US-Wahl: Der 8. November

Historische Rituale bei der US-Wahl Warum immer am Dienstag?

Stand: 08.11.2016 03:01 Uhr

"Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre ..." - aus vielerlei Gründen ist die deutsche "Sonntagsfrage" in den USA fehl am Platz: Gewählt wird hier nämlich an einem Dienstag. Und streng genommen auch gar nicht der Präsident, sondern die Wahlmänner. Warum eigentlich?

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Schon früh in der Geschichte der noch jungen Demokratie in den USA gab es Diskussionen darüber, an welchem Tag die Präsidentschafts- und Kongresswahlen stattfinden sollten. In den einzelnen US-Bundesstaaten wurde an unterschiedlichen Tagen gewählt - nie jedoch an einem Sonn- oder Feiertag, betont der Historiker und Politikwissenschaftler Allan Lichtman von der American University in Washington: "Amerika war und ist immer noch ein sehr religiöses Land, damals fast komplett protestantisch. Völlig undenkbar, eine Wahl auf einen Feiertag zu legen!"

Stattdessen entschieden die Kongressabgeordneten im Jahr 1845, dass Präsidentschafts- und Kongresswahlen immer an einem Dienstag im November stattfinden sollen. Genauer gesagt: am Dienstag nach dem ersten Montag im November. Damit sollte vermieden werden, was sonst in diesem Jahr passiert wäre: Die Wahl hätte am Dienstag, den 1. November, stattfinden müssen. Das war Allerheiligen, ein Feiertag - dagegen hätte die katholische Minderheit protestiert.

Es zählen die Wahlmänner

Also wird in diesem Jahr am Dienstag, den 8. November, gewählt: und zwar streng genommen nicht der Präsident, sondern erst einmal die Wahlmänner in den einzelnen Bundesstaaten. Auch das ist eine historische Besonderheit in den USA. Erst wenn die Wahlmänner sechs Wochen nach der Wahl ihre Stimme abgeben, ist der neue US-Präsident offiziell gewählt.

Dezember 1940: Wahlmänner aus New York geben ihre Stimmen ab. (Archiv) | Bildquelle: AP
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Aus dem Archiv: Am 16.12.1940 geben Wahlmänner aus New York ihre Stimmen für den amerikanischen Präsidenten ab. Nach dieser Wahl trat Franklin D. Roosevelt - entgegen der Tradition - seine dritte Amtszeit an.

Ein Relikt aus dem 18. Jahrhundert, erklärt Allan Lichtman. Die Verfassungsväter in den USA seien zwar überzeugte Demokraten gewesen. Aber sie hatten Angst vor populistischen Demagogen: "Sie haben das Volk geschätzt, aber nicht wirklich geliebt, weil es sich leicht durch skrupellose Demogogen beeinflussen lässt. Also wollten sie weise Männer als Wahlmänner zwischen die Wähler und den Präsidenten setzen."

In sechs Wochen per Kutsche nach Washington

Das "Wahlmänner-Kolleg" also als eine Art "Sicherheitspuffer zum Schutz vor Demagogen". Das hört sich in Zeiten rechtspopulistischer Politiker gar nicht so altmodisch an. Theoretisch wäre es also möglich, einem vom Volk gewählten Präsidenten die Zustimmung durch die Wahlmänner zu verweigern. In der Praxis - so Lichtmans Einschätzung - würde dies Amerika vermutlich an den Rand eines Bürgerkriegs bringen.

Dass nicht etwa die meisten Wählerstimmen entscheidend sind, sondern die Mehrheit der Wahlmänner, war zuletzt im Jahr 2000 zu sehen. Damals bekam Al Gore zwar die meisten Wählerstimmen in den USA. Aber bei den Wahlmännern hatte George W. Bush knapp die Nase vorn.

Dass die Wahlmänner ihr Votum erst sechs Wochen nach dem Wahltag, also Mitte Dezember, abgeben, hat ebenfalls historische Gründe. Im 18. Jahrhundert konnte es bis zu sechs Wochen dauern, mit der Pferdekutsche aus den entlegensten Teilen der USA in die Hauptstadt zu reisen.

Zeit, die Mannschaft zusammenzustellen

Der eigentliche Machtwechsel findet noch später statt: am Tag der Amtseinführung, normalerweise um den 20. Januar herum. Der neue Präsident soll genügend Zeit haben, um seine Regierungsmannschaft zusammenzustellen. Auch die "Inauguration Ceremony" im Januar besteht aus vielen Ritualen: "Der scheidende und der neue Präsident fahren gemeinsam zur Amtseinführung vor dem Kapitol. Ein Symbol für Loyalität und den friedlichen Übergang der Macht", erklärt Lichtman.

Auf die Rituale der friedlichen Machtübergabe sind die Amerikaner besonders stolz. Denn das unterscheidet die US-Demokratie von all jenen Ländern, in denen sich die Führer nicht von der Macht trennen können. Schon der erste amerikanische Präsident George Washington trat freiwillig nach zwei Amtsperioden ab, weil er überzeugt war, dass spätestens nach acht Amtsjahren Korruption einsetzt.

Warum immer Dienstags?
M. Ganslmeier, ARD Washington
03.11.2016 12:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. November 2016 um 11:49 Uhr

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