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Lebensmittelhändler auf einem indischen Markt

Fleischkonsum wächst

Indien - das (verlorene) Vegetarier-Paradies

Indien gilt eigentlich als das Stammland des Vegetarismus - fleischloses Essen hat dort eine sehr lange Tradition. Immer noch sind 40 Prozent der Inder Vegetarier. Aber das wird nicht mehr lange so bleiben: Für die wachsende Mittelschicht ist Fleischkonsum immer mehr ein Statussymbol.

Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

In einem amerikanischen Pizzarestaurant in Neu-Delhi mischt sich laute Pop-Musik mit Geschirrgeklapper und den Gesprächen der Gäste. Was die Speisekarte angeht, so ergibt sich auch hier ein Mix - etwa 50:50 - von vegetarischen und Fleisch-Gerichten. "Die Menschen mögen eben beides. Deshalb müsse man auch beides anbieten", erklärt der Restaurantmanager.

Eine Gaststätte ohne ausführliche vegetarische Karte ist in Indien unvorstellbar. Selbst bei McDonald's halten vegetarische mit Fleischburgern gut mit: Da die Kühe heilig sind, fallen alle Weich-Brötchen-Gerichte mit Rindfleisch dazwischen schon mal aus. So wandern hier eben der McChicken oder Chicken Maharaja, aber eben auch der McVeggie-Burger oder das fleischlose Wrap Paneer Salsa über die Theke.

Inder entdecken den Fleischkonsum
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
21.07.2012 14:54 Uhr

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"Wir sind das Land Buddhas"

"Es gibt geschichtliche Gründe dafür, dass wir so sind, wie wir sind", sagt Sonal Mallick vom Veganerverband Delhi: "Wir sind das Land Buddhas, auch das Land der Jains, weshalb Indien ein weitgehend vegetarisches Land geblieben ist."

Strenggläubige der Jains-Religionsgruppe tragen einen Mundschutz, um nicht versehentlich Insekten einzuatmen. Und sie putzen die Strecke, die sie laufen, zuvor mit einem Staubwedel, um nicht Kleintiere zu töten. Die Gewaltlosigkeit allen Lebewesen gegenüber, die Mahatma Gandhi vorlebte, ist legendär.

In keinem anderen Land der Welt ernähren sich mehr Menschen vegetarisch als in Indien. Umfragen zufolge sind es bis zu 40 Prozent. Aber: Es würden weniger, bedauert Mallick: "Im Westen wird es jetzt auf einmal cool, einer grünen Bewegung anzugehören, sich vegetarisch zu ernähren. Während es in Indien den umgekehrten, kindischen Trend gibt: Es ist jetzt angesagt, wenn man bei Kentucky Fried Chicken gesichtet wird."

Die Verlockung siegt über die Tradition

Eine Kuh vor einer Lehmhütte in Indien.
galerie

Kühe sind für Hindus heilig. Rinfleischgerichte gibt es deswegen beispielsweise bei McDonald's nicht.

Indien wird von vielen als Geburtsland des Vegetarismus gesehen - weil schon frühe hinduistische Schriften die Gewaltlosigkeit gegenüber Tieren vorschreiben. Doch die Tradition scheint - langfristig jedenfalls - auch in Indien machtlos gegen die Verlockung, die Zähne zumindest ein paar Mal die Woche in ein saftiges Stück Fleisch zu versenken. "Fleisch versorgt mich mit der nötigen Muskelkraft", sagt so ein Mann. Sein Fitnesstrainer habe ihm geraten, öfter Huhn zu essen. Andere meinen, die Cricket-Spieler von Erzfeind Pakistan seien kräftiger, weil sie so viel tierisches Eiweiß zu sich nähmen.

Für Veganerin Mallick sind Menschen, die so etwas glauben, die fleischgewordene Unvernunft. Die Welt, sagt sie, die Umwelt wäre eine bessere, wenn sich alle Menschen vegetarisch ernährten: "Die persönliche CO2-Bilanz verbessert sich, wenn Sie eine vegane Diät einhalten. Vegan heißt: gar keine tierischen Produkte, also auch keine Milch."

Indien ist eine moderne wirtschaftliche Supermacht - einerseits. Und ein mittelalterlich anmutendes Entwicklungsland - andererseits. Genauso gespalten ist es, was den Fleischkonsum angeht: Die Ärmsten der Armen können sich diesen gar nicht leisten. Für viele in der aufstrebenden Mittelschicht ist der Bruch mit pflanzlicher Ernährung dagegen Ausdruck ihres Wohlstands. Indien ist - wenn man es flapsig ausdrücken wollte - beim Vegetarismus derzeit nicht Fisch, nicht Fleisch.

Stand: 21.07.2012 14:57 Uhr

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