Vatileaks

Brisante Veröffentlichungen vor Konklave-Entscheidung Der Fall "Vatileaks" gewinnt wieder an Fahrt

Stand: 07.03.2013 20:27 Uhr

Eine Entscheidung über den Beginn der Papstwahl steht weiter aus - doch das zentrale Thema bei den Sitzungen der Kardinäle war heute ohnehin ein anderes: die "Vatileaks"-Affäre um Intrigen und Korruption im Vatikan. Grund sind neue, brisante Veröffentlichungen in den italienischen Medien.

Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom

Es dürfte wohl das zentrale Thema bei den Sitzungen der Kardinäle sein: der "Vatileaks"-Skandal. Nachdem bekannt ist, dass eine Kardinalskommission den Fall untersucht und offenbar ziemlich viel herausbekommen hat, wollen die Kardinäle nur eines wissen: Wer war daran beteiligt und in welcher Form?

Einer von ihnen soll gestern in der Generalkongregation Auskünfte über Namen und Fakten verlangt haben, schreibt die Zeitung "La Stampa". Das Blatt zitiert auch aus einem internen Papier von Kardinaldekan Angelo Sodano, wonach die Kardinäle sich mit konkreten Verdächtigungen zurückhalten sollen. Sie sollen keine Namen nennen, heißt es da, wenn sie sich nicht sicher sind - um das Klima nicht zu vergiften.

Kardinäle bei der Vorbereitung des Konklave. | Bildquelle: REUTERS
galerie

Eigentlich trafen sich die Kardinäle erneut, um die Papstwahl vorzubereiten - doch die italienischen Zeitungen warteten mit neuen Enthüllungen in der "Vatileaks"-Affäre auf.

Wer mitintrigiert hat, wird nicht gewählt

Der Bostoner Kardinal Sean Patrick O’Malley, selbst als einer der Kandidaten für die Papstnachfolge gehandelt, sagte allerdings bei einer Pressekonferenz vorgestern: "'Vatileaks' hat über lange Zeit die Schlagzeilen bestimmt. Ich weiß nicht, wie wichtig diese Themen für die Arbeit im Konklave sind. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich die Kardinäle in Bezug auf die Informationen, die für uns wichtig sind, untereinander austauschen - da wir ja eine wichtige Entscheidung zu treffen haben."

Das heißt auf gut deutsch: Wer mitintrigiert hat, wird nicht gewählt. Das scheint dem Kardinalskollegium wohl ein bisschen zu deutlich gewesen zu sein - die amerikanischen Kardinäle sagten nämlich ihre tägliche Pressekonferenz spontan ab. Es gab wohl einen Maulkorb, heißt es. Man darf vermuten: von interessierter italienischer Seite. Denn: Der Kardinaldekan ist Italiener, der Camerlengo ebenfalls, Tarcisio Bertone stand zudem in Sachen "Vatileaks" massiv unter Beschuss.

Lobby von Homosexuellen im Vatikan?

Papst Benedikt XVI. und Paolo Gabriele | Bildquelle: AFP
galerie

Er wurde als Hauptverantwortlicher für die "Vatileaks"-Affäre verurteilt - und später vom Papst begnadigt: Ex-Kammerdiener Gabriele.

Unabhängig davon stechen die Italiener weiter Infomationen an die Presse durch: Was in der römischen Zeitung "La Repubblica" steht, scheint nämlich ebenfalls aus dem Lager der Bertone-Gegner zu stammen. Der Vatikan-Journalist der Zeitung, Marco Ansaldo, schreibt erneut, dass am "Vatileaks"-Skandal nicht nur der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele allein sondern mindestens 20 Personen beteiligt waren - und er will sich mit einem der Informanten getroffen haben, die die Italiener Corvi ("Raben") nennen.

Seine anonyme Quelle bestätigt demzufolge ein weiteres Mal, dass es angeblich eine Lobby von Homosexuellen im Vatikan gebe, an der auch Kardinäle und Bischöfe beteiligt seien, von den - angeblich - höchsten Stockwerken des Staatssekretariats bis hin zu den Chefs einiger vatikanischer Behörden.

Ein kaum verschleierter Erpressungsversuch

Die Quelle der Zeitung, die der Beschreibung zufolge einen Goldring mit dem Wappen des zurückgetretenen Papstes tragen soll, gibt zudem bekannt, sie könne auch Namen nennen: ein kaum verschleierter Erpressungsversuch. Und sie will erfahren haben, dass es in dem bisher geheimgehaltenen Bericht der Kardinalskommission auch um die Finanzen der immer wieder unter Geldwäscheverdacht stehenden Vatikanbank IOR geht.

Außerdem heißt es in dem Interview, es gebe weitere noch unbekannte Dokumente, die möglicherweise in einem weiteren Buch herauskommen könnten. Und es enthält die klare Drohung, dass man mit Erklärungen von bestimmten Dingen fortfahren werde, je nachdem wer zum neuen Papst gewählt werde und wer künftig das Staatssekretariat leite. Die Drahtzieher von "Vatileaks" hätten übrigens dem Papst nahe gestanden. Sehr nahe.

Die Machtspielchen sind noch lange nicht vorbei

Bei der "Repubblica" hat diese Form der Berichterstattung Methode. Die Zeitung hat auch schon mal ein leeres Schreiben an Benedikts Sekretär Gänswein veröffentlicht, mit der Drohung, den Text bekannt zu machen. Klar wird daraus nur eines: Die Machtspielchen in der Kurie sind noch lange nicht vorbei - und was im vergangenen Jahr passiert ist, hat definitiv Auswirkungen auf die Wahl des künftigen Papstes.

Federico Lombardi
galerie

Inwieweit "Vatileaks" bei den Beratungen der Kardinäle eine Rolle spiele - dazu wollte sich Vatikansprecher Lombardi nicht äußern.

Vatikansprecher Federico Lombardi wurde übrigens gefragt, inwieweit denn "Vatileaks" bei den Beratungen der Kardinäle eine Rolle spielt. Seine sehr erwartbare Antwort: "Ich kann nichts über die Inhalte der Aussagen bekanntgeben. Ich habe gesagt wie viele Kardinäle das Wort ergriffen haben - das reicht", so Lombardi. "Ich habe gesagt, dass die Reden unterschiedliche Themen betreffen und aus der ganzen Welt kommen. Ich sage nicht, wer gesprochen hat."

Also auch nicht, ob die Kardinäle Herranz, de Giorgi oder Tomko das Wort ergriffen haben - sie haben den vertraulichen Bericht für den Papst damals schließlich erstellt. Nicht alle sind so deutlich wie der deutsche Kardinal Walter Kasper, der eine Öffnung der Kurie und mehr Transparenz gefordert hat und eine grundlegende Umgestaltung über das hinaus, was durch "Vatileaks" ans Tageslicht gekommen ist.

"Wo es Menschen gibt, gibt es auch Probleme"

Das macht deutlich, dass die Kardinäle aus aller Welt genau hinterfragen werden, was in der Kurie vor sich gegangen ist. Kardinal Dominik Duka aus Prag sagte: "Wo es Menschen gibt, gibt es auch Probleme für den neuen Papst, aber es kommen auch neue Menschen.

Das könnte möglicherweise darauf hindeuten, dass bei der Papstwahl all diejenigen schlechtere Karten haben könnten, die bestimmte Funktionen an der Kurie innehatten.

Wann das Konklave beginnt, weiß man übrigens immer noch nicht. Medien spekulieren zwar weiterhin auf einen Beginn am kommenden Montag, eine Bestätigung gibt es dafür aber nicht.

Dieser Beitrag lief am 7. März 2013 um 13:26 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: