USA Flaggen und ein Anstecker vor einem roten Pullover. | Bildquelle: AP

Zamperonis Eindrücke aus den USA "Klassenkampf" an der Wahlurne

Stand: 08.11.2016 18:11 Uhr

Für Amerika ist es eine historische Richtungswahl. Die Entscheidung für Clinton oder Trump spaltet das Land wie kaum zuvor. Das bekommt auch tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni mit. Bis vor wenigen Wochen war er US-Korrespondent - nun schildert er seine Eindrücke vom Wahltag.

Von Ingo Zamperoni, zzt. Washington

Meine Wohngegend im Nordwesten von Washington ist liberal, traditionell eine Ecke, in der die Demokraten stark sind. Doch von Euphorie für Hillary Clinton ist hier nicht allzu viel zu spüren. Plakate für die demokratische Kandidatin sieht man kaum, so manch einer hat sogar noch die Werbeaufkleber für ihren innerparteilichen Konkurrenten Bernie Sanders auf dem Auto - fast trotzig wirkt das.

alt Ingo Zamperoni | Bildquelle: NDR/Thorsten Jander

Zur Person

Zamperoni wurde in Wiesbaden geboren. Er studierte bis 1999 Amerikanistik, Jura und Geschichte in Konstanz, Berlin und Boston. Seit 2005 übernahm Zamperoni die Moderation aktueller Sendungen im NDR Fernsehen. Mehrfach vertrat er ARD-Korrespondenten in den Studios Washington und London. 2012 wurde Zamperoni fester Vertreter für die tagesthemen-Moderation. Im Februar 2014 wurde er Fernsehkorrespondent im ARD-Studio Washington. Seit Oktober ist er Hauptmoderator der tagesthemen. Seine Familie lebt noch in den USA.

"Denkzettel-Wahl"

Trump-Werbung gibt es eigentlich überhaupt nicht. Vielleicht, so sagen manche meiner Freunde, ist es seinen Wählern peinlich, sich offen zu ihrem Favoriten zu bekennen. Doch man darf sich nicht täuschen lassen - Washington ist nicht die USA. So sieht das auch mein Nachbar Michael. Der Unternehmensberater und Vater von drei Kindern ist viel herumgekommen, hat in Japan gelebt und ist ein sehr weltoffener Mensch. Für ihn ist die Präsidentschaftswahl "eindeutig eine Denkzettel-Wahl".

Viele Menschen im Land fühlten sich abgehängt und dabei von den Eliten an der West- und Ostküste belächelt, ihre Sorgen zu wenig ernst genommen. "Die finden auch nicht alle Trump toll", sagt Michael, "aber für sie ist es fast schon eine Art Klassenkampf."

Die Wut könnte entscheidend sein

Bestimmend ist offenbar die Wut der Menschen, die den wirtschaftlichen Niedergang vor allem der Industrie seit Jahren am eigenen Leib miterleben. Sie geben Washington die Schuld. In ihren Augen verändert sich in den Vereinigten Staaten zu schnell und vor allem zu viel. Die Angst dominiert, dass die weiße Mittelklasse irgendwann nicht mehr den Ton in der Gesellschaft angibt. Trump hat dieses Gefühl geschickt angezapft und mit seiner provozierenden Rhetorik die Spaltung des Landes vorangetrieben. Und die ist inzwischen überall zu spüren - der Riss geht auch durch viele Familien.

Menschen im Wohllokal. | Bildquelle: dpa
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Endlich wählen: Für viele Amerikaner ist die beste Nachricht des Tages, dass der lange Wahlkampf endlich vorbei ist.

... Hauptsache, es ist vorbei

Bei anderen Freunden von mir ist die Mutter Hillary-Fan und hat Angst davor, was passiert, wenn Trump gewinnt. Ihr Mann dagegen ist auf der Seite des Mannes, der Amerika angeblich wieder groß machen will. Er bombardiert auch uns förmlich mit E-Mails, die vermeintliche Skandale und angebliche "Verbrechen" von Hillary Clinton aufdecken.

Egal, wer gewinnt: Die USA werden lange brauchen, um wieder zu einem einigermaßen geeinten Land zu werden - wenn es überhaupt gelingen sollte. Einig sind sich die Menschen, mit denen ich geredet habe, allerdings schon jetzt in einem: Sie alle sehnen sich danach, dass es endlich eine Entscheidung gibt. Der Überdruss angesichts von rund anderthalb Jahren schmutzigen Wahlkampfes ist gewaltig.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2016 in den Sondersendungen ab 09:00 und ab 16:00 Uhr.

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