Finger mit "I voted"-Aufkleber | Bildquelle: AP

Das Debakel der Wahlforscher "Die Kristallkugel hat einen Sprung"

Stand: 09.11.2016 15:44 Uhr

Für die Demoskopen war die US-Wahl ein Desaster. Fast alle Umfragen waren von einem Clinton-Sieg ausgegangen. Ein Grund für die Schlappe: das Phänomen der sozialen Erwünschtheit. Im aufgeheizten Wahlkampf wollten wohl einige Wähler ihre wahre Überzeugung nicht preisgeben.

Die US-Wahl war für Demoskopen mindestens eine so große Schlappe wie für Hillary Clinton. Wochenlang sagten sie einen Sieg der Demokratin voraus. Nahezu alle der 20 großen Umfrageinstitute lagen am Ende dennoch daneben. Noch am Wahltag selbst errechnete die angesehene Website "RealClearPolitics" einen durchschnittlichen Vorsprung von 3,3 Prozentpunkten für Clinton.

Lediglich die "Los Angeles Times" und ihr Partner, die University of Southern California, können sich in ihrer Arbeit bestätigt fühlen. Sie hatten in den vergangenen Wochen konstant einen Vorsprung des Republikaners Donald Trump vorhergesagt.

"Soziale Erwünschtheit" als Problem

Bei den meisten Wahlforschern machte sich gegen 4.25 Uhr - als Trump überraschend den Swing-State Ohio gewann, Ernüchterung breit. Besonders unter den Demoskopen. Eine Erklärung für die falschen Vorhersagen: Bei den Befragung gaben die Wähler nicht ihre wirkliche Meinung preis. Sozialforscher sprechen in solchen Fällen vom Phänomen der "sozialen Erwünschtheit". Um Ablehnung zu vermeiden, antworten Befragte nicht wahrheitsgetreu.

"Die Kristallkugel hat ganz klar einen Sprung", sagt der Politologe Larry Sabato von der Universität von Virginia. Offenbar unterschätzt worden sei die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, aber diesmal ihre Stimme abgaben. "Die Beteiligung der Weißen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen", sagt Sabato. Dagegen ging die Beteiligung unter den Schwarzen und den jungen Wählern zurück. Zwar hätten die Wahlforscher damit gerechnet, dass sich in diesem Jahr im Vergleich zur Wiederwahl von Barack Obama 2012 weniger Schwarze und junge Bürger an die Urnen locken lassen. Aber in den Vorhersagen zu den potentiellen Wählern sei schlichtweg die Beteiligung der weißen ländlichen Gebiete unterschätzt worden.

Auch ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn sieht darin eine Erklärung: Die Wahlbeteiligung in bestimmten Wählergruppen sei anders gewesen als zuvor geschätzt, sagte er während der Sondersendung. Besonders die Unterstützung für Trump von Männern ohne College-Abschluss sei groß gewesen. Das hatten die Wahlforscher anders erwartet.

Eine richtige Vorhersage, fast...

US-Wahlforscher Sabato räumt ein, dass Telefonumfragen immer problematischer werden - zum einen, weil wenig Bürger Lust haben, daran teilzunehmen, zum anderen aufgrund der weniger werdenden Festnetzanschlüsse. Daher werde es in Zukunft verstärkt Online-Umfragen geben.

Zumindest über eine richtige Vorhersage dürfen sich die Wahlforscher freuen: Das bisher selten entscheidende Pennsylvania sahen viele Demoskopen als besonders wichtig an. Wer diesen Staat gewinnt, gewinnt die Wahl. Recht hatten sie: Am Ende gewann Trump auch hier. Dass die Umfrageergebnisse ein anderes Ergebnis vorhergesagt hatten - das will heute wohl kein Wahlforscher mehr hören.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2016 in den Sondersendungen ab 09:00 Uhr und ab 16:00 Uhr.

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