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Paolo Gabriele

"Vatileaks"-Prozess um Papst-Kammerdiener

Ein Geständnis, das wenig erhellt

Gibt es doch kein Komplott und keinen Machtkampf im Vatikan? Vor Gericht sagte der frühere Kammerdiener des Papstes, Gabriele, er habe allein gehandelt. Er gestand, vertrauliche Dokumente entwendet zu haben - und er bereue den Vertrauensbruch. Was bezweckte Gabriele?

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Papstsekretär Georg Gänswein war der erste, der Paolo Gabriele auf den Kopf zusagte: Du warst es, Du hast die vertraulichen Dokumente weitergegeben. Das war am 21. Mai - kurz nachdem Gänswein im Buch "Seine Heiligkeit" von Gianluigi Nuzzi drei Briefe entdeckt hatte, die sein Büro nicht verlassen haben. Was folgte, ist bekannt: Die Gendarmerie durchsuchte die Privatwohnung des Kammerdieners, entdeckte dabei kistenweise Kopien und Originaldokumente und einige Wertsachen aus dem Besitz des Papstes.

Gabriele kam in Haft, dann in Hausarrest, und heute beim Prozess hat er Georg Gänswein zum ersten Mal seit jenem 21. Mai wiedergesehen. "Als Gänswein in den Gerichtssaal kam, hat er ein paar Leute begrüßt - nur Gabriele nicht, das war ein bisschen eisig", erzählte Paddy Agnew von den "Irish Times", einer von acht  Vatikanjournalisten, die den zweiten Verhandlungstag beobachten konnten. Gabriele habe einen gefassten Eindruck gemacht.

Ehemaliger Kammerdiener des Papstes vor Gericht
T. Kleinjung, ARD Rom
02.10.2012 17:35 Uhr

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"Nicht schuldig des schweren Diebstahls"

Und er war wohl bedacht auf korrektes Benehmen: Als Papstsekretär Gänswein den Saal betrat, stand Gabriele auf. "Auf mich wirkte er nicht nervös", sagte Agnew. "Manche seiner Antworten waren identisch mit denen, die er in den Ermittlungen abgegeben hatte. Und das zeigt doch, dass er sehr lange darüber nachgedacht hat, was er sagt und wie er es sagt."

Papstsekretär Georg Gänswein (Archivbild vom 06.06.2012).
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Papstsekretär Georg Gänswein zeigte Gabriele im Gerichtssaal die kalte Schulter (Archivbild).

Die alles entscheidende Frage stellt ihm seine Anwältin Cristiana Arru: Ob er sich für schuldig erklärt? Der Vorwurf der Anklage lautet auf schweren Diebstahl. "Nein", sagte Gabriele: "Dieses Verbrechens halte ich mich für nicht schuldig" - um dann zuzugeben, dass er über Jahre im Büro, das er sich mit Papstsekretär Gänswein geteilt hat, die Dokumente auf den Kopierer gelegt hat. Manchmal habe er auch die Originale mit nach Hause genommen.

Der Zweck des Ganzen wird in seiner Befragung nicht ganz klar. Dass aus den Geheimakten einmal ein Buch wird, habe er nicht beabsichtigt. "Er hat erklärt, dass er nicht gehandelt habe, weil er sich bereichern wollte, sondern weil er persönlich eine unbehagliche Situation durchlebte", ergänzte Papstsprecher Federico Lombardi. "Er hat sich für schuldig erklärt, das Vertrauen, das der Heilige Vater ihm immer entgegengebracht hat, verraten zu haben."

Gabriele: Zwischen Selbstüberschätzung und Sendungsbewusstsein

Papst Benedikt XVI. mit seinem früheren Kammerdiener Paolo Gabriele
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Papst Benedikt XVI. mit seinem früheren Kammerdiener.

Die Vernehmung des ehemaligen Kammerdieners fördert eine schillernde Persönlichkeit hervor - irgendwo zwischen Selbstüberschätzung und Sendungsbewusstsein. Er will den Papst schützen, er bemerkt beim gemeinsamen Mittagessen, dass Benedikt von bestimmten Vorgängen keine Ahnung hat. Er tauscht sich mit hochrangigen Vertretern der Kurie regelmäßig aus. Es tauchen die Namen der Kardinäle Angelo Comastri und Paolo Sardi auf - und auch der Name der ehemaligen Haushälterin des Papstes, Ingrid Stampa.

Doch kein Komplott, kein Machtkampf?

"Gabriele hat sehr deutlich unterschieden zwischen dieser Atmosphäre des Unwohlseins, in der er sich befunden hat und in der sein Plan zu Handeln entstanden ist", führte Lombardi aus - "und den anderen, einzelnen Personen, die er benannt hat und die zu dem Kreis gehören, mit dem er zu tun hatte".

Paolo Gabriele bleibt also dabei: Es gibt keine Mitwisser und keine Mithelfer. Lediglich seinem Beichtvater, einem gewissen Padre Giovanni, habe er eine zweite Kopie der Dokumente anvertraut. Für den Vatikan war das die heikelste Stelle im ganzen Verfahren: Demnach gäbe es kein Komplott, keinen Machtkampf im Vatikan, keinen Krieg der Kardinäle, die Gabriele für ihre Zwecke eingespannt haben.

Staatsanwalt ordnet Untersuchung der Haftbedingungen an

Gericht des Vatikan
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In diesem Gerichtssaal im Vatikan wurde Gabriele befragt.

Unangenehm für den Kirchenstaat wird in jedem Fall der Teil der Aussage werden, in dem sich Gabriele über die Haftbedingungen auslässt: In der ersten Nacht kein Bettzeug, in den ersten 15 Tagen eine Zelle, die so klein war, dass man nicht einmal die Arme ausstrecken konnte, und schließlich 20 Tage lang Dauerbeleuchtung - rund um die Uhr, auch nachts. Das klingt ein bisschen nach Guantanamo.

Der Staatsanwalt hat auf diese Aussage hin sofort ein Ermittlungsverfahren zu den Haftbedingungen in der vatikanischen Gendarmeriekaserne eingeleitet. "Natürlich sind die Haftbedingungen nicht so, als wenn er ein freier Mann wäre", räumte Lombardi ein. "Es ist offensichtlich, dass er sich dabei nicht wohl gefühlt und gelitten hat. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass die Haftbedingungen die Würde des Häftlings verletzt hätten."

Morgen wird der Prozess mit den letzten Zeugenbefragungen fortgesetzt. Vermutlich am Freitag folgen die Plädoyers. Und mit einem Urteilsspruch wird ebenfalls gegen Ende der Woche gerechnet.

Stand: 02.10.2012 18:29 Uhr

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