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Urteil im "Vatileaks"-Prozess
Prozess beendet - doch die Affäre geht weiter
Gerade einmal eine Woche nach der Eröffnung endet der spektakulärste Prozess in der Geschichte des Vatikans. Der Ex-Kammerdiener des Papstes, Gabriele, wurde zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Doch auf wichtige Fragen hat der Prozess keine Antworten gefunden.
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
Als der Richter den Gerichtssaal betritt, erhebt sich Gabriele und erwartet äußerlich völlig reglos sein Urteil. "Im Namen seiner Heiligkeit Benedikts XVI., des glorreich Regierenden", leitet der Richter den Urteilsspruch ein, um dann das zu verkünden, worauf Gabriele seit seiner Verhaftung am 23. Mai wartet: Gabriele wird nach Paragraph 404 des vatikanischen Strafgesetzbuches für schuldig befunden.
Geringeres Strafmaß dank mildernder Umstände
"Qualifizierter Diebstahl" heißt das Vergehen im vatikanischen Strafrecht. Staatsanwalt Nicola Picardi hatte dafür drei Jahre Haft gefordert. Die Richter erkannten dagegen eine Reihe von mildernden Umständen an. Gabriele habe keine Vorstrafen, er habe außerdem in gutem Glauben gehandelt, heißt es, auch wenn die Richter seine Motive nicht gut heißen. Deshalb lautet das Strafmaß für den ehemaligen Kammerdiener des Papstes: 18 Monate Haft.
Mehr Fragen als Antworten nach Schuldspruch
T. Kleinjung, ARD Rom
07.10.2012 07:28 Uhr
Mildes Urteil, um Gabriele ruhig zu stellen?
Für die Vatikanreporterin des römischen "Messaggero" Franca Giansoldati ist das ein sehr mildes Urteil. "Ihm sind alle Milderungsgründe zugestanden worden. So kann er weiterhin im Vatikan beschäftigt sein und in seiner Vatikan-Wohnung bleiben", sagt Giansoldati. "All das, um sicher zu gehen, dass er nicht mehr schaden und Sachen nach außen erzählen kann."
Wichtige Fragen blieben im Prozess unbeantwortet
Denn die entscheidende Frage blieb in diesem Prozess unbeantwortet: Wer wusste von Gabrieles Privatarchiv und hat sich dieses zu Nutze gemacht? Über Jahre hatte der Kammerdiener vertrauliche und persönliche Dokumente des Papstes kopiert oder sogar im Original entwendet. Vor elf Monaten setzte er sich mit dem Buchautor Gianluigi Nuzzi in Verbindung, der einen Teil der Dokumente in dem Enthüllungsbuch "Seine Heiligkeit" veröffentlichte. Gabriele wurde überführt und verhaftet, und behauptete im Prozess, er habe all das allein zu verantworten. Vor der Urteilsverkündung hatte der 46-Jährige gesagt, "ausschließlich aus Liebe, ja leidenschaftlicher Liebe zur Kirche und zum Papst gehandelt zu haben."
Vatikanreporterin: "Der Prozess ist eine Farce"
Vatikanreporterin Giansoldati bezeichnet das Verfahren als Witz: "Der Prozess ist eine Farce, weil keiner ganz offensichtlich den Wunsch hatte, herauszubekommen, was hinter der Sache steckt oder zu verstehen, warum Gabriele Dokumente gesammelt hat seit 2006, das heißt seit Beginn des Pontifikats." Personen, die Gabriele im Verhör noch als wichtige Vertraute bezeichnete, wie zum Beispiel die ehemalige Haushälterin Benedikts Ingrid Stampa, wurden in dem Prozess nicht als Zeugen vorgeladen. Ein Gutachten, das Gabriele als leicht beeinflussbar beschreibt, wurde vom Staatsanwalt als nicht beweiskräftig ignoriert.
Vatikan weist Vorwürfe zurück
Doch im Vatikan wehrt man sich gegen den Vorwurf, dieser Prozess sei eine reine Inszenierung gewesen. Der vatikanische Öffentlichkeitsbeauftragte Gregory Burke sagt dazu: "Ich glaube, dass der Vatikan sehr klar ist in seiner Gewaltenteilung. Es war ein unabhängiger Prozess von einem unabhängigen Gericht", sagt Burke. "Und jeder, der den Prozess verfolgt hat, kann nur sagen: es war ein fairer Prozess und es scheint auch ein faires Urteil zu sein."
Papst könnte Gabriele begnadigen
Gabrieles Verteidigerin, Cristiana Arru, sprach in einer ersten Reaktion von einem "guten und ausgewogenen" Urteil. Wohl wissend, dass ihr Mandant seine Haftstrafe vermutlich nie antreten muss. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Papst Benedikt XVI. seinen ehemaligen Kammerdiener begnadigt. Laut Papstsprecher Federico Lombardi könne der Papst begnadigen, das stünde in seiner Macht. Und das sei sogar auch möglich, wenn die Begnadigung gar nicht beantragt wurde. "Es besteht ja die Frage: kann er nur begnadigen, nachdem Paolo Gabriele dies auch will? Nein, in dieser Situation kann er Gnade gewähren, auch wenn es keinen formellen Antrag gibt", sagt Lombardi.
Mehr Fragen als Antworten am Ende des Prozesses
Mit diesem Urteil dürfte es kaum gelingen, einen Schlussstrich unter diese Affäre zu ziehen, die Lombardi "Vatileaks" getauft hatte - in Anlehnung an die Geheimdienstdokumente von Wikileaks. Am Ende des Prozesses stehen mehr Fragen als Antworten. Und Greg Burke, der PR-Mann des Vatikan, bestätigte dem ARD-Studio in Rom: Es könnte durchaus sein, dass weiter ermittelt wird.
Vatikanische Justiz spricht Urteil im Vatileaks-Prozess
tagesthemen 23:35 Uhr, 06.10.2012, Michael Mandlik, ARD Vatikan
Stand: 06.10.2012 18:03 Uhr
