlange stehen für Lebensmittel
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko City
13.07.2016 11:12 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 12. Juli 2016 um 05:50 Uhr im Deutschlandfunk.

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