US-Talkshow-Host Jimmy Fallon greift Donald Trump in die Haare. | Bildquelle: AP

Die Rolle der Talker im Wahlkampf Das bisschen Spaß

Stand: 04.11.2016 21:08 Uhr

Millionenquoten jede Nacht und Zuschauer, die ihre Talkshow-Helden vergöttern. Besonders junge Menschen bekommen ihre Politiknachrichten pointiert serviert von den Late-Night-Shows. Welchen Einfluss haben Amerikas Nachtprogramme auf die Präsidentschaftswahlen?

Von Christian Schweppe für tagesschau.de

In Amerika sagen sie: Late-Night-Shows sind Thermometer und Thermostat in einem. Wer sich als Politiker dorthin traut, bekommt meist eine ehrliche Rückmeldung, wo er steht und wie ihn Publikum und Moderator finden. Gleichzeitig kann ein kurzer Gig nach 23 Uhr Skandale und Imageprobleme herunterkühlen. Wenn es gut läuft. 

Kate McKinnon und Hillary Clinton | Bildquelle: AP
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Bei "Saturday Night Live" bekommen Politiker regelmäßig ihr Fett weg.

Die Quoten der Shows lassen die Auflagen von Zeitungen und US-Nachrichtensendungen verblassen, jede Nacht treten Amerikas Stars der Late-Night-Comedy vor einem Millionenpublikum auf. Alle Tage der Arbeitswoche, und am Wochenende übernimmt die Institution "Saturday Night Live" auf NBC, inzwischen in der 42. Staffel. Am Samstag sendet das Ensemble sein großes Finale vor der Wahlnacht - die Erwartungen sind enorm.

Wahre Meinungsmacher oder Fake News?

Hinter all der Show, dem Glitzer und den vielen billigen Lachern steckt tatsächlich auch politisches Potenzial. So viel, dass sich seit einiger Zeit auch die Forschung mit der vollen Dröhnung Comedy beschäftigt und systematisch herausfiltern möchte, welchen Einfluss sie auf den Ausgang der Präsidentschaftswahlen haben könnte. Einfach ist das nicht, dafür sind schlicht zu viele Unbekannte im Spiel. Zwei Umstände allerdings sprechen dafür, dass die nächtliche Volks-Bespaßung nicht ohne Folgen bleibt.

Erstens haben sich die Shows selbst seit Beginn der 2000er-Jahre immer stärker politisiert, insbesondere während der Wahlkampf-Phasen. Und zweitens ist inzwischen auch das Publikum, das regelmäßig einschaltet, bisweilen politischer geworden: Es misst den Sketchen und Witzen der Late Night enorme Bedeutung zu. Für viele ersetzt sie die tägliche Portion News. Es gibt Studien, nach denen schon bei der letzten US-Wahl 2012 mehr Amerikaner "Saturday Night Live", "Daily Show" und "Tonight Show" einschalteten, um Informationen über das Präsidentschaftsrennen zu bekommen, als sie dafür Zeitungen nutzten.

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Die Late-Night-Talker und ihre Formate

Seth Meyers

Seth Meyers - Late Night
Meyers ist im Tagesgeschäft unterwegs und muss jede Nacht Witze abliefern. Comedians wie ihn zwingt das zu Routine und seichten Lachern. Allerdings bringt Meyers viele Jahre Erfahrung von "Saturday Night Live" mit und versucht in diesem Wahlkampf deutlich stärker, klare Positionen zu vertreten - insbesondere gegen Donald Trump. | Bildquelle: picture alliance / AP Images

Mit dem Potenzial steigt der Druck - Krise der jungen Wilden?

Ausgerechnet im Jahr der Wahl steckt die Szene im Umbruch: Ikonen wie Jon Stewart von der Daily Show, Jay Leno aus der Tonight Show oder Late-Show-Legende David Letterman sind inzwischen in Rente. Ihre Nachfolger mussten sich erst finden - und starteten unter enormem Druck.

Obama in der Late Night Show mit NBC-Starmoderators Jay Leno | Bildquelle: REUTERS
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Barack Obama mit dem damaligen NBC-Moderator Jay Leno

Besonders Donald Trump macht ihnen das Leben schwer. Das Problem: Im Grunde scheint Trump bereits selbst eine Karikatur, ohne das Zutun jeder Gagschreiber. Sein Aussehen, seine Art zu reden, seine Familie und der Lebensstil, all das ist bereits eine einzige Übertreibung. Wenn Stephen Colbert dann noch sagt, Trump sehe aus wie ein riesiger Kürbis, klingt das fast redundant.

Kritiker haben außerdem während des Vorwahlkampfes immer wieder härtere Fragen in Interviews gefordert und das seichte Niveau mancher Show bemängelt. Sie wissen um das eigentliche Potential der Late Night, als Korrektiv und Kommentar-Möglichkeit. Ein Mikrokosmos, der den Rahmen setzt, in dem Politiker und mögliche Präsidenten wahrgenommen werden. Was hier gesagt wird, kann sie jahrelang verfolgen.

Könnte Late-Night-Comedy in dieser Weise den Ausgang der Wahl am Dienstag noch weiter beeinflussen? Fakt ist, dass vor allem junge Amerikaner zwischen 18 und 29 Jahren viel Zeit der Woche damit verbringen, abends einzuschalten. Viele beziehen Nachrichten rund um die Kampagnen der Präsidentschaftsbewerber allein aus Late-Night-Comedy-Shows. Ihr Erfolg basiert auch auf der Schwäche traditioneller Medien und Nachrichtenformate in Amerika.

Das allerdings scheint auch ein Problem, denn nicht immer werden nachrichtliche und journalistische Standards in den Shows eingehalten. Letztlich sind sie - trotz aller politischen Aufladung - doch: Entertainment. Manche sagen: Fake News.

Das sagt die Expertin für politischen Humor

Alison Dagnes ist Politikprofessorin und hat ein Buch über politischen Humor geschrieben. Sie sagt: Einen direkten Einfluss auf den Wahlausgang zu messen, sei extrem schwierig. "Ich halte ihn auch für nicht sehr groß. Dazu ist das Publikum - trotz der Größe - zu fragmentiert." Indirekt aber gebe es durchaus einen Zusammenhang, schließlich erlauben Auftritte vor Millionenpublikum im Fernsehen immer, seine Popularität als Politiker zu steigern.

Late Night @LateNightSeth
From tonight’s #ACloserLook: How could anyone choose between Trump and Clinton? https://t.co/lUc6pVY3D5

Und so hat auch der politische Witz seinen festen Platz in der Polit-Kultur Amerikas. "Das ist auch gut so", sagt Dagnes. Late-Night-Comedy sei letztlich eine pointierte Form des Kommentars. Außerdem: "In diesem Jahr ist die Stimmung im Wahlkampf so grimmig, da kann es nicht schaden, öfter mal über die beiden Kandidaten zu lachen", meint Dagnes.

Dieser Wahlkampf allerdings hat es den Gagschreibern wirklich nicht leicht gemacht. Donald Trump hat bis zuletzt die beste Persiflage abgeliefert, die sich überhaupt jemand hätte ausdenken können über einen potentiellen Präsidenten. Und seine Gegnerin Hillary Clinton kämpft noch immer mit ihren E-Mails, zuletzt befeuert durch die Langzeitfolgen des Sextings des Ex-Mannes ihrer engsten Beraterin. Das kann man sich eigentlich nicht ausdenken.

Es scheint: Die besten Witze schreibt in diesem Jahr der Wahlkampf selbst. Amerikas Elite der Late-Night-Comedy hat es an manchen Abenden schwer, noch mitzuhalten - keine Pointe.

Über dieses Thema berichtete die Reportage "Wie ticken die Amerikaner" am 06. November 2016 um 23:35 Uhr.

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