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Stadtansicht

Immer weniger Einwohner in Venedig

La Serenissima - ein Fluch und ein Segen

Venedig geht unter und keiner will mehr dort leben. Stimmt das, was sich seit Jahren erzählt wird, oder ist es eine Mär? Fakt ist, die Lagunenstadt kann sich vor Menschen kaum retten. Jedes Jahr kommen etwa 30 Millionen Besucher. Doch der Tourismus-Boom macht den Venezianern den Alltag zum Überlebenskampf, den Hunderte jährlich aufgeben.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Michela Scibilia lebt seit 25 Jahren in Venedig. Im Hauptberuf betreibt die energische Frau mit dem Lockenkopf eine kleine PR-Agentur, im Nebenruf arbeitet sie als Pfadfinderin.

Sie findet in der Lagunenstadt Orte, von denen selbst Venezianer nicht wussten, dass sie existieren. "Zum Beispiel: Wo kann man essen gehen, in einer Stadt, die einen so hohen Touristen-Anteil hat? Wir sind inzwischen bei einem Einwohner-Touristen Verhältnis von 1:1. Und wenn du durch die Stadt läufst, ist das 1:10. Das bedeutet, die meisten Restaurants sind für Touristen."

Immer weniger Menschen wollen in Venedig leben
T. Kleinjung, ARD Rom
10.08.2012 10:01 Uhr

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Wo kann man essen gehen?

Also hat Michela ein kleines Büchlein geschrieben, das Venezianern und Touristen den Weg oder besser den Kanal weist zu einer Osteria, in der man nicht mit dem Zeug abgespeist wird, das normalerweise den Gästen serviert wird: "Menu Turistico" für 15 Euro, fade Pasta, ledriges Hühnchen. Das isst man einmal und nie wieder. Egal, denkt sich der Wirt, der ganz auf das Geschäft mit den Eintagsfliegen setzt.

Rialtobrücke
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Venedig ist auch die Stadt der Verliebten. Gern genießen die Pärchen die Ansicht der Palazzi am Canal Grande von einer Gondel aus. Dafür müssen sie allerdings einen stolzen Preis bezahlen.

Venedig ist einzigartig, eine Stadt gebaut im Wasser, im Sumpf. Vor 600-700 Jahren war die Stadtrepublik eine Großmacht. "La Serenissima", die Durchlauchtigste.

Auf die politische und kulturelle Blüte folgte eine Zeit der Abgeschiedenheit, in der sich dieses prächtige Venedig wunderbar konserviert hat, um dann vor etwa 100 Jahren von den Touristen entdeckt zu werden. Und seitdem kommen sie in Massen, um den berühmten Markusplatz zu sehen, die Rialtobrücke und den Dogenpalast. Sie kommen in Zügen, Bussen und Flugzeugen. Und seit einigen Jahren auch in diesen Riesenschiffen.

Vaporetto in Venedig vor Kreuzfahrtschiff
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Auf ihrer Fahrt ins offenene Meer durchqueren täglich mehrere Kreuzfahrtschiffe den Canale della Giudecca. Experten beklagen, dass durch den Wellenschlag der Schiffe, die Bausubstanz der Kaianlagen und Häuser geschädigt wird. Im Vergleich zu den Kreuzfahrtschiffen wirken die Vaporetti, die Busse Venedigs, wie Nussschalen.

"Nur die Sehenswürdigkeiten abklappern"

Und einmal an Land spucken diese Giganten Menschenmassen aus. Tausende Kreuzfahrer, die natürlich Venedig auch zu Fuß erobern wollen. Oft in kurzer Zeit.

Einmal zum Markusplatz mit seinen berühmten Kaffeehäusern und wieder zurück. "Mordi e fuggi" heißt das auf Italienisch. Ex und Hopp. "Nur die Sehenswürdigkeiten abklappern, das Übliche", sagt ein deutscher Tourist. "Und dann in den Park, der ist auch schön", ergänzt eine Urlauberin.

Goldener Löwe
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"Der Goldene Löwe": Jedes Jahr im August/September findet das Internationale Filmfestival auf dem Lido statt.

George Clooney kommt mit der Crew seines neuen Films per Boot beim Filmfestival von Venedig an.
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2011 sah sich Hollywood-Star George Clooney mit seiner Film-Crew die Stadt vom Motorboot aus an.

Ein Disneyland für jährlich 30 Millionen Besucher

Am Beispiel Venedig lässt sich wunderbar darstellen, wie Wachstumsfantasien an ihre Grenzen geraten - an ihre physischen Grenzen. Wie viele Besucher verträgt eine Stadt, die nicht einmal mehr 60.000 Einwohner hat?

Silvio Testa, einst Reporter für die Lokalzeitung "Il Gazzettino", sagt: "Venedig hat jedes Jahr ungefähr 30 Millionen Besucher. Die Stadt ist wie ein Disneyland, die Geschäfte sind nur noch auf die Touristen ausgerichtet. Sie verkaufen Glaswaren und Masken, Handtaschen, die in Hongkong hergestellt werden - also alles Trash für den Tourismus. Und das hat schwerwiegende Folgen für die Stadt."

Karneval
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Masken, wie Touristen sie lieben: Der Karneval in der Lagunenstadt wurde 1979 wiederbelebt und wird seither jedes Jahr am Donnerstag vor Aschermittwoch zelebriert. Besonders beliebt sind die Kostüme des legendären Frauenheldes Giacomo Casanova und der Commedia dell'Arte.

Ein Leben wie im Schützengraben

Vor 100 Jahren schrieb Thomas Mann seine Novelle "Tod in Venedig", in der der alternde Dichter Gustav von Aschenbach in Venedig zuerst seine Würde und dann sein Leben verliert. Heute verdient der Abgesang eine neue Überschrift: Der Tod von Venedig.

Für ganz normale Bürger wie Michela Scibilia ist das Leben in dieser wunderbaren Stadt ein täglicher Überlebenskampf. Sie berichtet: "Ich setze mich sehr für das Krankenhaus ein, natürlich zusammen mit vielen anderen. Wir haben 40 Vereine zusammengeführt, die alle das Krankenhaus von Venedig retten wollen, und etwas haben wir schon erreicht. In Venedig zu leben, ist wunderbar, doch du fühlst dich immer wie im Schützengraben. Man muss ständig für seine Rechte als Einwohner kämpfen."

Je mehr sich Venedig bemüht, auf die Bedürfnisse von Touristen einzugehen, umso schwieriger wird das Leben für die Einheimischen. Ein einfaches Beispiel: der Immobilienmarkt. "Für einen Vermieter ist es natürlich lukrativer, eine Woche lang an Touristen zu vermieten als an einen Einwohner von Venedig. Das Problem des Wohnraums ist wirklich wichtig und zusammen mit anderen Vereinen kämpfen wir auch dafür", sagt Michela.

Venedig Markusplatz Tauben
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Legendär: Die Tauben auf dem Markusplatz. Inzwischen muss jeder, der beim Füttern erwischt wird, mit einer Geldstrafe rechnen. Auf diesem Foto von 2008 lässt sich der Schauspieler Jim Carter umflattern.

Aktuelle Einwohnerzahlen in der Apotheke

Der Tod von Venedig lässt sich in Zahlen ausdrücken - in Einwohnerzahlen: In seiner Apotheke auf dem Campo San Bartolomeo zeigt Andrea Morelli immer den aktuellen Stand an: 58.765.

"Diese Zahl sinkt um etwa 600 bis 700 Einwohner pro Jahr", rechnet der Apotheker vor, der sein Schaufenster nicht mit Pharmawerbung, sondern mit demografischen Informationen zu Venedig bestückt. Einwohnerzahl 1961: 137.500. In einem halben Jahrhundert hat sich Venedigs Bevölkerung also mehr als halbiert.

Auch Morelli beklagt: "Das macht das Leben und Überleben natürlich schwieriger. Mit der Einwohnerzahl gehen auch viele Angebote zurück, die für das Leben wichtig sind. Es ist schwierig, eine ganz normale Bäckerei zu finden oder einen Laden mit Elektroartikeln. Während gleichzeitig die Zahl der Touristenläden stark zunimmt."

Venedig Regatta
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Nur in Venedig rudern die Hexen auf dem Besen. Es ist eine alte Tradition, dass die Gondoliere am 6. Januar zur "Befana"-Regatta antreten. Statt Christkind beschenkt hier die Hexe Befana die Kinder am Epiphaniastag. Allerdings leben immer weniger Kinder in der Stadt.

Trotz allem - eine "außerordentliche Stadt"

"Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bissl anders", sagt der Schriftsteller Friedrich Torberg in seiner Anekdotensammlung "Die Tante Jolesch".

Und Michela Scibilia will nicht den Eindruck aufkommen lassen, als sei alles nur schlimm und furchtbar. Die Touristen, das Essen, der Kommerz. Nein, sagt sie, Venedig sei und bleibe eine außerordentliche Stadt: "Ich bin zwar keine Venezianerin, wohne aber hier seit vielen Jahren. Vielleicht weiß ich deshalb das Glück, in dieser anderen Welt leben zu dürfen, besonders zu schätzen."

Stand: 11.08.2012 12:19 Uhr

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