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Prozess gegen Ex-Kammerdiener des Papstes
Viele offene Fragen vor dem Urteil
In der "Vatileaks"-Affäre wird heute im Prozess gegen den Ex-Kammerdiener des Papstes das Urteil erwartet. Beobachter erwarten eine Verurteilung des Mannes, der vertrauliche Papiere aus dem Vatikan gestohlen hat. Viele Fragen zu den Hintergründen werden auch nach dem Prozess ungeklärt bleiben.
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
Paolo Gabriele nimmt heute ein letztes Mal auf der Anklagebank Platz. Dann hat er ein letztes Mal die Gelegenheit zu erklären, warum er tausend Dokumente aus dem Büro des Papstes kopiert und gestohlen hat. Seine bisherigen Aussagen dazu waren wenig erhellend. Dennoch hat Prozessbeobachter Thomas Jansen von der Katholischen Nachrichtenagentur keinen Zweifel daran, dass Gabriele heute verurteilt wird.
"Er hat gestanden, die Dokumente entwendet und gestohlen zu haben. Was er bestritten hat, dass er den Scheck geklaut hat, der bei ihm gefunden wurde, über immerhin hunderttausend Euro und den Goldklumpen, von dem will er auch nichts gewusst haben", sagt Jansen.
Völlig still wird Gabriele, wenn es um eventuelle Mitwisser und Mittäter geht. Während er in den Ermittlungen noch von 20 Maulwürfen im Vatikan sprach, schwieg er sich darüber im Prozess völlig aus, sagt Robert Mickens, der als einer von acht Journalisten die Aussage von Gabriele im Gerichtssaal mitverfolgt hat.
"Ich weiß nicht, ob man versucht hat, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie fragten, ob es einen oder 20 Maulwürfe im Vatikan gibt. Und er formulierte das einfach um. Eigentlich hat er die Frage nicht beantwortet, die ihm der Staatsanwalt gestellt hat", sagt Mickens.
Dass Gabriele der Haupttäter ist, daran gibt es keinerlei Zweifel. Zu erdrückend ist die Beweislast. 82 Kartons voll mit Papier hat die Gendarmerie aus der Wohnung des päpstlichen Kammerdieners mitgenommen.
Vatileaks-Prozess steht vor Urteil
Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
06.10.2012 00:07 Uhr
"Vatikanische Justiz gerät an ihre Grenzen"
Doch wer hat sich die Sammelwut Gabrieles zu Nutze gemacht? Wie kam der Kontakt zum Buchautor Gianluigi Nuzzi zustande, der ja einen Teil der Dokumente veröffentlicht hatte? Welche Rolle spielt der Beichtvater Gabrieles, der ebenfalls Kopien der Dokumente hatte?
"All diese Fragen wurden in dem Prozess nicht geklärt und Zeugen, die sie hätten beantworten können, wurden nicht vorgeladen. Da gerät offenbar die vatikanische Justiz an ihre Grenzen", sagt Vatikanexperte Ulrich Nersinger.
"Manche Szenen, die sich dort abspielen, sind für uns doch sehr verwirrend, weil sie auch zeigen, dass hier in einer Justiz gearbeitet wird, in der man mit vielen Sachen nicht vertraut ist. Ich glaube, dass dieser Prozess eine große Anforderung und in manchen Punkten auch eine Überforderung ist", sagt Nersinger.
Dazu kommt ein ehrgeiziger Zeitplan. In gerade einmal einer Woche und vier Sitzungen wird der komplexe Fall abgehandelt. Gab es die Vorgabe, bis zur Bischofssynode, die morgen beginnt, durch zu sein?
Der Vatikan ist ein sehr kleiner Staat, die Wege zwischen Exekutive und Judikative sind kurz. Kardinal Velasio de Paolis, selbst Richter in der dritten Instanz, sagte noch vor Prozessbeginn, dass der Papst im Falle einer Verurteilung Gabriele begnadigen könnte.
Eine Haftstrafe droht
"Das finde ich eigentlich sehr schade, um das noch höflich zu sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man an irgendeinem anderen Gerichtshof in der Welt von Begnadigung spricht und das nicht von den Betroffenen, sondern von Personen, die in die Gerichtsbarkeit involviert sind", sagt Nersinger.
Wie auch immer dieser Prozess ausgeht – für den 46-jährigen Gabriele dürften die letzten Tage im Vatikan angebrochen sein. Wird er tatsächlich zu einer Haftstrafe verurteilt, muss er die gemäß bilateralen Verträgen in einem italienischen Gefängnis verbüßen. Und sollte er tatsächlich begnadigt werden, wird er kaum mehr im näheren Umfeld des Papstes bleiben dürfen.
Stand: 06.10.2012 01:35 Uhr
